Mann ist das kalt, wo ich doch in letzter Zeit sowieso immer so leicht friere. Markus erschrak ein wenig, als ihm bewusst wurde, dass ihm immer mehr Ungewöhnliches auffiel, je mehr er nachdachte. Es würde sich doch um nichts Ernstes handeln? Langsam fing er, der sonst immer stark und durch nichts zu beeindrucken war, an sich echte Sorgen zu machen.
Der Ultraschallkopf zog, geführt von Dr. Hansen, seine einsamen Bahnen über Markus Bauch. Nachdem er ein paar Runden gedreht hatte, fiel Markus auf, dass er immer wieder an der gleichen Stelle verweilte und nur ganz kleine Bewegungen hin und her machte.
Aha, da hatte ich doch recht. Da wo er ständig schaut, befindet sich ja mein Magen. Gott sei Dank, alles wie erwartet, aber scheinbar nichts Ernstes. Warum gerade jetzt „Gott sei Dank“. Normalerweise benutzte er derartige Redewendungen bewusst nicht, da er mit der Kirche und Gott schon vor längerer Zeit abgeschlossen hatte. Gott sei Dank. Na, dann zeig mal was du drauf hast. Wenn es dich wirklich geben sollte, wird es für dich ja kein Problem sein, mir hier zu helfen. Mensch hör auf mit dem Quatsch Markus, sagte er zu sich selbst, als er sich dabei erwischte, an was er gerade gedacht hatte.
Mitten in seine Gedanken drang ruhig und verbindlich die Stimme von Dr. Hansen. „So, das war es Hr. Schmidt. Ich gebe Ihnen ein Tuch, mit welchem sie sich den Bauch ein wenig vom Gel reinigen können. Wenn sie soweit sind, bitte ich sie, sich wieder anzuziehen. Wir treffen uns dann an meinem Schreibtisch wieder. Dann werde ich ihnen sagen, was ich sehen konnte.“
„Okay, danke“, sagte Markus, der froh war, dass die Untersuchung abgeschlossen war und er gleich endlich eine Diagnose haben würde. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er den Termin um 12:00 Uhr bestimmt noch wahrnehmen konnte. Prima, da sind sicher über dreitausend Euro drin, wenn es zum Abschluss kommen sollte. Während er mit seinen Gedanken schon wieder im Autohaus war, reinigte er seinen Bauch, steckte sein Hemd in die Hose und stand von der Liege auf. Er ging erwartungsvoll mit einem Lächeln im Gesicht auf den Schreibtisch zu, hinter welchem Dr. Hansen schon Platz genommen hatte und damit beschäftigt war, irgendwelche Formulare auszufüllen.
„Na, wie sieht es aus“, fragte er, nachdem er auch Platz genommen hatte.
Dr. Hansen schaute von seiner Arbeit auf und hatte dabei einen sehr ernsten Gesichtsausdruck. „Also Hr. Schmidt, ich kann ihnen zum jetzigen Zeitpunkt nichts Endgültiges sagen. Die Ultraschalluntersuchung ihres Bauchraumes hat ergeben, dass es im Bereich der Bauchspeicheldrüse, und zwar im Kopfbereich, Veränderungen gibt, die ich noch nicht zu einhundert Prozent zuordnen kann. Es scheint jedenfalls nichts Entzündliches zu sein. Dagegen sprechen auch die Laborwerte, welche ihr Hausarzt mitgeschickt hat.“
„Was heißt das genau?“, unterbrach ihn Markus.
„Das heißt, dass das Gewebe der Bauchspeicheldrüse im Rahmen eines Tumors verändert ist. Das würde auch die Symptome erklären.“
Tumor?, hörte Markus sich selbst sagen, so als sei er nur Zuhörer. Er merkte wie ihm plötzlich ganz kalt wurde. Was hatte der Arzt da eben gesagt. Er und einen Tumor. Unmöglich, das konnte nicht sein.
„Ja“, sagte Dr. Hansen. „Wie gesagt, gibt es im Bereich des Kopfes der Bauchspeicheldrüse eine Struktur, die da nicht hingehört. Ich würde sie zur endgültigen Abklärungen noch in die radiologische Abteilung des Krankenhauses überweisen. Dort wird man eine weitere Untersuchung machen, die ich hier in der Praxis nicht durchführen kann. Je nach Entscheidung des Radiologen ein CT oder ein MRT. Das sind Verfahren, mit welchen man die inneren Organe am besten beurteilen kann. Den Überweisungsschein bekommen sie an der Rezeption. Ich wünsche ihnen alles Gute Hr. Schmidt. Mehr kann ich heute leider nicht für sie tun. Ich habe schon einen Termin für sie vereinbart. Übermorgen um 11:00 Uhr in der radiologischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses.“ Er erhob sich und reichte Markus die Hand zum Abschied.
