Er wollte eben immer bei seiner Familie sein, das wussten alle. Margots Herz zog sich bei diesem Gedanken wieder heftig zusammen, irgendetwas Unbekanntes, Unsichtbares drückte nun schmerzhaft auch auf ihren Magen. Dieser ständig anschwellende Druck machte ihr erneut bewusst, dass alles, was sie heute gesehen und gehört hatte, gar kein Albtraum gewesen sein konnte.
Ihr wurde übel. Dennoch setzte sie mechanisch weiter einen Fuß vor den anderen, kam bald am niedrigen Küchenfenster an. Das war das einzige, dessen Flügel meistens, so auch jetzt, weit offen standen. Die Großmutter hatte ihrer Schwiegertochter unmissverständlich gesagt, dass der Dunst vom Kochen die Wände schnell unansehnlich werden ließe, wenn Hella das Küchenfenster weiter geschlossen hielte. Von Stund an wurde im Hause Riedel sehr gründlich gelüftet. Großmutter war eben auch für Hella eine Respektsperson.
Als Margot nun stehen blieb und hineinschaute, sah sie plötzlich alle, die sie draußen vergeblich gesucht hatte: Winzling Robert und die kleine Martina im Schlafkorb, Christiane saß auf der Ofenbank, Kurt hockte auf dem Fußboden davor. Mathilde schüttete, lässig an den weißen Küchenofen gelehnt, in aller Seelenruhe Tee aus der braunen Emaillekanne, die wie jeden Tag frisch gefüllt auf dem Herd stand, in einen Becher. Doch Margot spürte, dass an diesem friedlichen Bild irgendetwas falsch war. Etwas stimmt hier nicht, überlegte sie. Aber was?
Plötzlich entdeckte sie auch die Frau ihres Vaters. Sie war dem Mädchen in jenem Augenblick so fremd, dass sich alles in ihr sträubte, das Wort Mutter oder Stiefmutter auch nur zu denken. Hella stand heftig zitternd, mit aufgelöstem Haar, offenem Mund und ruhelosen Augen am Tisch. Als ihr Blick wie zufällig auf die Wäscheleine und das lange Brotmesser fiel, machte sich eine unerklärliche Entschlossenheit auf ihrem Gesicht breit.
Nun gab es kein Zurück mehr, die Frau schrie ihren ganzen Schmerz, ihre Verzweiflung hinaus, alle sollten hören, wie sinnlos jetzt dieses bisschen Leben für sie war. Sie alle wären doch sowieso verloren, was sollten sie also noch auf dieser Welt?
Durch Mathilde ging ein Ruck, alle ihre zur Schau gestellte Lässigkeit verließ sie von einem Moment zum anderen, das konnte Margot deutlich sehen – und sie hielt ängstlich den Atem an. Sie war wie gelähmt, konnte nicht einmal zu den beiden Kleinen laufen, um sich schützend über sie zu werfen. Wenn auch die spitzen Schreie der Mutter und deren zerstückelte Wortfetzen für die Kinder kaum verständlich waren, so hatten sie doch eines ganz sicher herausgehört: Die Mutter wollte erst ihnen und dann sich selbst ans Leben!
Christiane war mit ihren dicken Beinen erstaunlich schnell von der Ofenbank gerutscht, Kurt hatte etwas mehr Mühe, sich vom Fußboden hochzustemmen, nach dem ersten Versuch kippte er auch gleich wieder um, aber er probierte es, angesteckt von der allgemeinen Aufgeregtheit, gleich noch einmal. Diesmal klappte es, so hielt er sich am Stuhlbein fest, wobei er, immer noch heftig schwankend, in lautes Protestgeschrei ausbrach.
Mathilde hatte vor Schreck das weiße Henkeltöpfchen fallen lassen, sodass der Pfefferminztee eine längliche Pfütze auf den Fußboden zeichnete, die aussah wie Amerika.
Der Vater hatte den Kontinent manchmal auf Packpapier gezeichnet und von Columbus und den Indianern erzählt. Ein andermal hatte er kurz erwähnt, dass „die Sozis nach Amerika geflohen“ wären, um „diesem Hitler“ zu entgehen. Aber das hatten die Mädchen damals noch nicht verstanden. Die Angst mancher Erwachsenen vor dem Onkel mit dem Bärtchen über der Lippe war für sie sowieso unbegreiflich. Warum sollte man denn Angst haben vor einem, der doch ihre schöne Siedlung hatte bauen lassen, für Familien mit vielen Kindern, für solche wie sie also? Doch als Margot einmal danach gefragt hatte, war selbst der Vater höchst unwirsch geworden und hatte sie als einen „Naseweis“ bezeichnet.
