Eines Tages, er war mittlerweile achtzehn Jahre, lag, als er von der Schule nach Hause kam, eine Einladungskarte auf seinem Schreibtisch. Jochen hatte in zu seiner Geburtstagsfeier eingeladen. Voller Freude Jochen wiederzusehen machte er sich an dem Abend, an welchem die Feier stattfinden sollte, auf zu Jochens Elternhaus. Bei der Begrüßung stellte er fest, dass Jochen durch die Verantwortung, welche er zu tragen hatte, unglaublich erwachsen geworden war. Von den anwesenden Partygästen glaubte er niemanden zu kennen und hatte sich daher alleine mit einem Bier auf das Sofa im Wohnzimmer gesetzt und die anderen Besucher beobachtet. Jochen, der sich um die anderen Gäste kümmerte, hatte gerade auch keine Zeit für ihn gehabt. Markus hatte circa zwanzig Minuten dort gesessen, als eine wunderschöne junge Frau auf ihn zugekommen war. Ihre blonden, schulterlangen Haare wippten bei jedem Schritt. Ihr Kleid ließ sie sehr elegant wirken und sie hatte ein bezauberndes Lächeln für ihn übrig gehabt.
„Markus? Du bist es doch, oder? Ich habe dich gleich an deinen dunklen Locken wiedererkannt“, hatte sie gesagt, als sie ihm die schlanke, weiche Hand zur Begrüßung entgegengestreckte.
„Richtig. Aber du musst mir ein wenig helfen. Ich stehe gerade auf dem Schlauch“, war seine Antwort gewesen.
Als sie sich vorgestellt hatte, konnte er es kaum glauben. Das war also die kleine Saskia von damals. Unglaublich wie schön sie geworden war.
Durch Saskias lockere Art waren sie sehr schnell in ein langes Gespräch gekommen. Sie hatte so einiges von Markus und seinen Eskapaden gehört und bettelte ihn davon zu erzählen. Besonders die Reise durch Italien mit ihren außergewöhnlichen Umständen hatte es ihr angetan. Immer wieder fragte sie nach und beide hatten im Verlauf der Schilderungen unendlich viel zu lachen. Jochen, der sich wohl irgendwie in Saskia verliebt hatte, gefiel es gar nicht, dass Saskia und er den ganzen Abend miteinander verbrachten. Er hatte einige spitze Bemerkungen gemacht und sie die ganze Zeit beobachtet.
Als es Zeit zum Gehen war, hatte Saskia Markus gebeten sie nach Hause zu bringen. Bei der Verabschiedung vor dem Haus ihrer Eltern war es zu einem ersten zaghaften Kuss gekommen. In der darauffolgenden Zeit trafen sie sich immer öfter und waren bald unzertrennlich. Die anfänglichen Schwierigkeiten, welche ihnen ihre Eltern bereitet hatten, waren durch die tiefe Liebe, welche sie mittlerweile empfunden hatten, durchgestanden worden.
Sie schafften es gegen alle Widerstände eine Beziehung aufzubauen, die letztendlich doch alle überzeugte. Immer öfter hatten sie zusammen gesessen und ihre gemeinsame Zukunft geplant. Es war überraschend gewesen, wie sehr sich ihre Wünsche an die Zukunft und das Leben doch geglichen hatten. Um diese nicht zu vergessen, hatten sie damals alle Wünsche aufgeschrieben und in eine Schachtel gelegt. Von Zeit zu Zeit wollten sie hineinschauen um zu kontrollieren, ob sie es schaffen würden ihre Träume umzusetzen. Sie hatten damals, nachdem sie geheiratet hatten, mit Hilfe von ihrer Eltern ein hübsches Haus gebaut. Das Leben war unbeschwert und fröhlich, bis Markus anfing unbedingt ein Autohaus mit Werkstatt aufbauen zu wollen. Er hatte, da ihn dies sehr forderte, immer weniger Zeit mit Saskia verbracht. Ihm war es auch kaum noch wichtig gewesen wie es Saskia ging und wie sie ihre Tage verbrachte. Mehr und mehr hatten sie sich auseinandergelebt und im Moment war es so, dass ihr Zusammenleben eher einer Wohngemeinschaft als einer Ehe glich.
„Hör auf mit der Gefühlsduselei Markus“, sagte er zu sich selbst. „Jetzt ist es erst einmal wichtig, dass du ein paar Tabletten bekommst, damit du wieder voll einsatzfähig bist.“
In der Praxis angekommen, meldete er sich an und wurde gebeten noch einen Moment im Wartezimmer Platz zu nehmen. Na prima, dachte er, wie immer warten. Wenn ich das mit meinen Kunden so machen würde, käme bald keiner mehr. Da waren sie wieder. Diese verdammten Schmerzen. Nagend und brennend, gerade so, als säße ein Tier im Bauch und würde ihn von innen auffressen.
