Klaus war schließlich kein junger Hüpfer mehr, hatte die Mitte sechzig bereits überschritten, außerdem war er müde und hungrig. Ehe seine Frau womöglich noch etwas anderes sagen konnte, schlug er vor, schnellstens weiterzufahren.
„Weißt du was, wir quartieren uns irgendwo in einem schönen Hotel oder meinetwegen auch einer Pension ein. Morgen fangen wir dann an, dein Elternhaus zu suchen ...“
Martina sah mit verlorenem Blick der Entenfamilie hinterher und signalisierte weder Zustimmung noch Ablehnung. Er glaubte zu verstehen und fügte sofort hinzu: „Das heißt, wenn du das tatsächlich noch willst. Vielleicht ist es ja für dich zu schwierig ...“
Martina war dankbar für sein Verständnis, aber nun gab es wohl kein Zurück mehr. Es waren schätzungsweise nur noch knapp zwanzig Kilometer bis zum Ort des damaligen Geschehens ... Aufgeben kam für sie nicht infrage.
Ach, du liebe Auguste , dachte sie wieder an die Mutter ihrer Pflegemutter, deine Strenge trägt immer noch Früchte. „Was man einmal angefangen hat, das muss man auch zu Ende führen!“
Martina hörte ganz deutlich Augustes dünne Fistelstimme und musste unwillkürlich lächeln.
Klaus deutete ihr Lächeln als Zustimmung zu seinem Vorschlag.
„Weißt du, was ich noch nicht ganz verstehe?“
„Was denn?“
„Du warst doch damals noch bei deiner Mutter und den Geschwistern. Gut, der Robert war gestorben, aber wie bist du dann eigentlich abhandengekommen?“
Er lächelte sein gekräuseltes Lächeln, weil ihm die Wendung „abhandenkommen“ als sehr gut geeignet erschien, der Geschichte ihre melodramatische Spitze zu nehmen.
Auch Martina bemühte sich nun ihrerseits um ein Lächeln, das ihm galt und nicht Auguste.
„Na, vor dem Abhandenkommen sollen ja noch eine Menge anderer Sachen passiert sein“, wandte sie ein.
„Aber davon erzähle ich dir vielleicht doch lieber heute Abend, im Hotel. Vielleicht bei einer Flasche Rotwein?“
Einträchtig kletterten sie die sanfte Böschung hinauf, ließen Neuteich, Entenfamilie und Campingplatz hinter sich und fuhren in Richtung Litvinov (Oberleutensdorf) weiter.
9. Notdürftiges Nachtlager
Martina zitterten die Knie, als sie durch Lom, das frühere Bruch, fuhren. Sie hatten sich noch vor der Abreise telefonisch erkundigt, ob es ein Hotel oder eine Pension in diesem Ort gäbe. Weil der Bescheid negativ ausgefallen war und es überdies schon dämmerte, waren sie, ohne weiter nach links und rechts zu schauen, geschweige denn anzuhalten und auszusteigen, durch den Ort hindurch gefahren. Außer einer langen Friedhofsmauer, die von einem schmiedeeisernen Tor unterbrochen war, einer abschüssigen, schadhaften Straße und ein paar Häusern, einige davon mit frischem Anstrich, viele jedoch auch noch ziemlich verwahrlost, hatten sie im Vorüberfahren nichts Besonderes entdeckt.
Klaus gähnte hinter dem Lenkrad, kein Wunder dass er so schnell wie möglich ein Bett für die Nacht finden wollte.
„Und etwas zwischen die Kiemen brauche ich, vielleicht werde ich ja dann wieder munter!“
Klaus hatte ziemlich leise gesprochen, Martina hatte ihn vielleicht nicht gut verstanden. Deshalb fühlte er sich gemüßigt, noch etwas lauter zu ergänzen: „Den Rotwein nicht zu vergessen – und die Geschichte!“
Martina hörte anscheinend nur mit halbem Ohr zu und deutete gleich darauf aufgeregt nach links. Sie waren soeben am weißen Ortseingangsschild von Litvinov (Oberleutensdorf) vorbeigefahren.
