„Sehr gerne. Ich bin gleich wieder bei ihnen.“ Kurz darauf kam sie mit der Rechnung zurück. „Dann hätte ich gerne 35,60 Euro - inklusive der Zigaretten“, grinste sie.
Markus gab ihr einen fünfzig Euro Schein. „Geben sie mir bitte zehn Euro wieder.“
„Oh, danke sehr. Ihr Taxi kommt übrigens gleich. Ich wünsche ihnen noch einen guten nach Hause Weg und alles Gute. Kommen sie doch einfach mal wieder vorbei.“ Damit drehte sie sich um, nahm von einem anderen Tisch noch ein Tablett Gläser mit und verschwand damit hinter einer Tür mit der Aufschrift “Küche“.
„Wer hatte Taxi bestellt?“, kam es von der Eingangstür. „Ich bitte“, rief Markus dem Mann zu, welcher dort stand. Er hatte eine Jeans, eine Lederjacke und so eine komische Lederkappe auf wie Taxifahrer sie häufig trugen. Vom Äußeren her schien es sich um einen Südländer zu handeln. Deshalb also “Wer hatte Taxi bestellt“, amüsierte er sich und zog sich seine Jacke über. Während er dem Taxifahrer folgend das Lokal verließ, wanderte sein Blick immer wieder zu der Tür mit der Aufschrift Küche, hinter welcher die Bedienung verschwunden war. Doch so sehr er es auch hoffte, er bekam sie leider nicht mehr zu Gesicht, um sich zu verabschieden.
Im Taxi war es angenehm warm und die Rückbank, auf welcher er Platz genommen hatte, bot ihm ausreichend Platz, um es sich richtig gemütlich zu machen. Aus den Lautsprechern kam leise irgendwelche türkische Musik. Auch war das Taxi mit den für türkische Taxifahrer üblichen Utensilien ausgestattet. Der Rahmen der Frontscheibe wurde von lilafarbigen Trotteln gesäumt. Am Rückspiegel hing eine Perlenkette, welche türkische Männer oft sehr geschickt zum Beten, oder auch nur zum Zeitvertreib, durch ihre Finger gleiten lassen. Am Armaturenbrett waren mehrere Fotos angeheftet, welche sicher Familienmitglieder zeigten und der Schlüsselanhänger war mit dem Aufdruck der türkischen Nationalflagge versehen. Der weiß gar nicht, wie gut er es hat, schoss es Markus durch den Kopf. Er scheint gesund zu sein, hat eine Job, der ihm eine regelmäßige Arbeitszeit anbietet und anschließend eine Familie, von der er erwartet wird und mit der er Zeitverbringen und Spaß haben kann. Und was habe ich? Scheiß Autohaus. Sein ganzes Erwachsenenleben hatte sich darum gedreht. Seine Beziehung hatte er den Bach runter gehen lassen und seine Gesundheit auch ruiniert. In den letzten beiden Jahren wurde der Autoverkauf sowieso immer mehr zum Kampf um’s Überleben und war eher zu einer Belastung geworden. Hätte er doch lieber etwas Anderes gemacht. Von ihm aus auch Beamter - oder das doch lieber nicht, dachte er und es gruselte ihn bei diesem Gedanken. „Wo soll hingehen?“, mischte sich die Stimme des Taxifahrers ungefragt in seine Gedanken. „Oh, sorry. Bring mich zum Tulpenweg 12 bitte.“ Bring mich? Wir kam er eigentlich dazu einen ihm wildfremden zu duzen?
„Klar, mach ich gerne. Wohnst du aber in schöner Gegend?“, kam es zurück. Jetzt wusste er, warum er den Fahrer geduzt hatte. Dieses Verhaltensengramm hatte sich entwickelt, da er es im Autohaus doch sehr oft mit türkischstämmigen Kaufinteressenten zu tun hatte. Diese versuchten, ihrer Mentalität folgend, immer zu handeln und am Besten den Wagen kostenfrei zu erhalten, ja sogar noch Etwas dafür zu bekommen, dass sie ihn überhaupt mitnahmen. Bei dieser Art der Geschäfts- und Verhandlungsführung war man automatisch sehr schnell beim Du und das schien auch völlig normal zu sein.
„Ja, ganz nett. Ich wohne gerne da“, war die knappe Antwort von Markus.
„Musst du aber gut Geld verdienen?“, kam die nächste Frage.
