Du könntest mit ihr reden und versuchen ihr Leid zu teilen und dich entschuldigen. Wenigstens das könntest du tun? Oder?
Klar könnte ich das. Aber sicher wird sie mich zurück-weisen und gar nicht mit mir reden wollen. Außerdem habe ich, wie gesagt, gerade genug mit mir zu tun.
Ach so, aber als es dir heute schlecht ging, wolltest du sie gerne missbrauchen, um deine Sorgen bei ihr abzuladen. Findest du das fair? Glaubst du sie hat wegen dir nicht schon genug zu tragen?
Sei endlich still und lass mich in Ruhe, brüllte er innerlich.
Ja klar, immer wenn es unbequem wird und du dich mit Dir selbst auseinandersetzen musst, versuchst du dich zu verdrücken. Lob kannst du sehr gut vertragen, aber wehe es gibt Kritik, selbst wenn diese konstruktiv ist. Typisch Markus.
Halt endlich die Fresse, verdammt noch mal.
Wie du meinst. Mach nur weiter so. Du wirst schon sehen wie das endet.
Verdammt, halt’s Maul. Mensch was mache ich da nur? Ich streite mich mit mir selbst. Wo kommt auf einmal diese blöde Stimme her? Und das Schlimme ist, dass sie auch noch die Wahrheit zu sagen scheint.
Ben seni sevierum. Mann, auch der noch. Das hat mir gerade noch gefehlt.
Leise ging er in‘s Bad, um sich bettfertig zu machen. Dabei vermied er es sorgfältig in den Spiegel zu schauen, da er keine Lust hatte, sich wieder mit seinem Spiegelbild auseinander setzen zu müssen. Als er fertig war, schlich er sich in das Gästezimmer und schloss die Tür hinter sich. Erst jetzt traute er sich Licht anzumachen. Die Zeit als hier die letzten Gäste übernachtet hatten, lag schon ein paar Jahre zurück. Er sah sich im Zimmer um und ihm fiel auf, wie schön es hergerichtet war. Die Bettwäsche war in einem dezenten beige gehalten und auf dem Kissen lag ein Schokoladenriegel. Am Nachtschrank lag eine Ausgabe der Bibel und die Fensterbank schmückten ein paar Blumenstöcke. Es gab noch eine Kommode, auf der eine dunkelrote Kerze in einem wunderschönen Glaskerzenhalter stand. Die Spiegeltüren des Kleiderschrankes waren blank geputzt und ließen das Zimmer doppelt so groß erscheinen. Dadurch wirkte es absolut freundlich und einladend.
Wie schön Saskia das alles hergerichtet hat, dachte er bei sich. Was habe ich doch für eine wundervolle Frau mit so viel Sinn für das Schöne bis in’s letzte Detail. Schnell kroch er in’s Bett, um möglichst rasch einzuschlafen. Doch irgendwie wollte ihm das heute gar nicht gelingen. Immer wieder hatte er das Bild vor Augen, wie Saskia am Dachboden mit der Puppe im Schaukelstuhl saß und dabei weinte. Oh Mann, jetzt bekommst du alles auf einmal zurück. Saskia so weit entfernt, ein Tumor im Bauch von dem er nicht wusste, welche Auswirkungen das auf sein weiteres Leben haben würde - wenn es überhaupt Eines geben würde. Was wenn der Tumor bösartig war und er sterben musste? Ihm wurde ganz kalt bei dem Gedanken. Sterben mit fünfunddreißig? Nein, das durfte nicht sein. Er wollte doch noch alles gut machen. Bitte lieber Gott, gib mir noch eine Chance. Ich werde alles anders machen, das verspreche ich dir. Da war er wieder. Irgendwie war dieser Gott in den letzten Stunden plötzlich allgegenwärtig. War das nicht auch ein Versprechen aus der Bibel? Irgendwie hatte er das aus dem Religionsunterricht noch schwach in Erinnerung. Es ärgerte ihn, dass er seit er die vorläufige Diagnose gestellt bekommen hatte, so oft an Gott dachte. Und noch mehr ärgerte es ihn, dass er sich dann gut fühlte, weil er den Eindruck hatte, dass da jemand war, der ihm zuhörte und ihm auch helfen konnte. Bisher hatte er immer nach dem Motto gelebt: Hilf dir selbst! Aber jetzt fühlte er sich so hilflos wie noch nie. Voll und ganz seinem Körper und den Ärzten ausgeliefert. Diesmal schien er sich wirklich nicht selbst helfen zu können. Ach, hör auf Markus. Alles wird sicher gut. Er drehte sich wieder von einer Seite auf die Andere und versuchte an nichts zu denken. Ben seni sevierum. Mist, da war wieder dieses bescheuerte Lied. Was hieß das eigentlich. Da er sowieso nicht schlafen konnte, beschloss er noch zu googeln, was das eigentlich hieß.
