Da war nichts, absolut nichts, was meine Angst rechtfertigte. Was soll ich machen? Am liebsten wäre ich der Gefahr entgegengelaufen, aber meine Beine schienen mit dem Erdboden verwachsen zu sein. Ich hatte keine Wahl und musste abwarten, ob es mir gefiel oder nicht. Ein Knacken im Geäst entlockte mir einen spitzen Aufschrei. Mich befiel ein Gefühl, als würden tausende kleiner Eisstückchen meinen Körper von innen her fluten. Mein Herz schlug mir bis zum Hals.
»Michel?«, rief ich Richtung Unterholz. Meine Stimme hörte sich kratzig und kraftlos an.
Mit einem Mal erzitterten die Bäume. Sie bogen sich auseinander, als hätte ein Riese eine Schneise hineingeschlagen. Kalter Schweiß rann mir den Rücken hinab. Ich will fort!
Es donnerte und ich kniff verzweifelt die Augen zu, um den Feind auszublenden und so zu hoffen, dass er keine Macht über mich haben würde.
»Freyja, Freyja!«
»Nein! Ich will nicht …«
Mit Händen und Füßen würde ich mich gegen das Etwas verteidigen, dass gleich aus dem Dickicht hervorbrechen würde.
»Freyja!« Die Stimme, die so vehement meinen Namen rief, wurde lauter.
Jemand rüttelte an meiner Schulter, und ich schlug um mich, um das Böse von mir fernzuhalten.
»Freyja, wach endlich auf!«
Es war Hekates Stimme, die nicht nur hörbar im Raum erklang, sondern auch in meinem Kopf so präsent war, dass ich gar nicht anders konnte, als die Augen zu öffnen und so in das erschrockene Gesicht meiner Ahnin zu sehen.
»Du hast nur schlecht geträumt«, sprach sie mit beruhigend klingender Stimme auf mich ein.
Sie hat recht, es war nur ein Traum.
»Hekate, es war so schrecklich. Da kam Etwas aus dem Wald, das pure Böse. Ich weiß nicht, wer oder was es war, aber es war …«
»Ihr könnt hier nicht einfach umherfliegen!« Da ich die Stimme noch nie zuvor gehört hatte, sie aber so lieblich klang wie die der anderen Dryaden, vermutete ich, dass sie einem der Waldgeister gehörte.
Zu meiner großen Verwunderung flatterten Blitz und Donner zu uns und ließen sich auf meiner Schulter nieder, nachdem ich mich aufgerichtet hatte. Blitz rechts und Donner links, so wie ich es schon immer von ihnen gewohnt war.
Eine Dryade eilte herbei und ich erkannte, dass eine steile Zornesfalte ihre Stirn zierte. Ihre Augen waren verengt, als sie auf mich und die beiden Vögel zeigte.
»Das darf nicht sein!«, donnerte sie, und ich war mehr als erstaunt, dass diese lieblichen Geistwesen so aggressiv werden konnten, wie in diesem Augenblick.
Mein Blick flog bittend zu Hekate. Ich schickte ihr meine Gedanken, die sich wie kleine unsichtbare Noten ihren Weg in den Kopf meiner Vorfahrin bahnten. »Sag ihnen, dass es sicherlich sehr wichtig ist, was Blitz und Donner uns mitteilen wollen.«
Hekate räusperte sich, und ich hoffte, sie würde nun die ganze Sache aufklären, damit wir uns auf die Nachricht von den Zaubervögeln konzentrieren konnten. Denn das diese uns etwas Wichtiges mitteilen wollten, dass stand für mich außer Frage. Ich konnte es fühlen.
Hekate zerstörte meine ganzen Hoffnungen mit nur einem einzigen Wort. »Nein!«
Fassungslos starrte ich meine Ahnin an. Dummerweise erntete ich nur ihren ernsten Gesichtsausdruck, der das Nein unmissverständlich unterstrich.
»Aber warum denn nicht …« Ich konnte es nicht fassen.
»Sie müssen sofort raus«, kreischte die Dryade, und ich erkannte deutlich, dass ihr ausgestreckter Finger, um den sich feine Ästchen mit Moos gewebt hatten, zitterte.
Hekate wurde mit einem Mal sehr geschäftig. Sie schritt auf die Dryade zu und legte ihr sanft den Arm auf die Schulter. Zu meiner großen Verwunderung schüttelte der Waldgeist ihre Hand ab und funkelte meine Ahnin grimmig an.
