Musste Julius sich geschäftlich außer Haus umtun, dann schmiss Luise den Laden. Ihre autoritäre Art wurde von den Gästen als durchaus angemessen betrachtet. Einmal expedierte sie einen Spitzel mit der Behauptung aus dem Etablissement, er habe sich ihr unsittlich genähert. Diese Art parteilicher Wachsamkeit verschaffte ihr einen legendären Ruf unter den Genossen.
Wenn wir nun erfahren, dass Martha nach dem Lyzeum nicht studierte, sondern sich in einen Kerl verliebte, der weder Akademiker noch Gewerbetreibender war, so ahnen wir etwas von dem, was sich zusammenbraute. Der unverhofft aufgetauchte Emil Treulich konnte unmöglich vor den kritischen Augen der ehrgeizigen Saupts bestehen. Übrigens war es nicht er, der mit der Tür in die Szene fiel, sondern - ein Hund. Kein Pudel, wie im Faust, sondern eine Deutsche Dogge, die mit irgendeinem Gast in die Kneipe schlüpfte und augenscheinlich ihren Herrn suchte. Nachdem sie sämtliche Winkel durchstöbert hatte, wartete sie fordernd an der Tür, bis ihr wieder geöffnet ward. Das wiederholte sich, und eines Spätnachmittags sprach Martha Saupt das fast kalbsgroße Tier an: "Sucht das Hündchen was zu fressen?" Sie hielt der Dogge eine jener Buletten hin, von denen ein kleiner Berg unter einer Glasglocke auf baldigen Verzehr wartete, doch das Tier betrachtete das gebratene Stück Hackfleisch eher abschätzig als begehrlich.
Man hörte draußen Lachen und Durcheinanderreden, die Tür ging auf, drei Männer traten ein. Sie schauten aus fröhlichen Augen, als sei heute alles Leid und Weh der Welt beurlaubt. Der Vorderste sagte wenig überrascht: "Da bist du ja, Striebold. Wollte dich die Dame mit 'ner Bulette bezirzen?"
"Allerdings." Die Dame schien nicht auf den Mund gefallen. Ob der Hund ihm gehöre, fragte sie. Der Gefragte bejahte und bemerkte nicht ohne Stolz, wer einen Hund vorzuzeigen habe, der nicht gut erzogen sei, der solle lieber Karnickel züchten. Er trat näher und sagte, er heiße Emil Treulich.
Mit diesen Worten erscheint der Vater unseres Helden auf der Bühne, und Sohn Rudolf erinnert sich ziemlich genau dieser gern erzählten Episode, weniger wegen des bedeutsamen Augenblicks, in welchem die Eltern sich zum ersten Mal sahen, als weil der Riesenhund Striebold dabei eine Rolle spielte.
Die beiden mit Emil Treulich Gekommenen hatten sich an einen freien Tisch gesetzt, und er nannte ihre Namen. Karge und Trautmann, wie auch er wackere Schriftgießer der Firma Gursch in der Gneisenaustraße.
Unentschlossen schaute Martha Saupt auf das verschmähte Hackfleisch. Emil Treulich sagte: "Du darfst", und Striebolds Zähne nahmen die Bulette sacht aus der Hand Martha Saupts. Die erkundigte sich, ob Emil Treulich immer erst Striebold losschicke zum "Spionieren". Er schüttelte den Kopf. Käme er nicht zur rechten Zeit, lasse seine Zimmerwirtin den Hund hinaus, damit der Herrchen suche.
Ein Blick zu Karge und Trautmann zeigte Emil, dass die ungeduldig wurden, und er fragte, ob sie nun von der schönen jungen Wirtin drei Glas bayerischen Biers haben könnten, dazu noch für jeden zwei Bratheringe mit 'ner Stulle trocken Brot.
Martha Saupt überspielte ihre Verlegenheit mit der sachlichen Auskunft, sie sei lediglich die Tochter des Hauses, die der Wunderhund Striebold in die Schankstube gelockt habe.
Wie in einem Schwank hob sich die Klappe im Fußboden hinter der Theke, und der Herr Papa tauchte auf. Zu spät, Cupido hatte seinen Pfeil verschossen. Sicherlich hätte es der kecke Liebesgott auch getan, wäre Julius Saupt nicht im Keller gewesen, obwohl der Familienvorstand mit seinem unnachsichtigen Blick sonst einiges auszurichten vermochte. Im Gegensatz zu seinem Weib war er keinesfalls füllig zu nennen und so gar nicht der Typ des schwammigen Schankwirts. Die Strenge seines Gesichts wurde unterstrichen durch den Bürstenhaarschnitt und einen eisgrauen Spitzbart, wie ihn August Bebel trug. Seine grauen Augen sahen Martha verweisend an, und das hieß, scher dich aus dem Schankraum. Sie tat, als bemerke sie es nicht, und gab die Bestellung an ihn weiter. Ehe sie hinter der Portiere vor der Tür zu den Wohnräumen verschwand, verabschiedete sie sich von Emil Treulich mit deutlich bedauerndem Blick, den der gedankenvoll erwiderte.