Ganz vorsichtig huschte er in sein Arbeitszimmer, um seinen Laptop zu holen und sich damit in’s Bett zu legen, um es warm und gemütlich zu haben. Das Laptop fuhr hoch und verlangte das Passwort. Die Tastenkombination kannte er im Schlaf, da der Computer schon ein paar Jahre auf dem Buckel hatte und er das Passwort schon viele hunderte Male eingegeben hatte. Marie. Marie, jetzt plötzlich machte er sich Gedanken über das Passwort. Ja, er und Saskia hatten es gemeinsam ausgesucht. Der Desktophintergrund zeigte voller Ironie ein Bild von Saskia und ihm, wie sie bei ihrem letzten gemeinsamen Urlaub auf einer Strandpromenade saßen und sich innig umarmten. Um nicht weiter nachdenken zu müssen, öffnete er einen online Übersetzer. So, Markus, was war das wohl für eine Sprache? Ich denke mal türkisch. Also, türkisch-deutsch. Nachdem er die Einstellungen getätigt hatte, gab er die drei Worte ein, welche ihm ständig im Kopf herumschwirrten. Ben seni sevierum. Volltreffer. Der Übersetzer hatte etwas dazu gefunden. Die deutsche Übersetzung hieß: Ich liebe Dich.
Ich liebe Dich. Kam es ihm nur so vor, oder sprang ihn seine Vergangenheit und der damit verbundene Umgang mit Saskia jetzt plötzlich aus jeder nur möglichen Ecke an?
Ich liebe Dich. Wann hatte er das zum letzten Mal zu Saskia gesagt? Nachdem sie sich nach der Abtreibung komplett zurückgezogen hatte, sah er in seinem Unverständnis keinen Grund ihr das noch zu sagen. Er hatte sich die ganze Zeit von ihr ungerecht behandelt gefühlt. Erst heute, nach dem Erlebnis auf dem Dachboden, war ihm bewusst geworden, was er ihr angetan hatte und dass sie gar nicht anders konnte, als ihn zu verachten.
Den Rest der Nacht wälzte er sich, unterbrochen von kurzen traumintensiven Schlafphasen, unruhig hin und her. Die ganze Zeit hatte er das Display des Radioweckers im Blick. Als es sechs Uhr morgens anzeigte, war er unendlich froh aufstehen zu können. Nur weg hier, dachte er. Egal wohin, Hauptsache weg hier. Um Saskia nicht doch noch zu begegnen, schaffte er an diesem Morgen seine Körperpflege im Bad in Rekordzeit. Markus atmete tief durch als er das Haus im Rückspiegel des Taxis, welches er gerufen hatte um seinen Wagen abzuholen, immer kleiner werden sah. Gott sei Dank, da bin ich ja nochmal gut weg gekommen. Nachdem er seinen Wagen geholt hatte hielt er an einer Bäckerei an und frühstückte erst einmal in aller Ruhe. Wie schön es doch war, sich Zeit zu nehmen und das Frühstück zu genießen. Früher hatten Saskia und er immer so den Tag begonnen, bevor jeder seinen Aufgaben nachging. Aber seit ein paar Jahren reichte es bei ihm meistens nur für eine Tasse Kaffee im Stehen. Diese kurze Zeit war gewöhnlich von eisigem Schweigen zwischen ihm und Saskia ausgefüllt. Wenn es nichts außergewöhnlich Wichtiges gab, hatten sie sich gar nichts mehr zu sagen. Ich muss sie unbedingt am kommenden Sonntag zum Brunch einladen. Wir müssen dringend reden. So kann es nicht weitergehen. Ich liebe sie doch immer noch sehr, glaube ich jedenfalls. Sein Handy vibrierte und er konnte im Display sehen, dass eine SMS von Saskia eingegangen war. Was konnte Saskia von ihm wollen? Sie hatte ihm schon ein paar Jahre keine SMS mehr geschickt. Ungeduldig öffnete er die Mitteilung.
Hallo. Wo warst du letzte Nacht? Warum hast du im Gästezimmer geschlafen?
Das war Alles? Er war mittlerweile schon nicht mehr Markus sondern „Hallo“? Auch sonst nichts Nettes in dem Text? Markus war enttäuscht.
Sag mal, was hast du eigentlich erwartet? Hast du etwa geglaubt, sie schreibt dir, dass sie dich liebt? Du erwartest ganz schön viel.
Wie stellt man nur diese blöde Stimme ab, die auch noch immer Recht hat? Ich will das gar nicht hören. Saskia könnte ja auch ein wenig Rücksicht auf mich nehmen. Schließlich bin ich krank.
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