Chloé schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Haben Sie schon etwas von den fünf verbindenden Schritten in die Ewigkeit gehört?“
Die alte Dame blickte interessiert auf, kreuzte die Hände im Schoß und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. „Ja, ich habe davon gehört“, sagte sie. „Es ist Teil der schwarzen Magie.“
„Der schwarzen Magie?“, fragte Chloé neugierig.
„Ja, mein liebes Kind“, fuhr die Nachbarin fort. „Es ist eine sehr alte Überlieferung, die noch auf die Zeit des ägyptischen Gottes Seth zurückgeht.“
Chloé blickte die alte Dame leicht verwirrt an.
„Seth gehört zu den ältesten Göttern Ägyptens und taucht schon in der Naqada-Kultur, etwa 4000 v. Chr. auf. Der Gott Seth steht für das Böse und die Vernichtung. Um den Thron des Totengerichts zu erobern, ermordete Seth seinen Bruder Osiris, dessen Sohn Horus wiederum rächte seinen Vater und entmachtete Seth, der in die ewige Dunkelheit und völlige Stille verbannt wurde. Dort hat Seth einen Weg aus der Finsternis zurück in das Reich der Götter gefunden. Dieses Wissen wurde von Hohepriester zu Hohepriester weitergegeben. Wir wissen nicht genau, was davon wahr oder erfunden ist. Aber angeblich muss man sich mit fünf reinen Seelen verbinden und erreicht dadurch das ewige Leben. Aber wir sprechen hier über die schwarze Magie!“
Ein Schatten legte sich über das freundliche Gesicht der alten Dame. Sie lehnte sich noch tiefer in den Sessel zurück, als wäre plötzlich auch das letzte Fünkchen Kraft aus ihrem zierlichen Körper gewichen.
„Wie kann man sich mit fünf Seelen verbinden?“, fragte Chloé unruhig.
„Das wissen nur die Hohepriester, die es aus den geheimen Schriften des Seth kennen. Ich kann es dir nicht sagen, bin mir auch nicht sicher, ob ich es dir sagen würde, wenn ich es wüsste.“
In diesem Moment befreite sich Christel aus ihrem Dämmerzustand und stand auf.
„Ich wollte dich nicht beunruhigen, mein Kind. Das sind alles nur Mythen und Sagen, niemand kennt den wirklichen Wahrheitsgehalt.“
Chloé versuchte, äußerlich ruhig zu bleiben, doch im Inneren zitterte sie. Mythen und Sagen waren das niemals! Ihr Gefühl sagte ihr, dass hier die Wahrheit genau getroffen war. Jetzt wusste sie auch, was der Mann in der weißen Robe gemeint hatte.
„Du bist die Zahl Fünf“, hatte der unheimliche Fremde gesagt. Gehörte sie zu einer Reihe von reinen Seelen, die jemanden dienen sollte, um die Unsterblichkeit zu erreichen? Als Nummer fünf war sie die Letzte und entscheidende Seele! Aber es war doch nur ein Alptraum gewesen, beruhigte sie sich.
„Kind, du wirkst so betroffen“, sprach die alte Dame und blickte Chloé neugierig an. „Warum hast du mich nach den fünf Verbindungsschritten gefragt?“
„Ich ... ähhh, ich war einfach neugierig“, antwortete Chloé. „Ich habe irgendwo darüber gelesen, aber der Bericht war nicht vollständig“, schwindelte sie. Die Atmosphäre durch die Kerzen und das Räucherstäbchen nahm ihr die Luft zum Atmen. Sie brauchte frische Luft.
Die alte Dame sah sie eindringlich an. Chloé ahnte, dass die Nachbarin ihr nicht glaubte. Doch es war ihr gleichgültig.
„Hast du in letzter Zeit ungewöhnliche Dinge gesehen?“
„Nein“, antwortete Chloé.
„Ich sagte dir vor langer Zeit bereits, dass du die Gabe hast. Dir wurden außergewöhnliche Gene vererbt, du darfst dich nicht dagegen wehren. Manchmal vergehen Jahre, bis sie sich bemerkbar machen. Falls du meine Hilfe brauchst, dann sag es.“
Chloé schüttelte den Kopf. „Nein, nein, es ist alles okay.“ Sie blickte umständlich auf ihre Armbanduhr. „Ach, du liebe Zeit, ich muss gehen“, erklärte sie. „Ich muss noch wichtige Dinge erledigen.“
Die alte Dame trat direkt vor Chloé und nahm ihr Gesicht zwischen beide Hände. Dann beugte sie sich vor und gab Chloé einen Kuss auf die Stirn.