Der nächste Abend sah Emil Treulich dahinwandeln ohne Kollegen, ohne Striebold. Dass es einen Täter zum Tatort ziehe, ist umstritten, doch einen Verliebten zieht es magisch zum Ort, an welchem er von Amor erwischt ward. Emil nahm den Umweg über den Kreuzberg, dessen Parkanlagen sich hinzogen von der Riesenfläche des Tempelhofer Felds, auf dem alljährlich das Tamtam der Kaiserparade stattfand. Jetzt, kurz vor Ostern, hätte es eigentlich nach Frühling duften müssen, doch es stank nach gäriger Maische. Der Wind trieb die Ausdünstungen der Schultheiß-Brauerei in die Straßenschluchten Berlins. Stand man auf der Spitze des Kreuzbergs, neben Schinkels neogotischem Kriegerdenkmal, so waren in südlicher Richtung hinter Baumkronen die Gebäude der backsteingelben Bierfabrik zu erkennen. Einen kleinen Trost gegen die unselige Zweiheit - Bier und Krieg - schenkte der Blick nordwärts. Man schaute den künstlichen Wasserfall hinunter, tief in die Großbeerenstraße hinein, die sich im Dunst grauen Häusergewimmels verlor.
Der Maischegeruch trieb Emil Treulich von hier fort. In Wahrheit war das Unterbewusste in ihm längst auf dem Weg. Von der Katzbachstraße zur Monumentenstraße wandernd, überquerte er auf der Monumentenbrücke die breite Schlucht mit dem blitzenden Schienengewirr und war dann im Bezirk Schöneberg, an dessen Rande sich Saupts Bierstuben befanden.
Auf beiden Bürgersteigen herrschte reger Verkehr, die Straßenbäume prahlten mit Knospen und frischgrünem Blattwerk. Gedankenverloren wanderte Emil fürbass, und beinahe hätte er Martha Saupt umgerannt. Sie lachte herzhaft über seine gestotterte Entschuldigung und bemerkte: "Ohne Hund sehen Sie auch ganz passabel aus."
Emil gestand, dass er Striebold nach Hause geschickt habe, um in Saupts Bierstuben nicht aufzufallen.
"Ich habe gewusst, Sie werden kommen." Martha spielte die Selbstsichere. Deshalb sei ihr etwas eingefallen, was sie unbedingt am Nachmittag noch habe besorgen müssen.
Das bedeute - Emil verbarg seine Freude nicht -, dass er eine Stunde das Glück ihrer Gegenwart genießen dürfe. Eine halbe Stunde, widersprach sie, und nur, wenn er zugebe, dass die Phrase "Glück Ihrer Gegenwart" ironisch gemeint sei. Er hob zwei Finger und versicherte, selten sei er so froh über ein unverhofftes Wiedersehen gewesen. Wie selbstverständlich nahm er ihren Arm, und selbstverständlich wusste er ein kleines Café, in dem sie ein Zweiertischchen fanden. Er bestellte zwei Sherry, aber Martha wünschte eine Tasse Kaffee. Als die Serviererin gegangen war, sah sie ihn strafend an. "Den Kaffee bezahle ich."
Er ließ die Mundwinkel hängen. "Nun möchte man mal den Kavalier spielen ... "
Den spiele er wohl öfter. Sie tat vorwurfsvoll. Aber bei ihr sei er an jemand geraten, dem das überhaupt nicht imponiere.
Ist die schön widerborstig, dachte Emil, und fragte gedehnt: "Spiele oft den Kavalier ...?"
Gestern habe er einen Sweater getragen, erinnerte Martha, heute einen Maßanzug. Nur ihretwegen, erklärte er, ob das nicht überzeugender sei als ein Kompliment. Martha gestand, dass sie gern wüsste, wer er wirklich sei. "Gestern ein Arbeiter, heute ein - nun ja, eher wie ein Bourgeois."
Emil nahm einen Schluck Sherry auf den Schreck. Diese Martha Saupt war so unbequem wie imponierend. Mit seinen neunundzwanzig Jahren befand er sich nicht mehr im Stande der Unschuld, doch solch ein Mädchen war ihm bisher nicht begegnet: Er holte tief Luft und sagte, seine Kleidung habe wohl mit gutem Verdienst zu tun. Nicht ohne Grund nenne man die Buchdrucker - wenn auch meist ironisch - Elite der Arbeiterschaft, weil gewerkschaftlich unübertrefflich organisiert. Kleinste Sparte, aber nicht die unwichtigste, seien die Schriftgießer. Deshalb heiße es auch "Verband der deutschen Buchdrucker und Schriftgießer". Und von dieser kleinsten Sparte gehöre er zu den wenigen mit der kompliziertesten Tätigkeit. Aus kochendem Blei habe er Typen des winzigsten Schriftgrads zu gießen. Von diesen Buchstaben messe der breiteste höchstens einen halben Quadratmillimeter. Trotzdem müsse das Schriftbild haarscharf und pieksauber sein.
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