Den neuen Ordner legte er in die Schublade. Heute Abend besuchte er Elena.
Fremantle Primary School
„Miss McIntyre!“, rief Sophie und hob danach den Arm. Zuerst melden und dann rufen verstand sie nicht, konnte sie sich nicht merken.
„Ja“, ermunterte Emma die dreizehnjährige Inklusionsschülerin.
„Wenn die Menschen damals keine Gewehre hatten, wie konnten sie denn jagen? Sie können dann doch nicht Jäger und Sammler sein. Man kann doch nur mit einem Gewehr jagen.“
„Eine gute Frage, Sophie“, lobte Emma.
Als ein Junge sein Kichern nicht ganz unterdrücken konnte, sprach sie ihn sofort an.
„Kannst du bitte die Frage beantworten, Anthony. Du weißt: Kichern eine Fünf oder die Antwort eine Eins.“
„Man muss kein Gewehr haben, um zu jagen“, antwortete der Elfjährige, richtete sich an die Lehrerin. Auf den strengen Blick Emmas hin sah er schließlich Sophie an. „Nur weil heute alle mit Gewehren jagen, bedeutet es nicht, dass man ein Gewehr braucht, um ein Tier zu töten. Die Wonghies jagten mit Speerschleudern, Bumerangs oder Steinschleudern, bevor die ersten Siedler kamen. Gewehre wurden in China erfunden zum Böllern. In Europa wurden daraus Kriegswaffen gemacht.“
„Sehr gut, Anthony“, lobte die Lehrerin. „Ist deine Frage beantwortet, Sophie?“
„Ja?“, fragte Sophie ihre Frage vergessend und schaute aus dem Fenster.
„Fein.“
„Die Menschen hatten damals keine Smartphones?“, fragte eine andere Schülerin mit Staunen.
„Wie haben sie dann miteinander gechattet?“
Innerhalb kurzer Zeit überwanden die Schüler bei Emma ihre Ängste. Die junge Lehrerin erlaubte Unterbrechungen, um zu fragen. Eine Sechs für schlechtes Betragen verteilte sie, wer einen Klassenkameraden unterbrach. Als die Schüler merkten, dass ihre Lehrerin jede Frage ernst nahm, wandelten sie sich zu wahren Fragemonstern und lernten mehr, als wenn Miss McIntyre vom Pult referierte. Emmas Klassen eroberten die Herzen anderer Lehrer und wurden regelrechte Lieblingsklassen.
Am letzten Tag vor den Ferien fragte Elena als Schulleiterin absichtlich vor dem Kollegium, wie ihre jüngste Lehrerin das mache. Sie wollte, dass die Kollegen in den Ferien darüber nachdenken sollten. Sie war begeistert gewesen, als Emma ihr Vorgehen eine Woche nach ihrem Antrittsbesuch erklärte.
„Ich bestrafe jeden Kommentar zu einer Frage sehr hart“, antwortete Emma. „Die Fragen beantworten die Schüler und werden belohnt. Ein Kichern die Fünf, eine Antwort die Eins. Alle fühlen sich ernst genommen. Der Anfang erfordert Geduld und Strenge.“
Sie wandte sich zur Tür. Da fiel ihr noch was ein.
„Ach ja, und man darf nie abweichen, keine Ausnahmen machen, nie ein Kichern zulassen und jede dämliche Frage als Kenntnisstand ansehen.“
Woolworth, Fremantle
Louis stieg aus dem BMW i5 aus. Das Hospital nutzte für das Leitungspersonal die Werbekampagne des deutschen Autobauers, der sein Engagement in Down Under verstärken wollte und mit günstigsten Leasingraten lockte. Seit Induktionsparkplätze auf dem Kontinent aus dem Boden schossen wie Gras nach Regen, spielte die Reichweite der E-Fahrzeuge keine Rolle mehr. Ein Bonbon dazu: Je mehr Kilometer er fuhr, umso günstiger wurde die Rate. Den Deutschen war es wichtig, dass ihre Automobile fuhren und nicht standen. Sonst hätte er sich die Limousine nie leisten können. Die Art Werbung gefiel Louis, etwas anders dagegen weniger: Vierzehn Tage Zwangsurlaub.
Nach seiner Rückkehr aus Boston stürzte er sich in die Arbeit ohne an Urlaub zu denken. Seinen ersten Verdacht, dass seine Mutter dahinter steckte, verwarf er sofort. Ja, sie hatte überall Kontakte. Ja, sie wollte ihn glücklich sehen mit einer Frau, das hörte er dauernd aus ihrem Mund. Da brauchte er nicht fragen. Aber nie würde sie in seine Arbeit eingreifen.
