Inzwischen stehen im Dorf neben Lehmhütten auch Häuser aus Hohlblock- und Backsteinen mit schrägen Ziegeldächern. Mein Mann hatte Ende der 60-er Jahre aus vielen Familien Männer in Arbeit und Brot nach Frankreich gebracht. Die kamen nach Jahren zurück in ihr Heimatdorf und bauten Häuser. Im Dorf gibt es inzwischen eine Kanalisation. In den Häusern gibt es jetzt zwar fließendes Wasser, aber das benutzt man nur zum Geschirrspülen, Duschen und dergleichen mehr. Das Wasser aber für die Essenzubereitung oder für den Teekessel holt man sich generell draußen an der Wasserstelle, wo Quellwasser von den Bergen aus einem Rohr sprudelt. Ein Minarett wurde gebaut. Eine zweite Moschee wurde gebaut. Demirel schickte damals seine Wahlhelfer ins Dorf und versprach, einen Stausee für das Dorf bauen zu lassen, wenn er vom Dorf alle Stimmen zur Wahl bekäme und die Wahl gewinne. Er hat aus dem Dorf alle Stimmen bekommen. Er hat die Wahl gewonnen. Das Dorf hat den versprochenen Stausee bekommen. Einen Stausee mit vielen Wasserschleusen, die die Bauern gegen Bezahlung stundenweise zur Bewässerung ihrer Felder öffnen lassen können. Die Elektrifizierung kam in unser Dorf. Kühlschränke und Elektro-Wasserkochtöpfe zogen in die Haushalte ein, vereinzelt auch Waschmaschinen. Auf den Dächern der Lehmhütten mehren sich die Satelliten-Schüsseln und Sonnen-Kollektoren.
Aber weht Mal ein lautloser Wind über die Berge, der an den feinen Staubwehen über den Feldern in der Ferne zu erkennen ist, die sich immer wieder vom Boden erheben, dann erahnt man ein nahendes Gewitter. Kracht das Gewitter dann über das Dorf herein, liegen in der Regel auf den Bergen gleich ein paar Strommasten flach, und es kann schon Mal 24 Stunden und länger dauern, ehe wieder Strom auf der Leitung ist. Der Kühlschrank steht dann ganz lautlos in seiner Ecke, und mit den Stunden entsteht vor dem Kühlschrank eine Pfütze.
Inzwischen gibt es im Dorf auch drei Geschäfte. Sogar ein Leichenwagen mit bogenförmiger Überdachung steht vor dem Bürgermeisteramt, dessen Wasser elektrisch, bei Stromausfall aber auch mit Propangas erwärmt werden kann. Im Dorf wird gemunkelt, daß manch einer ganz gerne Mal vorübergehend sterben würde, um in diesem Superleichenwagen gewaschen zu werden.
Wir holpern mit unserem Traktor weiter aufwärts bis zum äußersten Feld unseres Dorfes, bis hin zum Samankaya-Terrain. Hier auf der Höhe halten wir mit unserem Traktor. Von meinem Hochsitz auf dem Hinterrad-Schutzblech aus habe ich bis zum Horizont hin einen herrlichen Panoramablick über die bewirtschafteten Felder unseres Dorfes. Nur eine Ebene zum Tscherkessen-Dorf auf dem Berg Karatonuz hin ist nicht einsehbar. Dort steht ein Hain mit uralten Bäumen. Bäume – eine Rarität hier in den Bergen. Mein Mann reißt aus seinem noch grünen Kornfeld ein Bündel Weizenähren aus und klemmt es unter den Traktorsitz. Die Saat steht gut, aber Regen wäre jetzt günstig. Im Nachbardorf hat es gestern ja geregnet. Aber bei uns auf dem Hof hatten nur die Bäume im Wind gewackelt.
Auf meinen Armen und den Handrücken machte sich ein Sonnenbrand bemerkbar. Das Gesicht blieb verschont, da ich mir den breitkrempigen Cowboyhut meines Mannes auf’s Haupt gesetzt hatte, denn ihm selbst drohte er bei der Crash-Tour durch die Schluchten Kleinasiens vom Kopf zu fliegen. Ich konnte den Hut immerhin mit einer Hand festhalten. Zurück ging es im Schleudergalopp durch und über die schroffe Naturwildnis. In einer Hand die Hutkrempe, die andere fest um die Sitz-Lehne auf dem Schutzblech gekrampft, versuchte ich, das Schütteltrauma tapfer zu überleben. In etwa 35 Grad seitlich zum Abgrund geneigt nahmen wir eine Kurve oberhalb eines steilen Abgrunds und bremsten uns kurz darauf bei 60 Grad Gefälle in einen Wassergraben, den wir dann mit Karacho nahmen. Die Geschwindigkeit trug uns am anderen Ufer in eine steile Aufwärtskurve. Wohl dem, der keine Wirbelsäule hat! Wir fuhren nicht zurück auf dem normalen langen Weg, auf dem wir gekommen waren, der immerhin zu einer leidlich befahrbaren Sandstraße führt, sondern nahmen eine gefährliche Abkürzung, die gar keinen irgendwie befahrbaren Weg hat. Diese Abkürzung über raue Berge mit teilweise aus dem Boden ragenden Felsflächen ist nur bei einer gesunden Portion Gottvertrauen und unverwüstlichem Traktor machbar.
