Martha fand es aufregend. Emil tat gelassen. Aufregend werde es erst, wenn die Maschine zu spucken beginne. Zu Hause habe er wohl ein halbes Dutzend Arbeitssweater zu liegen, alle mit Bleipanzern auf der Brust. Nicht nur einmal habe es ihm die Augenlider zugeklebt, und ein Arzt musste es entfernen.
"Dagegen muss man doch was tun!" Martha zeigte sich ehrlich entrüstet.
Ihre Anteilnahme war ihm Honigseim. Natürlich, bekräftigte er, man müsse aufpassen. Wichtig an jeder Gießmaschine sei die Bleitemperatur, erst recht beim Guss der kleinsten Schrift. Da gehe es um zehntel Grad. Wer sich dieses Feingefühl nicht erwerbe, der sei eben kein Spitzenmann.
Sie nannte das nervenaufreibend, aber er schüttelte den Kopf. Aus sprödem Metall Tausende filigranzarte Dingelchen zu produzieren, ohne die kein Setzer setzen, kein Drucker drucken und kein Leser lesen könne, empfinde er als Kunst. Dürfte er seinen Beruf nicht mehr ausüben, ginge es ihm wie einem Maler, dem man Pinsel und Palette wegnimmt.
"Also doch Schwarze Kunst." Wenn sie spottete, blitzten in ihren Augen kleine Lichter auf. Er ging nicht auf ihren Ton ein. Das sei alles mal ernst gemeint gewesen, sagte er bedauernd, die Schwarze Kunst mit ihrem Buchdruckerwappen, das Gautschen und das Grußwort "Gott grüß die Kunst". Und wer sich eine der Gutenbergbibeln anschaue und behaupte, das sei kein Kunstwerk, der habe keine Ahnung. Aber leider, je mehr Technik aufkomme, desto rascher gingen alte Bräuche, Berufskniffe und -schliche verloren.
Von dieser Betrübnis Emil Treulichs hörte der Sohn Rudolf schon im Kindesalter, und sie blieb ihm im Gedächtnis, weil der Vater später, nach der Rückkehr aus dem Krieg, öfter darauf zurückkam. Dabei richteten sich die Klagen weniger gegen die Technik als gegen die Unfähigkeit, Technik zu nutzen, ohne die guten Traditionen auf den Kehricht zu werfen.
Ernsthaft fragte Martha, ob Emil Treulich etwa noch wie Gutenberg drucken wolle? Nachsichtig lächelte er. Sie habe vorhin "nervenaufreibend" gesagt. Nervenaufreibend sei, wenn man sich bremsen müsse, um den Akkord nicht zu versauen. Immer habe er etwas Gegossenes in der Hinterhand, den Speck. Dass der Speck nicht ranzig werde, dagegen hätten die Spitzengießer den blauen Montag. In fünf Tagen Akkord schafften sie die Wochenmenge, die als normal gelte, also niemanden reize, die Akkordsätze zu drücken.
Martha wollte nicht glauben, dass sich der Chef das gefallen lasse. Emil bemerkte darauf, der Chef wisse davon nichts, das würde mit dem Meister gezaubert. Selbst wenn es der Chef erführe, was wolle der machen? Feingießer seien überall gefragt, wenn in Berlin nicht, dann in Leipzig, Mainz oder Frankfurt am Main. Er als Mann ohne Kind und Kacks hätte nicht übel Lust, eine Weile mal die Gegend am lieblichen Main unsicher zu machen.
Ob er denn so mir nichts, dir nichts den Koffer packen würde, fragte Martha wie nebenhin. Ahnungslos bestätigte er, "warum nicht?" Unter Umständen auch den Rucksack und dann per pedes als Wandersmann mit Reiseunterstützung vom Verband durchs schöne Land.
Er würde tatsächlich ...? Martha bezwang nur mühsam ihre Enttäuschung, aber er schwärmte, verlockend wäre es auch, mit dem Fahrrad zum schönen Rhein zu strampeln.
Martha Saupt stand auf. "Dann strampeln Sie nur. Nach Mainz oder Frankfurt. Von mir aus nach Amerika." Die Nase in die Luft gereckt, verließ sie das Café.
Nach und nach zügelte sie ihre Schritte in der Hoffnung, er würde ihr folgen. Es war unbeherrscht gewesen, wusste sie, aber was sollte sie tun. Er macht mir den Hof und erklärt im gleichen Atemzug, dass er, hinaus in die weite Welt wolle. Auch dass er so sorglos in den Tag hinein lebt, ist nicht recht. Als ob er Not nie kennengelernt hat. Wenn ich da an die sorgenvolle Zeit Vaters als Sattler denke ...
Unauffällig schaute sie sich um. Weit und breit kein Emil Treulich zu sehen. Ihre Empörung flackerte kleiner, doch der Verstand protestierte, unterwerfen, bevor es richtig begonnen hat?
Wen der Schlaf flieht, den plagen Gedanken. Martha Saupt grübelte wahrlich mehr in der Nacht danach, als sie schlief. Das Flämmchen der Hoffnung wollte nicht erlöschen.
