„Unsere Hunde greifen niemanden an“, sagte der jüngere Mann und grinste. „Sie sind abgerichtet und reagieren nur auf Befehl. Du warst nicht in Gefahr.“
„So hat es für mich nicht ausgesehen“, zischte Jessy. Sie wollte sich ihre Angst nicht anmerken lassen. „Der eine hätte mich fast ins Bein gebissen.“
Als sie das Bein zur Demonstration heben wollte, durchzuckte sie wilder Schmerz und sie taumelte zur Seite. Der größere Mann streckte den Arm aus und stützte sie.
„Bist du verletzt?“ fragte er.
„Nichts Schlimmes. Ich bin da runter gefallen.“ Sie wies auf den Abhang. „Habt ihr vielleicht ein Handy, damit ich jemanden anrufen kann, der mich abholt? Ich kann nicht auftreten.“
„Was meint sie?“ fragte der Jüngere leise seinen Freund. Der Große zuckte die Schultern. Jessy stöhnte. An was für Typen war sie da denn geraten? Jetzt fiel ihr auch deren seltsame Kleidung auf. Sie trugen lederne Brustharnische, graue Hemden mit weiten Ärmeln und Pfeil und Bogen…
„Entschuldige, aber was für eigenartige Kleider trägst du?“ fragte sie da der junge Kerl neugierig. Er hatte lustige braune Augen und eine Stupsnase. Sein Haar war militärisch kurz geschnitten. Er deutete auf das große, reflektierende Nike-Zeichen auf ihrer Brust.
„Was ich trage?“ fragte sie spöttisch. „Ihr zwei seht aus, als kämt ihr aus einem Mittelalter-Rollenspiel.“
Nun sah der Junge seinen älteren Begleiter nur fragend von der Seite an.
„Wie auch immer“, sagte Jessy seufzend. „Könntet ihr mich wenigstens den Hügel hinauf stützen? Dann finde ich schon einen Spaziergänger der mir hilft.“
Und der normal im Kopf ist, fügte sie im Stillen hinzu.
„Tja, das würde ich wohl gern tun“, sagte der große Kerl. „Aber da oben ist nichts, Kleine. Nur Wiesen. Sag mal, woher kommst du?“
„Was redest du denn? Da oben ist die verdammte M11 und ein riesengroßer Radweg“, sagte Jessy gereizt und wandte sich ab. „Ich sehe schon, hier kriege ich wohl keine Hilfe.“
Noch bevor sie ihre erneute trotzige Kletterpartie beginnen konnte, packte der Hüne sie von hinten um die Mitte und schleppte sie mit wenigen Schritten den Hügel hinauf. Dass Jessy erschrocken zeterte und sich wehrte schien ihm gar nichts auszumachen. Oben angekommen setzte er sie vorsichtig ab und hielt ihren Arm, damit sie das verletzte Bein nicht belasten musste. Jessy wurde schwindlig.
Sie starrte auf – nichts. Wiesen und Felder bis zum Horizont. Ein paar kleine Häuser in weiter Ferne.
Kleine farbige und schwarze Punkte flimmerten vor ihren Augen und sie rieb sich die feuchte Stirn.
„Das kann doch nicht sein“, murmelte sie. War das alles nur ein Traum? War sie noch immer bewusstlos? Oder noch Schlimmeres…?
„Vielleicht bist du ein wenig auf den Kopf gefallen“, sagte der Große neben ihr freundlich. „Aber falls du eine Straße suchst, hier gibt es keine.“
„Aber… die Autos, ich habe sie doch gehört…“ Jessy schaute sich um. Auch jetzt noch hörte sie das Verkehrsrauschen ganz deutlich. Doch keine Autos weit und breit. Keine Spaziergänger mit Hunden und keine Jogger. Nur Bäume. Bäume in denen der Wind spielte und sie verräterisch rauschen ließ.
„Ich glaube, mir wird schlecht“, sagte sie und klammerte sich an den kräftigen Arm.
„Dennit, komm hier hoch“, schrie der Mann und sofort kam sein junger Freund den Hügel herauf, als stelle er überhaupt kein Hindernis dar. Man hielt Jessy eine Flasche an die Lippen und sie trank ein paar Schlucke. Es war kühles Wasser, das nach Leder schmeckte.
„Danke“, murmelte sie. Der große Mann war neben ihr in die Hocke gegangen.
„Hör mal, sag uns einfach, woher du kommst und wir bringen dich zurück. Manchmal passiert so etwas, wenn man fällt. Du bist nur ein wenig verwirrt.“
„München“, antwortete Jessy schwach, aber sie ahnte, dass das diesen Männern nichts sagen würde. „München in Deutschland.“
Sie blickte flehend in die freundlichen Augen, die auf sie gerichtet waren und sah deutlich, wie die Männer einen argwöhnischen Blick wechselten.