»Verlasse mit deinen Freunden«, dabei zeigte sie auf meine Zaubervögel und mich, » … sofort unser Heim. Sofort!«
Ich schluckte. Am liebsten hätte ich mich in diesem Augenblick in Luft aufgelöst. Sie wirft uns hinaus. Draußen lauert die Gefahr. Die blutrünstige Medusa wartete doch nur auf uns. Eine nie gekannte Kälte schien sich in meinem Körper auszubreiten. Aber ich hatte keine Wahl, so erhob ich mich und glättete mein festliches Kleid, welches ich immer noch trug.
»Es tut mir leid, wenn wir Euch verärgert haben. Aber unsere Vögel sind nicht böse«, versuchte ich der Dryade zu erklären.
Als wäre ich unsichtbar, starrte der Waldgeist meine Urgroßmutter an und würdigte mich keines Blickes.
Hekate seufzte leise und machte den Versuch, ihr Baby hochzunehmen. Katharina schlief und schien von dem ganzen Theater, das um sie herum herrschte, nichts mitzubekommen.
Ehe meine Ahnin sie hochnehmen konnte, trat die Dryade vor und zog Hekate zurück. »Das ist zu gefährlich. Lass sie bei uns.« Ihre Stimme klang wieder sanfter, als wäre der Wutausbruch zuvor überhaupt nicht geschehen.
Hekates Blick huschte zu ihrem Baby, das nun wach war. Ihre Augen spiegelten ihre Traurigkeit. Meine Ahnin schüttelte den Kopf. Sie öffnete den Mund, als wollte sie laut protestieren. Aber kein Laut kam über ihre Lippen. Stattdessen nickte sie der Dryade zu. »Ihr habt recht. Ich danke Euch und bitte verzeiht unseren Ungehorsam.«
Was sagt sie da? Warum ist sie denn so demütig? Wir konnten doch nichts dafür, dass Blitz und Donner kamen, vor allen Dingen musste sie doch wissen, dass es immer einen Grund gab, wenn die beiden Zaubervögel urplötzlich auftauchten. Sie hatten immer eine wichtige Nachricht, die man nicht ignorieren durfte. All das musste meine Urgroßmutter doch wissen. Aber sie buckelte vor dem Waldgeist, und ich hätte sie dafür am liebsten geschüttelt.
Hekate hauchte Großmutter Katharina einen Kuss auf die Stirn, die nun wieder zu schlafen schien, und wandte sich seufzend zum Gehen. Ich kämpfte mit meiner Wut, tat es ihr aber gleich und erschrak, als ich mich zu Katharina beugte und das Baby mich mit weitaufgerissenen Augen ansah.
»Du bist hier in Sicherheit«, hauchte ich ihr zu und küsste sie ebenfalls auf die Stirn. Ein zufriedenes Glucksen war die Antwort, und ich musste automatisch lächeln.
»Freyja, komm!«, forderte mich meine Ahnin auf, und ich eilte mit den beiden Zaubervögeln auf meinen Schultern hinter ihr her. Sie steuerte den Ausgang an, durch den wir in das magische Heim der Dryaden gelangt waren. Mir stand jetzt nicht der Sinn nach der funkelnden Höhle, Ich beeilte mich, durch den Riss, der in der rosafarbenen Kristallwand vor uns prangte, zu schlüpfen. Was würde draußen im Wald auf uns warten?
Zwischen den Welten
Der Flügelschlag von Pegasos war kräftig und gleichmäßig. Immer höher verschwanden sie in den Weiten des endlosen Wolkenmeeres. Michael fühlte sich wie erstarrt. Er war unfähig, das eben gesprochene Urteil zu begreifen. Sie haben mich in die Hölle verbannt. Ich bin böse und bin es nicht wert, im Himmel zu bleiben. »Aber das stimmt doch so gar nicht!« Seine Stimme war nur mehr als ein Flüstern und wurde vom Wind mitgerissen. Am liebsten hätte er seine Wut hinausgebrüllt, diesem Engegefühl, dass in ihm herrschte, Platz gemacht. Aber Michael brachte keinen Laut über seine Lippen. Es war, als würde die Enge alles in ihm beherrschen. Ich bin böse! Es war ein unheilvolles Mantra, das nicht enden wollte. Er bekam nicht mit, dass Pegasos in den Sinkflug wechselte und seine starken Hufe nach wenigen Minuten, vielleicht waren es aber auch Stunden, Tage, Wochen oder Jahre, Michael hatte kein Zeitgefühl mehr, auf hartem Boden aufsetzten.
Erst als das geflügelte Pferd anhielt, sah sich Michael um und entdeckte um sich herum nur Einöde und Steine in unterschiedlicher Größe. Entsetzt musste er mit ansehen, dass Pegasos und der Wagen, auf dem er stand, ihre Farben wechselten. Aus dem unschuldigen Weiß wurde ein unheilvolles Schwarz. Passend zu der Location, dachte Michael.
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