Ist dir nicht klar, dass sie gar nicht wissen kann, dass du krank bist? Außerdem, wann hast du die letzten Jahre auf sie Rücksicht genommen? Wie immer soll sich wieder mal alles nur um dich drehen. Wann wachst du endlich auf? Wenn du dich weiterhin so verhältst, wirst du auch in Zukunft alleine sein und wenn der Tumor bösartig ist, auch alleine sterben müssen. Toll machst du das.
Kalte Schauer jagten ihm über den Rücken, als er sich mit sich selbst und seiner Erkrankung konfrontiert sah. Hoffentlich ist es bald morgen. Ich halte diese Ungewissheit nicht mehr aus. Ich muss erst einmal Saskia antworten. Seine Finger flogen förmlich über die Tastatur des Handys.
Liebe Saskia. Ich hatte gestern ein paar Probleme im Autohaus und war anschließend noch etwas Trinken, um zur Ruhe zu kommen. Daher ist es etwas später geworden und ich wollte dich nicht beim Schlafen stören. Hab dich lieb. Markus.
Ein Knopfdruck und die Nachricht war unterwegs. Hab dich lieb. War das nicht etwas zu viel des Guten? Was würde sie wohl jetzt denken?
Ungeduldig wartete er, ob sie zurückschrieb. Es dauerte aber mindestens eine halbe Stunde bevor eine Antwort kam.
Seit wann so rücksichtsvoll? Und dann noch „Hab dich lieb“. Kannst mir ruhig gleich sagen, was du im Schilde führst und von mir willst. Du hast doch sonst auch nicht solche Umschweife gemacht? Muss ja etwas sein, das dir ganz besonders wichtig ist, dass du dich soweit herab-lässt. Falls es wieder mal mit deinem Autohaus zu tun hat, diesmal frage ich meinen Vater nicht mehr um Geld. Nur dass das gleich von vornherein klar ist.
Ich will gar nichts von dir. Ich habe nur über Vieles nachgedacht und auch eingesehen, dass es so nicht weitergehen kann. Ich würde morgen Nachmittag sehr gerne mit dir reden, wenn du Zeit für mich haben solltest. Danke. Hab einen schönen Tag. Markus.
Markus verließ die Bäckerei und setzte sich in seinen Wagen. Planlos fuhr er durch die Stadt und versuchte die Zeit totzuschlagen und sich abzulenken. So sehr er sich auch bemühte, ständig kreisten seine Gedanken um den Untersuchungstermin, den er morgen vor sich hatte. Er hatte noch nie in seinem Leben eine solche Angst vor etwas gehabt. Und Saskia? Was machte sie wohl gerade? War sie wieder auf dem Dachboden und beschäftigte sich mit ihrer Marie? Würde sie sich Zeit nehmen, um mit ihm zu reden? Mit wem sollte er sonst reden? Fast war er versucht wieder nach Hause zu fahren und Saskia um ein Gespräch zu bitten. Schnell verwarf er diesen Gedanken wieder. Er hatte ihr in den letzten Jahren wirklich mehr zugemutet, als ein Mensch ertragen konnte. Auf keinen Fall wollte er sie unnötig mit seinen Problemen belasten, bevor er nicht sicher war, was eigentlich mit ihm los war. Bis morgen musste er noch warten. Da musste er jetzt alleine durch.
Markus beschloss erst einmal zur Apotheke zu fahren und sich ein rezeptfreies Schlafmittel zu besorgen. So eine Nacht wie die letzte wollte er nicht noch einmal erleben.
In der Apotheke konnte man ihm weiterhelfen. Er bekam ein Mittel, welches von der Indikation für Ein- und Durchschlafstörungen geeignet war. Das vermittelte ihm das Gefühl der Sicherheit. Die Nacht war das, was er im Moment am meisten fürchtete und mit den Tabletten hatte er nun eine geeignete Waffe diesen Feind zu besiegen. Während er sich wieder auf den Weg zu seinem Wagen machte, fuhr seine rechte Hand immer wieder in die Jackentasche um nach der Medikamentenschachtel zu greifen. Es beruhigte ihn sehr diese kleine Pappschachtel zu fühlen. Sie wurde sozusagen im Moment zu seinem einzigen Freund und Vertrauten. Er wollte dabei auch gar nicht weiter darüber nachdenken, dass es viel schöner wäre, einen vertrauten Menschen zu haben auf welchen er sich hätte verlassen können.