„Das nächste Dorf ist Rauchtal. Meinst du das?“ fragte der Junge. „Oder bist du aus Ovesta? Wie bist du hier her gekommen? Hast du ein Pferd?“
Hilflose Tränen stiegen in Jessys Augen, die sie wütend zurück drängte. Das konnte doch nur ein Traum sein. Ein schlechter Scherz. Die versteckte Kamera? Aber wohin war dann die verfluchte Straße verschwunden?
„Das ist echt nicht lustig. Ich möchte jetzt telefonieren“, krächzte sie. Ein dicker Kloß hatte sich in ihrem Hals gebildet.
„Du bist ein bisschen aufgeregt, Kleine. Wir nehmen dich erstmal mit zu uns, dort kannst du dich ausruhen und dann wird es dir schon wieder einfallen. In Ordnung?“
Trotz seiner Körpergröße und dem verschrammten Gesicht klang die Stimme des Mannes sehr freundlich und das tröstete Jessy aus irgendeinem Grund. Sie nickte.
„Dennit, hol die Pferde. Lass das Wild liegen, wir holen es später. Wie ist dein Name?“
„Jessy“, sagte sie. „Ich heiße Jessy.“
„Ich heiße Bosco. Darf ich dich hochheben, Jessy?“
„Grade eben hast du mich auch nicht gefragt“, antwortete sie. Bosco lächelte verschmitzt. Er hatte viele Lachfalten und seine Haut war von Wind und Wetter gegerbt wie die eines Seglers.
„Naja, manchmal vergesse ich eben meinen Anstand, wenn es darum geht, verletzte Damen Hügel hinauf zu schleppen.“
Auf seinen Armen trug er Jessy hinunter auf die Wiese. Es tat gut, den Blick von dieser fremden Landschaft abzuwenden, die es hier doch gar nicht geben durfte. Dennit brachte zwei große Pferde aus dem Wald hervor. Nun zögerte Jessy doch. Sollte sie wirklich mit diesen Männern mitgehen? Zwei Fremde in Verkleidung – auf Pferden? Aber weit und breit war keine Menschenseele, sie konnte nicht laufen und hatte tatsächlich auch keinen Schimmer, wo sie sich befand. Wie war das nur passiert? Wieder setzte dumpfes Hämmern in ihrem Kopf ein, während sie versuchte, sich auf eine Erklärung zu konzentrieren.
Sie hatte Hunger und Durst und auf gar keinen Fall wollte sie hier draußen alleine bleiben und auf die Nacht warten. Und sie spürte, dass von den Männern keine Gefahr ausging, obwohl sie mit Messern bewaffnet waren. Sie hatte keine andere Wahl, als ihrem Bauchgefühl zu folgen.
Bosco stieg auf sein Pferd und Dennit half ihr, sich dahinter auf den breiten Rücken des Tieres zu schwingen. So ein riesiges Pferd hatte Jessy noch nie gesehen, ihre Erfahrungen beschränkten sich auf Reiterferien als sie zwölf gewesen war. Sie klammerte sich an Boscos mächtigen Rumpf und hoffte, nicht allzu sehr durchgeschüttelt zu werden. Doch ihre Hoffnung wurde enttäuscht. Die Männer legten ein irrsinniges Tempo vor und mehr als einmal befürchtete sie, gleich auf dem Boden zu landen.
Sie ritten durch einen Wald, der ganz sicher nicht der kleine Forst war, den Jessy kannte. Der Weg war schmal und von dicht stehenden, alten Bäumen gesäumt. An manchen Stellen waren die Schatten im Unterholz beunruhigend finster. Schließlich schloss Jessy die Augen und konzentrierte sich nur darauf, sich festzuhalten und die Bewegungen des Pferdes nachzuvollziehen. Als dieses den Schritt verlangsamte, spürte sie die Sonne auf ihrem Gesicht.
Sie hatten den Wald verlassen und ritten nun auf einem breiten Weg durch ordentliche Weiden, auf denen Pferde grasten. Am blauen Himmel tummelten sich Schäfchenwolken und vor ihnen erhob sich, hellgrau und majestätisch, eine gewaltige Burg. Auf den Zinnen und Türmen flatterten bunte Fahnen. Das größte Banner zeigte eine geballte graue Faust auf rotem und blauem Grund. Jessy sah winzige Männer auf den Mauern patrouillieren. Der Mund blieb ihr offen stehen.
„Was zur Hölle ist das?“ fragte sie schrill. Boscos wandte halb den Kopf und sein Körper erbebte unter verhaltenem Gelächter.
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