„Netter Versuch. Du warst in meiner Wohnung. Ich werde mir deine anschauen. Wie lange wohnst du da?“
„Zwei Jahre.“
Es war ihm peinlich. Andererseits hatte er bisher nicht viel übrig für seine Wohnung gehabt. Er schloss auf.
Emma wartete, ob er mehr sagen würde. Als nichts kam, wuchs die Enttäuschung über ihn. Zuerst tat er so, als kenne er sie nicht, und jetzt war es ihm plötzlich peinlich eine Frau in seine Wohnung zu nehmen und gab keine Erklärung. Louis der Junge interessierte sie mehr als Louis der Mann.
Als sie die Wohnung betrat, war sie wieder enttäuscht. Da fuhr er ein modernes Auto, mochte es auch günstig sein, sein Appartement kostete bestimmt doppelt soviel wie ihres und er stellte die tollen Panoramafenster mit Kartons voll. Ein Zimmer sah aus wie das Schlafzimmer, ohne diesen Namen zu verdienen. Schon war sie versucht seine Einladung abzusagen. Sie hatte zugesagt und stand zu ihrem Wort.
Trink den Kaffee und geh dann, sagte sie sich.
Die Küche blitzte in Chrom und Stahl wie ein OP Saal. Der Kühlschrank war leer und sauber, die Tiefkühlbox gut gefüllt. Alles verwirrte sie. Die Kartons sagten ,kein Interesse'. Die Küche teilte im Gegensatz jedem mit, dass Schimmel keine Chance hatte.
Möglicherweise versteckten sich die gemütlichen Dinge in den papiernen Kisten. Zu gern hätte sie einen Karton nach dem anderen aufgerissen.
Diese Pappquader sahen wie eine aufgeschichtete Mauer aus, die widerspiegelte, wie stark Louis sich abgrenzte. Sein Wunsch nicht die Berufe zum Thema zu machen war ein Teil dieser Wand; sein Wunsch sie nicht in die Wohnung zu führen: Festung; dass er sie nicht kannte: hochgezogene Zugbrücke.
Schlimmer für sie war, dass er sie anscheinend mochte und dennoch behauptete sie nicht zu kennen.
Spielte er mit ihr? Wollte er ihr heimzahlen, weil sie damals so plötzlich unfreiwillig abgereist war? Sollte sie ihn darauf ansprechen?
Nein.
Sie weigerte sich sein Spiel zu spielen.
Er war froh, als sie wieder im Auto saßen. Seine Idee, nicht über Berufe zu reden, lief völlig falsch. Er schämte sich jetzt, wie er wohnte. Ihr Appartement war gemütlich, ein Ort um sich zu erholen. Seine zwei Räume waren kalt und nichtssagend. Ihr Gesichtsausdruck beim Betreten der Wohnung genügte. Sie war enttäuscht. Wenn er jetzt mit seinem Beruf kommen würde, stünde er als Ausreden suchender Versager da. Er verstand nicht, warum sie vor dem Woolworth darauf bestand, ihn zu kennen, aus Brisbane, als Dreizehnjährige. Er sollte das Kaffeetrinken absagen. Anscheinend schien sie ihn zu kennen. An sie hätte er sich auf jeden Fall erinnert.
Hatte er einen Doppelgänger? Sollte er das ansprechen? Oder einen Witz über seine Wohnung machen? Alles was aus seinem Mund kam, würde falsch sein. Daher sagten viele Männer in solchen Situationen lieber nichts. Louis war da ganz anders.
„Vor drei Tagen“, begann er, „rettete ich einem Mann das Leben. Er sagte mir, dass er mit seiner Frau über fünfzig Jahre verheiratet war. Sie konnten stundenlang nebeneinander sitzen und schweigen und doch fühlten sie sich einander nahe. Wenn ein Partner das Schweigen nicht ertragen kann, muss er erklären, warum. Meine Wohnung ist, wie sie ist. Du bist enttäuscht. Ich schäme mich. Bisher war mir die Wohnung nicht peinlich. Jetzt ja. Aber Wohnungen sind veränderbar und ich habe jetzt Urlaub.“
Gerade wollte sie ihn noch bitten anzuhalten. Jetzt war sie sprachlos. Sie blieb sitzen und staunte.
Wenn sie bestimmt hätte, säßen sie im Starbucks. Er führte sie zu einer kleinen Kaffeebar im alten Fremantle-Hafen. Die erneuerten Lagerhallen boten kleinen Geschäften günstige Bedingungen.
„Du hast die Qual. Traditionelle Röster bieten hier in Kleinmengen seltene Bohnen aus Äthiopien an. Wenn du magst, bestellen wir zwei unterschiedliche Sorten und teilen.“
Sie nickte und fragte sich, warum Kaffee aus Äthiopien anders sein sollte als Starbucks Kaffee. Fototapeten zeigten Kaffeesäcke. Schlichte Holzstühle mit Ledersitzen. Paletten stützten die Bar oder bildeten Sitzgruppen auf der Terrasse.