Die Frauen machten mit ihm Schluss. Er sei nicht ehrlich, hörte er, weil er eine andere liebe. Die ersten Male verzweifelte er, weil da keine andere war. Schließlich nahm er es hin, glaubte, der Grund wäre nur vorgeschoben. Die letzte Frau monierte schließlich bei einem Dinner, er wäre mit seiner Arbeit verheiratet. Kein Mensch würde freiwillig den üblichen dreißig Stunden Bereitschaftsdienst machen. Und außerdem würden Ärzte doch wohl in Villen wohnen und teure Autos fahren. Zu dem Zeitpunkt fuhr er einen klapprigen aber treuen Dacia. Er lächelte müde, bezahlte und verließ das Restaurant.
In seinem Appartement schlief er selten. Dort fühlte er sich nicht wohl und packte die Kartons nicht aus. Der Kühlschrank war leer, das Eisfach voll. Das Krankenhaus wurde sein soziales Umfeld, dessen Leitung ihn nun zur Pause zwang. Als Stationsarzt hätte Louis eine Vorbildfunktion und dazu gehöre ein geregeltes Privatleben - außerhalb des Hospitals
Tatsächlich sah er Kollegen, die nach ihrer Schicht zu Familie, Partner oder Hobby fuhren, mit gemischten Gefühlen. Dabei blieb er im Krankenhaus, um für seine Patienten da zu sein.
Als Chadakis Sekretärin ihn heute an der Tür abfing und den Zutritt verbot aus Gründen, die er hörte, aber nicht verstand, schlenderte er in der Stadt ziellos umher. Seitdem fragte er sich, ob er wirklich besser gearbeitet hatte. Er war enthusiastischer als die anderen, jung und musste Erfahrungen machen. Er las die neuesten Artikel und probierte die innovativsten Techniken aus. Er selbst sah sich auf einem langen Weg und konnte die Meter vor ihm doch nicht erwarten, wollte rennen, obwohl in seinem Beruf langsam gehen das Richtige war.
Und jetzt das mit seinem Lieblings-Woolworth. Geschlossen aufgrund einer Sicherheitsüberprüfung. Ein zweiter war ebenfalls geschlossen. Also fuhr er zum dritten in Fremantle. In diesem Ortsteil war er bisher nie einkaufen.
Louis ging zum Eingang des Supermarkts und achtete zuerst nicht auf den kleinen alten roten MINI, der etwas forsch auf den Parkplatz quietschte.
Bevor er über den losen Keilriemen nachdachte, klappte die Fahrertür auf und eine junge Frau sprang heraus. Ihr Haar war kurz, ihr Gang federnd und die Augen magnetisch. Louis blieb stehen und konnte den Blick nicht abwenden.
Bereits beim Aussteigen bemerkte sie den großen Mann aus den Augenwinkeln. Emma war Männerblicke und Pfiffe gewohnt. Sie vermied, ihn direkt anzuschauen, obwohl sein Blick nicht unangenehm war.
Sicher war sicher.
Nur keine falschen Zeichen setzen.
Sie zwang sich geradeaus zu schauen. Mit einer Münze entriegelte sie einen Einkaufswagen. Ein kurzer Seitenblick. Der Mann stand unbewegt und betrachtete sie. Sie konnte nicht anders und blickte zu ihm.
Sein Blick flackerte und schon kam er zurück, wo immer er gewesen war. So empfand sie es. Dann betrachtete sie ihn genauer, als er kopfschüttelnd zum Eingang ging.
Ein schwarzer Stein. Eine feste Hand. Augen wie das Meer. Ihr Bauch kribbelte.
„Louis? Bist du das?“, rief sie laut.
Sein Kopf ruckte zu ihr herum. Verständnislos schien er, dass sie ihn kannte. Er tat so, als ob er sie nie zuvor gesehen hatte.
„Entschuldigung!“ Er lächelte unsicher. „Kennen Sie mich?“
„Na, das will ich meinen“, lachte sie, froh ihn zu sehen. „Brisbane, wir beide, 13, Strand, Urlaub“, versuchte sie an Erinnerungen zu knüpfen. In seinem Blick las sie kein Erkennen.
Plötzlich war sie enttäuscht, dass er sie nicht erkannte. Schon wollte sie sich abwenden, als seine Stimme sie stoppte.
„Ich wünschte gern, äh, eine Frau wie dich zu kennen.“
Sie spürte, das er sie nicht fortgehen lassen wollte. Aber warum kannte er sie nicht, verdammt?
Das Kompliment gefiel ihr und sie lief rot an. Wieder drehte sie sich fort, ein wenig wütend über ihn, weil er sie vergessen hatte, und über sich, weil sie rot wurde.
„Warte! Ich wünschte, ich kann mich an Brisbane erinnern. Aber da war ich nie. Ich bin hier aufgewachsen.“
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