Die Kinder aus der Küche rannten jetzt los, sie steuerten zielgerichtet auf ihre große Schwester zu. Sie würde alles tun, um ihre Geschwister zu beschützen. Margot konnte es unschwer an ihren Gesichtern ablesen, wie fest sie daran glaubten.
Mathilde, selbst nur ein Jahr jünger, rief ihr noch im Laufen zu: „Hast du mitgekriegt, was die vorhat?“
Mit „die“ war ganz offensichtlich die Stiefmutter gemeint.
Margot hatte natürlich alles mitbekommen, aber am liebsten hätte sie Mathilde an den Kopf geworfen, dass sie ja selbst noch nicht einmal zwölf Jahre alt sei und sich nicht imstande fühle, den Erwartungen der anderen gerecht zu werden. Lasst mich in Ruhe, ich kann euch nicht beschützen, ich bin nicht so stark, wie ihr glaubt , dachte sie verzweifelt. Sie wollte weg, einfach nichts wie weg hier.
„Ta-tante Klara muss helfen“, stotterte sie laut und wusste, dass es so aussah, als wolle sie damit ihre Flucht vor den Jüngeren rechtfertigen. Doch die Scham über ihr Verhalten war ihr nur ganz kurz übers Gesicht geflammt, es war ihr schon im nächsten Moment völlig gleichgültig, was die anderen von ihr hielten. Sie wollte nur so schnell wie möglich alles hinter sich lassen.
Nach ein paar Metern auf der staubigen Straße, neben dem Bach, an dem sie immer spielten, wäre Margot fast mit Klara zusammengestoßen.
Atemlos keuchte das Mädchen.
„Hilfe, sie will uns alle aufhängen – wir wollen doch noch nicht sterben …“
Es war nicht nötig, noch ein weiteres Wort zu verlieren, die Nachbarin verstand sofort, sie hatte ja das makabre Pferdegespann ebenfalls gesehen, und nicht nur das. Voll ohnmächtiger Wut hatte sie hinter der Gardine gestanden und alles verfolgt. Wenn sie sich auch wegen ihrer Passivität schämte, war ihr doch jede Art von Selbstbetrug fremd und sie musste sich rasch eingestehen: Manchmal ist die Angst eben doch viel stärker als die Wut.
Nun überlegte sie aber nicht mehr lange, griff nach Margots Hand, die diese ihr nur widerwillig überließ und lief eilends mit der Kleinen zurück. Dabei schloss sie ihre Hand so fest um die des Mädchens, dass es kein Entrinnen mehr gab.
Mit einem Blick hatte Klara erfasst, dass sich Mathilde, Christiane und Kurt hinter dem Holunderstrauch versteckt hatten. Gut so. Aber was war mit den Kleinen?
Sie zog das Mädchen weiter bis vor die Küche. Margot hatte auf den paar zurückgelegten Metern ihre Fluchtgedanken fallen gelassen, wenn auch schweren Herzens. Als sie atemlos die Küchentür aufstießen, hatte die Mutter gerade die kleine Martina losgelassen, die schrie, denn ihr Kopf steckte in einer Schlinge. Mit einem einzigen riesigen Satz waren Margot und Klara am Tisch, die Nachbarin fing den winzigen Körper in letzter Sekunde auf, bevor das Seil sich straffen konnte.
„Hella, was machst du da!“
Es war Margot, die jetzt über ihren eigenen Schrei erschrak, außerdem hatte sie ihre Stiefmutter wieder beim Vornamen gerufen. Aber diesmal reagierte diese nicht wie sonst, denn bei solchen Gelegenheiten war ihr schon öfter die Hand ausgerutscht.
Eigentlich reagierte sie überhaupt nicht.
Sie wandte sich nur unbeteiligt ab und rückte einen Topf mit weißen Bohnen auf dem Herd beiseite. Als wäre es jetzt das Wichtigste, dass das Mittagessen nicht anbrannte.
„Sie atmet noch“, stieß Klara erleichtert aus, streifte hastig die Schlinge ab und streichelte mit fahrigen und dabei doch so zärtlichen Bewegungen den fast kahlen kleinen Kopf, so, als wäre es ihr eigenes Baby und nicht das von Hella. Doch sie bekam keine Kinder, das hatte Margot schon vor längerer Zeit aus den Gesprächen der Erwachsenen aufgeschnappt.
Inzwischen hatten sich auch die anderen wieder bis an die offene Küchentür herangewagt. Weiter gingen sie vorsichtshalber nicht. Die drei verstörten Kindergestalten beachtete in diesem Moment sowieso niemand.
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