Die beiden Designer Tassen standen vor ihnen. Er schob ihr eine Tasse hin und eine zu sich. Der erste Schluck war eine Gaumenexplosion. Sie kannte die Werbeaussagen diverser Spots über Gaumenexplosionen. Dies war nach zahllosen Kaffeetassen dennoch ihre erste Gaumenfreude.
Der Frust, dass er sie nicht kennen wollte, saß unvermindert tief.
„Ich dachte, du führst mich zu Starbucks.“ Man ging einfach dorthin. Sie wusste nicht, warum sie auf Konfrontation aus war. Die Kaffeebar gefiel ihr, aber sie wollte dagegen sein. Sie suchte, um etwas gegen ihn zu haben. Ihr fiel nichts ein.
„Für mich ist wichtig“, erklärte Louis, „dass die beiden deutschen Inhaber mit Hingabe ihre Kaffeesorten zusammensuchen und ihren Angestellten ordentliche Gehälter zahlen und selber Dacia fahren. Im Starbucks zahle ich überteuerte Getränke aus südamerikanischen Ausschussbohnen, finanziere die Villen und Limousinen der Chefs und unterstütze die Mindestlohnkultur einer Aktiengesellschaft. Die beiden hier eröffnen demnächst in Melbourne und Brisbane mit derselben Philosophie kleine Kaffeebars. Kaffeehäuser haben in Europa eine lange Tradition. Deinem Gesichtsausdruck nach hat dir der Kaffee geschmeckt. Mir schmeckt er besser als der Ami-Kaffee.“
„Aber Vorurteile gegen Amerikaner hast du nicht“, sagte sie ernst.
„Vorurteile? Es ist meine Meinung.“
„Wissen bildet eine Meinung und nicht Glaube.“ Sie hatte Lust auf Streit, etwas gegen ihn zu setzen. Sie wollte ihn schlecht machen, weil er sie dauernd durcheinanderbrachte. Er log doch, dass er sie nicht kannte.
„Du solltest zuerst den Kaffee im Starbucks probieren“, riet sie ihm. „Das ist eine Weltmarke. Die werden geprüft und haben eine Riesenauswahl.“
„Schmeckt dir der Kaffee bei Starbucks besser?“ Er hob die Tasse hoch.
„Darum geht es nicht.“ Sie fühlte sich in eine Ecke gedrängt.
„Also antwortest du nicht mit ja oder nein. Wo ist das Problem? Dir schmeckt dieser Kaffee besser. Dennoch hältst du mir vor, dich nicht zum Ami gebracht zu haben, wo es schlechteren Kaffee für mehr Geld gibt, um einen Ausbeuter zu unterstützen, obwohl du hier in Fremantle einen besseren Kaffee bekommst zu fairen Bedingungen. Übrigens diese Tasse ist günstiger als der Starbuckskaffee und man hat eine freundliche Bedienung.“
Sie war wieder sprachlos. Er verstand einfach nichts. Man ging einfach zu Starbucks, weil, weil ... sie fand jetzt keinen Grund, aber diese Blöße wollte sie sich nicht geben, nicht vor ihm.
„Du verstehst nichts“, sagte sie einfach, spielte den Ball zurück.
„Dann erkläre es mir, bitte, damit ich verstehe.“
„Es sind viele Gründe“, sagte sie lahm.
„Ich habe Zeit“, erwiderte er und beugte sich vor.
Sie sagte nichts.
Er wartete.
Lange.
„Du suchst einfach nur Streit?“, fragte er. „Ist es das? Weil ich nicht in die Schublade passe? Jemand, der eine Kartonlandschaft als Wohnung hat, muss oberflächlich sein. Übrigens, jetzt suche ich Streit. Ich kündige ihn an. Du sagst, dass Meinung aus Wissen entsteht und unterstellst mir Vorurteile gegen Amerikaner zu haben. Starbucks ist nicht Amerika, genauso wie das Hofbräuhaus nicht Deutschland ist. Ich habe zwei Jahre in Boston gearbeitet. Da gibt es, wie überall in der Welt, gute und blöde Menschen, Starbucks und gute Coffeeshops. Wenn du mich eingeladen hättest und nach Starbucks gegangen wärst, hätte ich erst auf Nachfrage gesagt, dass ich dort jeden Kaffeeausschank probiert habe. Die Kette ist langweilig im Geschmack und den Preis nicht wert. Da es ein Ami-Laden ist, gehen die Amis da rein. Die Unabhängigen haben leckere Mischungen aber nichts vergleichbares wie hier. Äthiopien ist nun mal die genetische Heimat des Kaffees. Nirgendwo sonst gibt es hunderte Sorten. Mir scheint, du weißt nicht, dass alle Kaffeebohnen aus Asien und Amerika von einer Pflanze abstammen, die illegal aus Äthiopien geschmuggelt wurde. In den Staaten bekommst du Amerika-Kaffee, da können die Coffeeshops machen, was sie wollen. Ich weiß es und habe daher keine Vorurteile. Ich probierte Starbucks. Da schmeckt einfach nichts. Ich würde nie eine interessante Frau zum Kaffee trinken dorthin einladen. Wenn Starbucks dir allerdings so wichtig ist, kann ich dort auch Kakao trinken.“
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