»Jetzt wird es aber Zeit, dass ich dir dein neues Zuhause zeige. Ich bin so froh, dass du da bist. Sicherlich wirst du begeistert sein«, plapperte die Blondine vergnügt und ergriff erneut seine Hand.
Ich habe sowieso keine Wahl , dachte er seufzend und ergab sich seinem Schicksal. Missmutig passierte er neben Justine den Höhleneingang.
Krass! Mehr fiel ihm zu dem Ambiente nicht ein. Seine Schritte und die seiner Begleiter hallten auf einem hellen glattpolierten Marmorboden wider. Die Wände bestanden aus großen quaderförmigen Steinen, die mit einer feinen Glitzerschicht überzogen waren. Alles wirkte hell und freundlich, nicht düster, wie er es vermutet hatte. Michael ließ seine Blicke über die geschmackvolle Halle, die sie betreten hatten, wandern. An den Seiten standen mehrere Palmen in großen Blumenkübeln, die aus Schilf geflochten waren. Die Luft war frisch, und er nahm auf seiner Zunge den Geschmack von Salz und Meer wahr. Es war eine angenehme Atmosphäre, die Michael entspannte. Ein feiner warmer Wind wehte, und er hatte das Gefühl, als würde der Wind seine Ängste und Befürchtungen geradewegs verwehen.
Der Herrscher der Unterwelt steuerte mit festem Schritt auf einen geräumigen gläsernen Fahrstuhl zu. Justine ging neben ihrem Vater, und als sie sich urplötzlich zu Michael umdrehte und ihn anlächelte, fühlte er sich ertappt, lächelte aber so freundlich zurück wie er konnte. Sie zwinkerte ihm zu, betrat hinter ihrem Vater den Aufzug und ließ seine Hand dabei los.
Augenblicklich verharrte Michael auf der Stelle. Ich will diesen Lift, der mich mit Sicherheit geradewegs in die Hölle befördern wird, nicht betreten. Egal wie nett Justine zu ihm war. Ich will nicht in die Hölle! Ich gehöre da nicht hin! Das kann doch alles nur ein großer Fehler sein. Wer hat denn da so gepennt, sodass ich mich zwangsläufig an diesem Punkt befinde? Er konnte es immer noch nicht fassen.
Überdeutlich spürte er den fragenden Blick des Teufels auf sich. Aber ehe er etwas sagen konnte, wie »Hey, das war ja ganz nett, dass wir uns mal kennenlernen durften, aber ich habe noch ein Date und muss los«, schnellte Justine vor.
Sie ist wie eine Schlange , raste der Gedanke durch Michaels Kopf. Er spürte sogar einen Schmerz an seinem Arm, der Bruchteile aufflammte. Ich habe keine Chance! Und als wäre er ein Fliegengewicht, zog sie ihn mit festem Griff in die gläserne Kabine. Was für eine Kampfmaschine. Er hatte jetzt einen kleinen Vorgeschmack von den Kräften, die in der zierlichen Frau schlummerten, erhalten. Noch ehe eine Flucht möglich gewesen wäre, schloss sich die Aufzugstür, und der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung.
Dortmund, Anno Domini 1561
Lauert sie hier schon irgendwo? Hektisch suchte mein Blick die Umgebung ab. Mein Herz raste und ich konnte keinen vernünftigen Gedanken fassen. Es würde mich nicht überraschen, wenn Natalja siegessicher hinter einem der Brombeerbüsche hervortreten würde. Hastig folgte ich Hekate quer durch den Wald und spürte, wie Äste sich in meinem Rock verhedderten, als würden sie mich festhalten wollen.
»Schneller, Freyja!«, kommandierte meine Ahnin.
Ich verstand sie wieder einmal nicht und schüttelte trotzig den Kopf.
»Wohin willst du denn jetzt? Warum hast du das gemacht? Blitz und Donner wollen uns etwas Wichtiges mitteilen. Wo sind die beiden denn jetzt?«
Verzweifelt blickte ich mich nach unseren Zaubervögeln um, aber von ihnen fehlte jegliche Spur. Als ich mich wieder nach vorne drehte, traf mich Hekates Blick hart, sodass ich keuchend stehen blieb. Ihre Antwort gefiel mir noch weniger.