Tumor, Bauchspeicheldrüse, Krankenhaus hämmerte es in seinem Kopf, als er wie automatisch die Hand des Arztes ergriff. Dann verließ er, wie benommen, das Untersuchungszimmer und wollte auf dem schnellsten Weg die Praxis verlassen. Nichts wie weg von hier. Dann wird alles wieder gut, dachte er.
„Hr. Schmidt, Hr. Schmidt.“ Die Dame an der Rezeption, rief ihm nach. „Sie sollten noch ihren Überweisungsschein mitnehmen.“ Er hatte das völlig vergessen, so sehr war er mit sich beschäftigt gewesen. Er machte kehrt und ging zum Tresen der Rezeption zurück. Die Dame reichte ihm einen Briefumschlag während sie ihn freundlich anlächelte. „Alles Gute, Hr. Schmidt.“
„Danke.“ Warum wünschen mir hier alle nur alles Gute. Was ist denn hier eigentlich los? Ich wollte doch nur meinen Magen behandeln lassen. Tumor, was ein hässliches Wort. Und das in mir, so ganz heimlich, ohne dass ich es bemerkt habe? Er war zwischenzeitlich an der Tür angekommen und trat hinaus. Tief sog er die frische Luft ein und versuchte einigermaßen zu sich zu kommen. Alles drehte sich in seinem Kopf.
„Pass doch auf du Penner“, raunzte ihn eine unfreundliche Männerstimme an. „Am frühen Morgen schon besoffen. Unglaublich.“ Markus hatte gar nicht bemerkt, dass er beim Hinausgehen einen Passanten angerempelt hatte.
„Entschuldigung“, murmelte er und überlegte, wo er seinen Wagen geparkt hatte. Ach, da stand er ja. Wie immer mitten im Halteverbot, aber er war es ja gewohnt, sich über alle Regeln hinwegzusetzen. Ein Druck auf den Schlüssel und der Wagen löste mit einem lauten Hupen die Verriegelung. Markus öffnete die Tür und ließ sich in die Lederpolster hinter das Lenkrad sinken. Ein Blick in den Innenspiegel zeigte ihm ein beinahe unwirkliches Bild von ihm. Sein Gesicht war aschfahl, die Lippen fast ohne Farbe und auf seiner Stirn perlte Schweiß. Als er darüber fuhr, um ihn wegzuwischen, fiel ihm auf, dass der Schweiß eiskalt war. Jetzt merkte er auch, dass im speiübel war. Jetzt nur nicht durchdrehen Markus. Das ist sicher alles nur ein Irrtum. Das Gerät von Dr. Hansen ist ja nicht einhundert prozentig. Hatte er ja selbst gesagt. Also Ruhe bewahren und die Untersuchung übermorgen abwarten. Übermorgen erst? Da lagen ja noch ein Tag und zwei Nächte voller Ungewissheit dazwischen. Wie sollte er das aushalten. Was mache ich denn jetzt bloß? Ich muss unbedingt mit Saskia reden. Saskia, was würde sie sagen? Würde es sie überhaupt interessieren? Er hatte sich ja die letzten Jahre auch nicht wirklich für sie und ihre Bedürfnisse interessiert. Ihm waren nur er und sein Autohaus wichtig gewesen. Bei dem Gedanken an das Autohaus griff er zum Telefon und rief seinen Verkaufsleiter an.
„Bitte übernehmen sie den Termin mit Hr. Heil heute um zwölf. Er interessiert sich für einen Gebrauchtwagen. Sie machen das schon. Ich bin verhindert und werde auch die nächsten Tage nicht im Geschäft sein können. Also übertrage ich Ihnen für die Zeit die Leitung des Geschäfts. Wenn etwas Wichtiges zu entscheiden ist dürfen Sie mich jederzeit anrufen. Okay?“
„Klar Chef. Ich hoffe es ist nichts Ernstes?“
„Nein, nein. Ich habe nur ein paar wichtige private Dinge zu erledigen.“
„Gut, dann machen wir es so. Alles Gute. Bis dann.“
Schon wieder alles Gute. Verdammt, wussten denn alle was hier los war? Quatsch Markus, er ist einfach nur nett wie immer. Jetzt fiel ihm auf, wie ungerecht und arrogant er oft mit Hr. Vogel umgegangen war. Wie oft hatte er ihn angefahren, nur weil er selbst schlecht gelaunt war. Das werde ich ändern, versprach er sich selbst. Er griff nochmals zum Hörer und wählte die Nummer des Verkaufsleiters. „Vogel“, meldete sich die wohlbekannte Stimme am anderen Ende. „Haben Sie noch etwas vergessen Hr. Schmidt?“
Читать дальше