Ich halt das so nicht mehr aus. Hoffentlich gibt es heute endlich eine Diagnose mit der man eine Therapie einleiten kann. In seine Gedanken krächzte der Lautsprecher seine aufdringliche, gefühllose Anweisung. Hr. Schmidt bitte Kabine 2.
Na endlich. Markus ging in die Kabine und wartete noch einen Moment. Die Tür öffnete sich von innen und eine junge Dame bat ihn herein. Das Sprechzimmer war nüchtern ausgestattet und überwiegend in sterilem Weiß gehalten. Ein Mann, so um die vierzig in einem weißen Kittel, erhob sich hinter seinem Schreibtisch und hielt ihm die Hand zur Begrüßung hin, während er sich vorstellte. Hansen. „Guten Tag, Herr Schmidt. Nehmen sie doch bitte Platz.“ Als sie sich, getrennt durch den Schreibtisch, gegenüber saßen, schaute Dr. Hansen ihn freundlich, aber gleichzeitig musternd an. Ob er wohl sehen konnte, dass er in den letzten Monaten fast zehn Kilo Gewicht verloren hatte? Quatsch. Er kannte ihn ja nicht. Wie sollte er das erkennen?
„Na, wo drückt der Schuh? Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Ach, nichts Besonderes. Ich wollte mich nur mal checken lassen. In letzter Zeit habe ich immer mal wieder Bauchschmerzen, sicher der Magen.“
Dr. Hansen lächelte. „Danke für ihre Diagnose, jetzt werde ich versuchen auch eine zu stellen. Also, dann machen wir erst einmal eine Anamnese. Haben sie außer den Bauchschmerzen weitere gesundheitliche Probleme?“
„Nicht dass ich wüsste.“
„Okay. Nehmen sie regelmäßig Medikamente?“
„Nein, ich nehme, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, überhaupt keine.“
„Prima. Gibt es einen bestimmten Zeitpunkt wann die Schmerzen auftreten, zum Beispiel vor oder nach dem Essen?“
„Eigentlich habe ich da nicht so drauf geachtet, aber ich denke nicht. Die Schmerzen kommen und gehen einfach so, ohne irgendeinen Bezug.“
„Hmmm. Wie sieht es mit dem Körpergewicht aus? Haben sie eher zu- oder abgenommen?“
„Ich habe in den letzten Monaten ca. zehn Kilo an Gewicht verloren.“
Er hatte Dr. Hansen genau beobachtet und glaubte bemerkt zu haben, dass dieser nach der letzten Antwort die Stirn in Falten gelegt hatte. Er fand den Gewichtsverlust ja selbst ungewöhnlich, hatte sich aber nicht wirklich Sorgen gemacht.
„Sagen sie mal Hr. Schmidt, wie sieht es mit ihrem Appetit aus? Hat sich da etwas verändert?“
„Eigentlich nicht, ich esse seit Jahren schon sehr unregelmäßig, aber sonst eigentlich wie immer.“
„Okay, vertragen Sie alle Speisen noch so wie immer, oder haben sie eine Abneigung gegen bestimmte Nahrungsmittel?“
„Jetzt wo sie es mich fragen, ja. Mir ist aufgefallen, dass ich in letzter Zeit Fettiges nicht mehr mag. Auch wird mir öfters übel, wenn ich nur an Fleisch oder fettes Essen denke.“
Dr. Hansen der sich die ganze Zeit Notizen machte, schaute auf. „Wie sieht es mit dem Stuhlgang aus? Ich meine dabei besonders Farbe und Konsistenz.“
„Eigentlich ziemlich normal. Manchmal etwas heller und manchmal ist so etwas wie fettiger Schmier drauf. Aber sonst ist da alles okay.“
„Gut. Also ich würde ihnen vorschlagen, dass ich jetzt noch eine Ultraschalluntersuchung von ihrem Bauch mache und wir dann weitersehen. Einverstanden?“
„Wie sie meinen. Sie sind der Arzt. Haben sie schon eine Vermutung?“
„Eine Vermutung schon, aber lassen sie uns erst mal mit dem Ultraschall ihren Bauchraum ansehen.“
Markus wurde gebeten sich auf eine Liege im Sprechzimmer zu legen und den Bauch frei zu machen. Dr. Hansen hatte währenddessen das Ultraschallgerät eingeschaltet und ein Programm ausgesucht. Während Markus den Bauch frei machte, griff Dr. Hansen nach einer Flasche, in welcher sich ein Gel befand. „Das brauche ich, um bessere Bilder zu bekommen“, erklärte er. „Erschrecken sie bitte nicht, das Gel ist immer ein wenig kalt. Ich werde jetzt etwas davon auf ihren Bauch geben und es dann mit dem Schallkopf des Gerätes verteilen. Also, es geht los.“ Dr. Hansen verteilte das Gel mit dem Ultraschallgerät auf Markus Bauch.
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