„Sieht aus wie ein Schiff, das Haus.“
Klaus hatte nur einen gelangweilten Blick auf das hohe dreigeteilte Gebäude geworfen.
„Es ist ein Hotel!“
Sofort spannten sich seine Gesichtsmuskeln in freudiger Erwartung.
„Tatsächlich?“
Voller Schwung bog Klaus nun auch schon auf den fast leeren Parkplatz ein. Er las das Wort „KOLDUM“, das in riesigen Lettern im Halbkreis über dem Eingang prangte, mit donnerndem Pathos vor und lachte.
Doch die Freude sollte nicht von langer Dauer sein. Das riesige halbierte Sechseck machte weiß Gott keinen sehr einladenden Eindruck. Offenbar wurde nur der Mittelteil als Hotel genutzt, in den links und rechts angrenzenden Hochhäusern befanden sich unzählige Wohnungen, aus deren geöffneten Fenstern ohrenbetäubender Lärm quoll. Auf den meisten Balkonen flatterte Wäsche auf wackligen Trockengestellen, was dem Ganzen eine gewisse Farbigkeit verlieh.
Der Betonklotz selbst allerdings hatte nur eine einzige Farbe aufzuweisen, und die hieß grau. Der Putz war an vielen Stellen abgebröckelt, ein tristes Bild, das Martina noch aus früheren Zeiten kannte.
Auch innen bot das Hotel keinen sehr freundlichen Anblick. Die langen Flure waren mit abgeschabtem, nur an den Rändern noch glänzenden PVC-Belag aus den Siebzigerjahren ausgelegt, die Rezeption mit irgendwelchem Glitzerzeug bespannt, dessen Aussehen an den Sitzungstisch eines Elferrates zur Faschingszeit erinnerte.
Der junge Mann dahinter jedoch, in seiner dunklen engen Hose, dem weißen Hemd, mit Fliege und dezent karierter Weste, empfing sie gerade so freundlich, dass man es nicht als devot empfinden konnte. Der Preis für ein Doppelzimmer stellte sich zudem als äußerst günstig heraus, und, was vielleicht das Ausschlaggebende war, der Duft von gebratenem Fleisch war aus der Küche bis zu ihren Nasen vorgedrungen.
Kurz: Sie entschlossen sich, vorerst hierzubleiben und fanden sich gleich darauf in einem dunklen, fast düsteren Doppelzimmer im siebenten Stock wieder.
Martina versuchte, die weinroten Samtvorhänge aufzuziehen, was sich als ziemlich schwierig erwies, weil Zwicker, Röllchen und Stoff an einigen Stellen schon aus den Laufschienen herausgerissen waren.
Als sie es endlich geschafft hatte, wünschte sie sich, sie hätte es lieber bleiben lassen.
Mit so einem Anblick hatte sie nun doch nicht gerechnet: Der Teppichboden, das war selbst im Dämmerlicht zu erkennen, strotzte vor Flecken, die braunen Wände nicht minder. Außerdem blätterte überall die Farbe ab. Ein schepperndes, ratterndes Geräusch ließ sie herumfahren.
Klaus war auf der fensterlosen Toilette und hatte damit wohl automatisch einen lärmenden Lüfter in Gang gesetzt.
„Hier bleibe ich nicht“, rief sie entnervt zu ihm hinüber.
„Ach komm, so schlimm ist es doch nicht, es roch doch so gut aus der Küche.“
Aha, daher wehte der Wind.
Ihr Blick fiel resigniert auf die Betten, die Bettwäsche war anscheinend sauber, auf jeden Fall gut gemangelt. Nun machten sich Müdigkeit und Hunger auch bei Martina bemerkbar, und sie musste einräumen, dass diese beiden manchmal doch sehr starke Entscheidungshelfer sein konnten.
„Wir könnten ja schnell etwas essen – und dann noch ein wenig ausgehen?“
Bei ihrem absonderlich klingenden Vorschlag war sie davon ausgegangen, dass sie ja nach einer ausgiebigen Dusche und einem frischen Salat möglicherweise schon nicht mehr ganz so müde sein würden.
Ihren geliebten trockenen Rotwein wollte sie in diesem Haus um keinen Preis trinken.
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