»Halte deine Gedanken beisammen, Freyja. Wir müssen sehen, dass wir schnell nach Hause kommen. Ich brauche ein paar Sachen. Wir können uns nicht lange aufhalten. Ich werde dir sagen, was du einpacken sollst, und dann brechen wir auf. Um Blitz und Donner mache ich mir später Gedanken.«
Ich verstand sie nicht. Warum, in aller Welt, sprach sie nicht offen über ihre Pläne, schließlich waren es doch auch meine. Ich ärgerte mich und versuchte einen zweiten Vorstoß, während wir weiter durch den Wald liefen: »Hekate, Blitz und Donner …«
Und dann geschah etwas, das alles andere nebensächlich erscheinen ließ. Nach einer Biegung stand uns eine Person gegenüber, und all mein Ärger war mit einem Schlag vergessen.
»Das gibt es doch gar nicht.« Ich zwinkerte, und mit einem Mal brachen sämtliche Dämme in mir und ein Freudenfeuerwerk, das seinesgleichen suchte, brach in mir aus.
Hekate war mir in diesem Moment egal, und auch die Angst, die ich vor der Medusa gehabt hatte, war in diesem Moment vergessen. Unkontrolliert, wie ein kleines Mädchen, stürmte ich in die Arme der Person, die ich so sehr vermisst hatte. »Mama.«
Sie umschlang mich ebenfalls, und mein Glück brodelte noch weiter über, weil ich froh und dankbar war, keinem Geist gegenüber zu stehen. Sie war es tatsächlich - aus Fleisch und Blut. Freudentränen rannen über meine Wangen, und das Glück entlud sich in heftigen Schluchzern, die ich nicht kontrollieren konnte. Mit einem Mal war mir klar, was die Zaubervögel uns erzählen wollten. Sie wollten sie ankündigen. Danke, große Mutter, betete ich innerlich und zog den vertrauten Geruch, den ich seit meiner Geburt kannte, tief in meine Lunge.
»Meine kleine Freyja«, hauchte Mama in mein Haar.
Ein Schauder fuhr mir bei ihren Worten über den Rücken. Als sie sich von mir löste, erkannte ich, dass sie ebenfalls weinte. Sie wischte die Tränen mit einem Lächeln fort und fuhr sich durch die langen Haare, die kupferner als zuvor leuchteten. Ihre wunderschönen smaragdfarbenen Augen sahen mich direkt an.
»Freyja, mein Kind. Endlich! Endlich darf ich dich wiedersehen. Ich habe dich so vermisst.«
Erneut schossen mir Freudentränen in die Augen. Ich schluckte sie hinunter und wischte mir ebenfalls über mein nasses Gesicht. Ein dicker Kloß schien in meinem Hals zu stecken. Ich schluckte und bemerkte, wie schwer mir das Sprechen fallen würde. Deshalb schwieg ich, inhalierte weiter ihren Geruch. Sie war es tatsächlich. Daran bestand kein Zweifel. Meine Mama, die ich jetzt so lange nicht mehr gesehen und leider auch nichts von ihr gehört hatte. Sie lebt und ist wohlauf. An etwas anderes konnte ich überhaupt nicht mehr denken.
Nach einer gefühlten Ewigkeit riss Hekates Räuspern mich aus meinem Gefühlsmeer. Gedanken, spitz wie Pfeile, bohrten sich in mein Gehirn. »Vorsicht, Freyja. Was tust du? Sieh in ihren Kopf!«
Empört schüttelte ich über so viel Unverschämtheit den Kopf. Wütend herrschte ich meine Urgroßmutter an. »Das ist meine Mutter.«
Hekate schüttelte störrisch den Kopf und bombardierte mich weiter auf der mentalen Ebene. »Das spielt jetzt keine Rolle. Sieh in ihren Kopf!«
Verärgert beschloss ich, meine Ahnin nicht weiter zu beachten, und richtete stattdessen wieder meine Aufmerksamkeit auf Mama: »Wie geht es dir?«
Kurz zuckte sie zusammen, als hätte ich sie bei etwas erwischt. Ihr Blick, der vorher noch so viel Gefühl offenbarte, war starr und eiskalt, sodass sich mir eine feine Gänsehaut über den Leib zog.
»Mama«, ich kam nicht weiter, denn ihr urplötzliches hysterisches Lachen tötete jedes weitere Wort von mir ab.
Bin ich schuld an ihrem Verhalten? War es meine Frage, die ein erlebtes Trauma hervorgeholt hatte? Ich kam mir in diesem Augenblick so dumm vor und verfluchte mich für meine Taktlosigkeit.
Hitze flutete mein Gesicht. Meine Gedärme schienen sich zusammenzuziehen. Was soll ich machen? Wie kann ich ihr helfen? Ich schmeckte Blut und bemerkte, dass ich mir die Lippe aufgebissen hatte. Genauso schlagartig, wie es begonnen hatte, verhallte ihr Lachen, stattdessen fragte sie in strengem Ton: »Wer ist diese Frau?«
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