„Ich möchte wirklich nicht unhöflich sein, aber mir geht es heute nicht besonders gut und ich möchte bitte keine Unterhaltung. Nichts gegen dich, aber ich brauche gerade etwas Ruhe. Okay?“
„Keine Problem“, kam es zurück. „Bist du Gast in meine Taxi. Wenn ich viel getrunken, meistens Raki, ist türkischer Anisschnaps, geht mir auch nicht gut; manchmal paar Tage. Deswegen besser nix trinken.“
Es kommt nicht vom Trinken, wollte Markus zuerst antworten, besann sich dann aber eines Besseren und schwieg lieber, um die Unterhaltung nicht unnötig anzuheizen. Der Fahrer schien zu merken, dass es ihm scheinbar wirklich ernst war und wandte sich seinem Radio zu. Er drehte die Musik etwas lauter und begann das orientalische Lied mitzusingen.
Mist, vom Regen in die Traufe, dachte Markus, während er versuchte den Gesang zu ignorieren. Hätte ich mich lieber unterhalten. Das wäre auf jeden Fall die bessere Wahl gewesen. Je mehr er versuchte die Musik zu ignorieren, umso deutlicher konnte er sie hören. Gott sei Dank sind wir gleich da. Diesmal fiel es ihm gar nicht auf, dass er sich für diesen Umstand schon wieder bei Gott bedankte.
Das Taxi hielt vor dem Tor zu seinem Grundstück. „Soll ich bis Haus fahren oder willst du hier aussteigen?“
„Danke sehr, ich steige hier aus. Was bin ich schuldig?“
„Gibst du mir 12,50 Euro“, kam es zurück. „Brauchst du Quittung?“
„Nein danke, hier sind 15 Euro. Stimmt so. Er gab dem Fahrer die Summe und stieg aus.“
„Danke dir“, hörte er ihn noch sagen. Dann fuhr das Taxi mit dem singenden Fahrer davon.
Mann oh Mann, bin ich froh, dass ich da draußen bin. Er tippte die Zahlenkombination ein, welche ihm die Tür zum Grundstück öffnete. Wie schön still es doch war, dachte er bei sich, als er nur den Kies unter seinen Füßen knirschen hörte während er die Einfahrt zum Haus entlangging. Endlich Ruhe.
Was war denn das? War der Taxifahrer wiedergekommen? Wo kam denn diese Musik her? Ben seni sevierum, leierte es in seinem Kopf. Ben seni sevierum. Immer und immer wieder. Verdammt, jetzt hatte der Kerl ihm auch noch einen Ohrwurm als Geschenk mitgegeben. Auf dieses Geschenk hätte er sehr gerne verzichtet. Aber nun hatte er es nun mal, völlig ohne Verpackung und ohne, dass er es sich auch nur im Geringsten gewünscht hätte. Komm Markus, denk nicht dran. Mach dich in’s Bett und versuch so schnell wie möglich zu schlafen. Im Haus war es dunkel. Saskia schien also schon zu schlafen. Er beschloss heute ausnahmsweise im Gästezimmer zu übernachten um mit ihr nicht reden zu müssen, bevor es kein hundert prozentiges Untersuchungsergebnis gab. Die Schuhe zog er in der Diele aus und schlich auf Zehenspitzen durch das Erdgeschoss. Er verzichtete darauf Licht anzumachen, um möglichst unauffällig in’s Bett zu kommen.
Als er sich an der Garderobe und dem Schuhschrank vorbei zum Bad schleichen wollte, stieß er mit dem rechten Arm gegen etwas Festes. Was war das?, dachte er gerade, als er die Antwort mit einem lauten Klirren und Krachen bekam. Mist, das war die Vase die Saskia so ausgesprochen gut gefallen hatte. Er hatte sie ihr mit einem Strauß roter Rosen darin geschenkt, als sie ihren ersten Jahrestag feierten.
Markus blieb wie angewurzelt stehen und hielt die Luft an. Er lauschte in die Dunkelheit hinein und versuchte herauszufinden ob sich irgendetwas im Haus regte. Nichts, Gott sei Dank. Ja, wirklich. Gott sei Dank. Er beschloss morgen früh, also vor Saskia aufzustehen, sie stand für gewöhnlich gegen 8:00 Uhr auf, um wie er jetzt wusste, Marie zu versorgen. Jetzt redete er auch schon so von dieser Puppe. So ein Blödsinn.
Aber warum macht sie das wohl? meldete sich wieder diese innere Stimme.
Ja, hast ja recht. Ich habe den größten Fehler meines Lebens begangen, als ich sie zur Abtreibung genötigt habe. Ich kann es nun mal nicht mehr ändern. Außerdem habe ich ja wohl genug mit mir zu tun, oder?
Klar kannst du noch etwas ändern.
So, was denn bitte schön, Frau Besserwisser? Warum gab er der Stimme eigentlich eine feminine Gestalt, obwohl es seine eigene Innere war? Hatte er solche Probleme mit Frauen, dass er das was ihm unbequem und ungeliebt war gleich verweiblichte?
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