Wiederum gebrauchte sie zu Hause eine Ausrede, und so befand sie sich zur gleichen Zeit wie am Vortag auf dem selben Weg. Nicht Emil Treulich traf sie, doch Trautmann und Karge, und die begrüßten sie wie eine alte Bekannte. Sie sprachen vom Wetter und drucksten herum, bis Karge herausplatzte: "Is jestern etwa 'n bissken wat schief jejangen, Frollein Saupt?"
Martha tat erhaben. Wieso? Dürfe man bei dem Herrn keine andere Meinung haben? Beide beteuerten, so sei der Emil gar nicht. Im Gegenteil, mit keinem lasse sich so lustig streiten wie mit ihm. Martha gab sich ungläubig und entlockte den beiden weitere Einzelheiten. Von allen lasse sich Emil anpumpen. Jeder in der Bude wisse natürlich, dass er zum Gauvorstand des Berliner Buchdruckerverbands gehöre, und so kommen die Kollegen mit jedem Ärger zu ihm, und keinen lässt er abfahren. Darum habe er es auch geschafft, fast alle Mädchen und Frauen in Packerei und Versand gewerkschaftlich zu organisieren. "Allet, wat recht is", schloss Karge das Loblied, "Emil is'n Kerl, mit dem jeht man durch dick und dünn."
Es hörte sich gut an, trotzdem bremste sie: "Und außerdem liebt er Wein, Weib und Gesang."
Trautmann protestierte lachend. "Nee, nee, keen Wein, Emil liebt mehr det helle Bayerisch Bier."
Karge hob bedeutsam den Daumen. "Und wat den Jesang anjeht, Frollein Saupt, er hat 'nen properen Bariton, singt in der "Typographia", unserm Buchdruckerjesangverein."
"Apropos Jesang", entsann sich Trautmann, "am Sonnabend hat "Typographia" Ostervergnüjen in der Neuen Welt, woll'n se da nicht hinkomm', Frollein Saupt?"
Martha zierte sich anstandshalber, doch nahm sie dann hastig die Eintrittskarte, die ihr Trautmann hinhielt. Sie musste an die Gesichter der Eltern denken, würde sie die um Erlaubnis fragen. Sei es drum. In aufwallendem Trotz bezahlte sie die Karte und verabschiedete sich betont freundlich von den zwei hilfreichen Kollegen des Emil Treulich.
Sorgsam verstaute Martha die Karte im Handtäschchen, sicherer Pfand für ein Wiedersehen, doch freute sie sich auch auf das Fest in der Neuen Welt. Da war ständig was los, Berlins Lebenslust veranstaltete dort 'ne Menge Tremoli". Beliebt waren am Jahresanfang die Bockbierfeste, die Kostüm- und Maskenbälle, und was es alles an Vorwänden gab, die Leute ins Vergnügen zu locken. Jetzt, zu diesem Zeitpunkt, ahnte Martha noch nicht, dass sie und Emil bald auch als Eheleute die stadtbekannte Gaststätte in der Hasenheide besuchen würden, etwas später dann mit dem Söhnlein Rudolf, das somit bereits im zarten Kindesalter die Neue Welt bestaunen konnte. Ob 1. Mai oder Pfingstfest, die Anlässe vergaßen sich, bleibenden Eindruck hinterließen auf den Kleinen die imposanten Gebäude mit Sälen für tausend und zweitausend Menschen, die hin und her sausenden Kellner und die Kapelle mit der großen Pauke und den goldenen Trompeten.
Am Abend jenes Ostersonnabends strömten festlich gekleidete Familien in den riesigen "Kleinen Saal", so bezeichnet, weil der andere noch größer war. Im Vorraum erwartete Karge Martha und brachte sie zu dem Tisch, an dem bereits Karges Frau, Trautmann und dessen Frau saßen.
Martha bekam ihren Platz neben einem leeren Stuhl, reserviert für Emil Treulich, der sich bereits hinter der Bühne befand. Erwartungsvoll nahm sie es wahr, dieses unbestimmbare Gesumm, mit den ständig hochschäumenden Spritzern hellen Lachens und klirrender Gläser, dem Tirilieren der Klarinette, dem Brummen der Bassgeige, jenen vertrauten Tönen beim Stimmen der Orchesterinstrumente.
Nachdem sie beim Kellner ein Malzbier bestellt hatte, las sie das Programm. An fünfter Stelle stand dort: "Osterspaziergang, aus dem dramatischen Gedicht Faust von Johann Wolfgang von Goethe, Rezitation: Kollege Emil Treulich". Martha hätte am liebsten auf die vorangehenden Programmnummern verzichtet, so gespannt erwartete sie den Auftritt des Bruders Lustig. Kurz darauf fand sie es ungerecht. Durch ihre Klavierstunden musikalisch hellhörig, spürte sie bei den ersten Liedsätzen, dass dieser Chor mit Recht als einer der besten Berlins galt, was nicht zuletzt das Verdienst des bekannten Chorleiters Alexander Weinbaum war. Martha fragte sich, weshalb Männerchöre häufig bewitzelt, Opernchöre dagegen ernst genommen wurden. Beeindruckend, wenn über hundert Männerstimmen leise zu werden verstanden wie Blätterraunen oder den riesigen Raum noch zu weiten schienen mit der Tonfülle eines sieghaften Marschliedes.
Читать дальше