Schließlich landeten wir wieder am Stausee oberhalb des Dorfes, auf dessen Grund der ehemalige Dorffriedhof liegt. Nur diesmal umfuhren wir die andere Seite des Stausees. Hier steht an seinem Rand ein einzelnes Grab. An seiner Seite vorbei führt ein weites Wasserstromtal, in dessen Tiefe ein von den Bergen kommendes Rinnsal plätschert, hin zu einer in der Mitte durchbrochenen Staumauer. Der Stausee prangt in leuchtendem Türkis in der Hochebene. Aus der Ferne schauen die Spitze des Minaretts und die Baumwipfel des Dorfes über das jenseitige Ufer des Stausees zu uns herüber. Kurz darauf sind wir wieder im Dorf. Das Schütteltrauma ist mir eine Weile geblieben.
Mit den Eisheiligen unterwegs
Dreizehnter April. Die Eisheiligen toben hoch oben in den Bergen. Sie fetzen einen Rock’n Roll über das waldlose Bergmassiv Zentralanatoliens. Weiße Ekstase wirbelt durch die Gassen eines Tausendseelendorfes in der Hochebene, pfeift eisig um die geduckten Lehmhütten. Ab und an mengt sich in das stürmische Pfeifen das Heulen eines Hundes. Gestern noch hatten wir kurzärmligen Sonnenschein, und alles, was Beine hat, tummelte sich auf dem Dorfplatz, an der Wasserstelle oder auf den grünenden Wiesen oben am Stausee. Jetzt sitzen gut ein Dutzend Dorfbewohner dicht gedrängt um den Kanonenofen aus dünnem Eisenblech, der mitten im Gästezimmer auf einem türkisfarbenen Holzpodest thront. Nach dem morgendlichen Wetterumschlag war er samt Holzpodest und Ofenrohren aus dem Keller geholt und mit wenigen Handgriffen mitten in der Stube auf dem Teppich aufgestellt worden. Die Stubentür geht auf, Selma bringt eine Kiepe mit Dornengestrüpp und getrocknetem Stalldung herein. Die Gäste rücken beiseite und machen den Zugang zum Ofen frei. Selma klappt die runde Herdplatte auf dem Ofen hoch, füllt auf die verbliebene Glut im Ofen die Dornenwische, schichtet darauf die in der Sonne des vergangenen Jahres getrockneten Stalldung-Batzen und gießt aus einer Flasche Petroleum darüber. Sie schließt die Herdplatte wieder und stellt einen Doppelstock-Teekessel darauf. Dann öffnet sie die untere Ofentür und bläst in die unter dem Dornengestrüpp noch glimmende Glut. Der Ofen füllt sich mit Knistern, erst zaghaft, dann hemmungslos. Ein prasselndes Feuer-Crescendo füllt den Raum und ergießt sich heiß in kalte Ohren. Das Eisenblech des Kanonenofens glüht in Ofenmitte nach und nach hellrot auf, wohlige Wärme schlägt in gleißende Hitze um, daß einem der Atem stockt. Man hält es in der Hitze direkt am Ofen nicht mehr aus, sie versengt einem unversehens die Kleidung. Die Stühle werden vom Ofen weggerückt. Die großflächigen schafwollgefüllten Sitzkissen entlang der Wände laden zum bequemen Schneidersitz ein. Sie liegen nicht mehr im eisigen Abseits, sie sind eingetaucht in die wohlige Wärme.
Die Eisheiligen draußen scheinen verstummt. Lautlos wirbeln sie einen Derwischreigen hinter den Fensterscheiben, fesseln mit ihrem Tanz meine Blicke. Ich schaue von meinem Fensterplatz aus in das weiße Treiben. Von den Sitzkissen klingen muntere Bauernweisheiten zu mir herüber. Doch sie verblassen im Schneegestöber auf meiner Netzhaut. Ich kann den Blick nicht wenden, gebannt versinke ich im Flockentanz draußen vor dem Fenster. Leicht und turbulent schlüpft er in meinen Kopf, weckt in mir eine Ahnung von Schwerelosigkeit.
Ich stehe auf und wickel mich aus der Wolldecke. Es ist sehr warm geworden. Ich schaue in den Teekessel, doch das Wasser sprudelt noch nicht. Ich reiche den Gästen Zigaretten, und alsbald steigt blauer Dunst von den Sitzkissen auf, verschwindet im abendlichen Dämmerlicht zur Stubendecke. Dort oben flirten die Kristalle des Kronleuchters rot funkelnd mit dem glühenden Ofen. Der Lichtschalter ist tot. Der Sturm muß in den Bergen wieder mal Strommasten flachgelegt haben. Ich nehme die Petroleumlampe aus dem Wandschrank, zünde sie an und hänge sie an die Wand. Jetzt kann 1001 Nacht beginnen. Ich lege noch ein paar Dornenzweige nach und lasse mich dann auf einem noch freien Sitzkissen an der Wand nieder. Behaglich lehne ich mich in die weichen Rückenkissen. In diesem Raum hat die Kälte ihre Aggression verloren.
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