Bei seiner weiteren Fahrt durch die Stadt fiel ihm ein kleines Geschäft auf, welches er vorher noch nie wahr-genommen hatte. Internetcafewar über der Eingangstür zu lesen. Zehn Minuten 1 Euro. Wie von selbst bremste er ab und nutzte eine freie Parklücke, um den Wagen abzustellen. Komm Markus, wir gehen da jetzt mal rein und googlen, was es so zum Thema „Tumoren der Bauchspeicheldrüse“ gibt. Neugierig und zugleich voller Angst betrat er den Laden. Neben einem Empfangstresen, hinter welchem sich ein gelangweilt dreinblickender Mann befand, gab es ca. zehn Tischchen mit jeweils einem Computer, Tastatur, Maus und Headset.
„Na, wie laufen die Geschäfte?“, fragte er freundlich, obwohl er selbst sehen konnte, dass der Laden komplett leer war.
„War schon mal besser“, gab ihm der Mann mürrisch zur Antwort. „Heutzutage hat ja jeder seinen eigenen Internetzugang zuhause. Hierher kommen nur die absoluten Internetverweigerer oder Menschen, die etwas googlen wollen, was kein anderer mitbekommen soll oder darf, also Menschen die anonym bleiben wollen. Zu welcher Kategorie gehören denn Sie?“
Markus, der sich ertappt fühlte, versuchte einen möglichst belanglosen Eindruck zu hinterlassen. „Eigentlich zu keiner, mir ist einfach nur langweilig.“
„Eigentlich gibt es gar nicht“, kam es zurück. „Ist ja auch egal. Suchen Sie sich einen Platz aus. Sie haben die freie Auswahl.“ Dabei grinste der Mann in einem Anflug von Galgenhumor, während er auf die freien Plätze zeigte. „Möchten Sie vielleicht ein Bier oder einen Kaffee?“
„Kaffee wäre gut“, gab Markus zur Antwort, während er sich auf einen Platz zubewegte, der nicht einfach einzusehen war, aber andererseits den gesamten Raum und durch das große Schaufenster auch die Straße im Blick hatte.
Mit dem Starten einer Seite wollte er warten bis der Mann ihm den Kaffee gebracht hatte, damit dieser nicht sehen konnte, nach was er googelte.
„Na, funktioniert etwas nicht?“ Der Mann stand unvermittelt mit dem Kaffee hinter ihm.
„Nein, nein. Alles in Ordnung. Ich überlege nur gerade noch, was ich mir anschauen könnte.“
„So, so.“ Da war es wieder. Dieses dämliche wissende Grinsen. „Na dann viel Spaß.“ Er stellte den Kaffee ab und entfernte sich wieder zu seinem Tresen. Dabei trug er weiterhin dieses Grinsen im Gesicht. Sicher dachte er, dass Markus irgendwelche Pornoseiten besuchen wollte. Wenn der wüsste, dachte sich Markus. Ist mir ja auch egal. Den sehe ich sowieso nicht wieder.
Der Kaffee war sehr stark, aber genau heute genoss Markus, der normalerweise Kaffee gar nicht mochte, den kräftigen Geschmack. Nach dem ersten Schluck gab er das in die Suchleiste ein, wovor er große Angst hatte.
Tumoren der Bauchspeichdrüse
Da stand es so einfach, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Einfach ein Satz, der für die meisten keine weitere Bedeutung haben würde. Aber für ihn, jedes Wort, jeder dieser fünfundzwanzig Buchstaben bedrohten ihn unendlich. Nie zuvor hatte er das Gefühl gehabt, dass Worte oder Buchstaben bedrohlich wirken konnten. Das war eine völlig neue Erfahrung für ihn.
Jetzt brauchte er nur noch auf „Suche“ klicken und das www würde ihm seine kompletten Informationen preisgeben. Einfach so. Nüchtern, sachlich, ehrlich und völlig schonungslos. Willst du das wirklich Markus? Überleg dir das gut. Wie gelähmt ruhte sein Finger auf der Maustaste und traute sich einfach nicht diesen einen Klick auszuführen.
Reiß dich jetzt zusammen. Pass auf. Wir drücken bei drei einfach auf die Maus. Einverstanden? Wir? Wer war eigentlich wir? Markus wurde bewusst, dass er sich selbst zur Unterstützung genommen hatte und schon zum zweiten Mal eine Entscheidung im Plural abfragte. Los jetzt. Eins, zwei, drei. Der Finger drückte die Taste und die Suchmaschine verwandelte den Bildschirm in ein unüberschaubares Meer aus Informationen. Wenn man nicht aufpasste, konnte man sich im Netz sehr leicht verirren, da man sehr schnell vom hundertsten ins tausende kommen konnte. Das kannte er aus eigener Erfahrung.
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