„Geh in Frieden“, flüsterte sie. „Wenn man so jung ist, hat man viele Probleme. Besonders wenn ein Mädchen im Begriff ist, zur Frau zu werden. Dabei ist eine Vielzahl von Mächten am Werk.“
Chloé zuckte innerlich zusammen. Konnte die alte Frau ihre Gedanken lesen? Hastig wandte sie sich ab.
„Danke“, antwortete sie, während sie das Wohnzimmer verließ. Nach einer erneuten Verabschiedung durchquerte sie mit weichen Knien den Vorgarten und stieg auf ihr Fahrrad.
Was war wirklich ihr Problem? War es der Alptraum! Oder meinte ihre Nachbarin etwas anderes? Weil sie im Begriff war, zur Frau zu werden, wie sie sich ausgedrückt hatte. Bedeutete es, dass sie aufgeschlossener für die Liebe war, dass sie reif war für tiefe, echte Gefühle?
War der Schlüssel ihrer inneren Unruhe die neue Liebe? Sie spürte, dass sie mit Henri in ihren Gedanken und Gefühlen zu einer einzigen Person verschmolz. War dies eine Gefahr?
Chloé kam früher als geplant am Germeringer Volksfest an. Es war bereits kurz nach sechs, als sie vom Fahrrad sprang. Sie fühlte sich von dem Gespräch mit der Nachbarin und ihren tristen Gedanken nervös und unruhig. Das Wetter war auch nicht gerade dazu angetan, ihren Zustand zu verbessern. Es war immer schwüler und drückender geworden. Inzwischen lag die Luft wie eine heiße feuchte Decke über Germering. Offenbar braute sich ein Gewitter zusammen.
Chloé wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie betrat den Festplatz und blickte sich um. Es befanden sich sehr viele Menschen auf den Wegen und vor den Buden.
Sie fand Henri vor der Geisterbahn. Er stand am Eingang und blickte an der Fassade hinauf. Chloé trat hinter ihn, umfasste seinen Körper und küsste seinen Hals.
„Hallo, mein Held“, begrüßte sie ihn zärtlich. „Überlegst du, wie du die Gespenster bekämpfen möchtest?“
Henri drehte sich um und blickte ihr tief in die Augen. „Ich habe schon auf dich gewartet.“
„Entschuldige meine Verspätung“, erwiderte Chloé.
„Als Entschädigung musst du mit mir die Geisterbahn fahren“, erklärte Henri grinsend, da er erkannte, dass ihr das Fahrgeschäft nicht gefiel.
„Muss das denn sein?“
„Natürlich, ich bestehe darauf“, meinte Henri. „Aber ich werde dich gegen jeden Geisterangriff tapfer verteidigen.“
„Hm, nett“, sagte sie. „Eine Höllenfahrt sozusagen.“
Henri ergriff ihre Hand, zog sie zum Kassenhaus und bezahlte den Eintritt. Ehe sie sich versah, saß sie bereits neben Henri in einem mit rotem Leder überzogenen Sitz. Die Geisterbahn startete.
Sie hätte gerne vorher gewusst, was den Besucher auf dieser Fahrt erwartete. Eine Geisterbahn in Germering hatte sie noch nicht erlebt. Das Fahrgeschäft war dieses Jahr zum ersten Mal anwesend. Ihre letzte Fahrt in einer Geisterbahn war vor vier Jahren auf dem Münchner Oktoberfest gewesen. Sie hatte das damalige Erlebnis eher komisch als gruselig in Erinnerung. Trotzdem überfiel sie plötzlich ein leichtes Unbehagen und sie überlegte, ob sie wieder aussteigen sollte. Aber der Sicherheitsbügel war bereits heruntergepresst und Henri hielt ihre Hand.
Sie fühlte sich auf einmal unheimlich schwer, konnte sich kaum bewegen. Eine Schlaffheit und Gleichgültigkeit breitete sich in ihr aus, als hätte sie ein starkes Beruhigungsmittel geschluckt.
Während die Fahrt begann, wurde ihr immer wärmer. Die Luft schien sich aufzuheizen. Gibt es in einer Geisterbahn keine Klimaanlage?, überlegte sie. Im nächsten Moment glitt die Bahn einen leichten Abhang hinunter, schaukelte kurz, fuhr dann von der Mechanik angetrieben in die Finsternis.
Ohne ersichtlichen Grund verspürte sie Angst.
Sie entspannte sich ein wenig, als die Bahn um eine Kurve bog und in einen langen, von künstlichen Fackeln beleuchteten Tunnel hineinglitt. Es herrschte ein trübes, rotes Licht.
Henri drückte aufmunternd ihre Hand, als würde er ihre Unruhe selbst spüren. Alles könnte so schön sein, dachte sie, wenn nur das dumpfe Gefühl in ihrem Kopf verschwinden würde! Es kam ihr vor, als betrachtete sie alles durch einen dichten, roten Nebel.
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