„Nein!“, schrie sie voller Entsetzen laut auf. „Ahhh...“
Der Rest des Schreis blieb Chloé würgend im Hals stecken, als heller Lichtschein ihre Augen traf. Sie schützte sie mit den Händen. Als sie die Augen endlich aufschlug, stellte sie fest, dass sie im Bett ihres Zimmers lag.
Eine ganze Weile sah sie verwirrt zum Fenster hinüber. Es war hell, die Sonnenstrahlen fielen auf ihr Gesicht. Da wurde ihr klar, dass sie nur einen Alptraum gehabt hatte.
Seufzend schlüpfte sie aus dem Bett, ging noch leicht zittrig zum Fenster und blickte hinaus. Es war Mai, die sonnigen Tage der letzten Wochen hatten die Natur bereits erblühen lassen. Sie betrachtete den weitläufigen Garten ihres Elternhauses und versuchte, die Erinnerung an den Alptraum abzuschütteln.
Während Chloé die Schönheit der Natur genoss, erinnerte sie sich an die Bemerkung des Mannes in der weißen Robe. „Du bist die Zahl fünf!“
Wieso eine Fünf? Was um alles in der Welt sollte dieser Traum bedeuten?
Sie schüttelte den Kopf und ging barfuß ins Bad. Er war nur ein blöder Alptraum, vergiss es, riet sie sich. Nach einer ausführlichen Dusche betrachtete sie sich in dem großen Spiegel hinter der Tür. Sie war ein großes Mädchen von achtzehn Jahren mit einer schlanken, sportlichen Figur, langen blauschwarzen Haaren und leuchtend grünen Augen.
Mit diesem Aussehen ähnelte sie ihrer Großmutter väterlicher Seite. Ihre Mutter und ihre ältere Schwester Michelle waren blond und blauäugig.
Sie wandte sich zum Waschbecken um und putzte ihre Zähne. Nachdem sie die Zahncreme ausgespuckt hatte, rubbelte sie ihr Gesicht trocken und verscheuchte damit auch die letzten Erinnerungen an den Alptraum.
Sie musterte ihr Gesicht im Spiegel über dem Waschbecken. Die kleine Nase, der schön geschwungene Mund, die hohen, etwas hervorstehenden Backenknochen, die dem Gesicht einen unverwechselbaren, typischen Ausdruck verliehen, wirkten geheimnisvoll und anmutig.
Sie hob die Schultern. Chloé wusste, dass die Jungs im Gymnasium sie attraktiv fanden, doch das interessierte sie nicht. Sie war intelligent und aufgeschlossen. Das sollte reichen, um sie zu mögen. Außerdem hatte sie seit zwei Monaten einen festen Freund.
Sie lächelte verträumt, als sie an Henri dachte. Er war im gleichen Alter und ging in die Nebenklasse des Max-Born-Gymnasiums. Verliebt hatte sie sich in seine rehbraunen Augen, die so intensiv glänzen konnten und voller Feuer und Zärtlichkeit waren.
Sie lächelte ihr Spiegelbild mit einem schiefen Grinsen an. „Du hast den besten Jungen der Welt gefunden“, flüsterte sie halblaut.
Sie verließ das Badezimmer und kleidete sich an. Mit einem nachdenklichen Seufzer ging sie dann in die Küche, um zu frühstücken. Ihre Eltern waren bereits seit den frühen Morgenstunden in der eigenen Firma. Ihre drei Jahre ältere Schwester Michelle studierte in Innsbruck Mikrobiologie und kam nur noch gelegentlich, meist an den Wochenenden, nach Hause.
Chloé machte das Radio auf dem Kühlschrank an und stellte ihren Lieblingssender ein. Es lief gerade ein fetziges Stück und sie drehte die Lautstärke auf. Der pulsierende Rhythmus vertrieb die letzten Schatten ihres Alptraums.
Während sie sich frisches Obst für ihr Müsli schnitt, blickte sie aus dem Küchenfenster auf die Straße. Ihre nächste Nachbarin, eine alleinstehende ältere Dame namens Christel Böhm, besaß eine ähnlich große Villa. Die alte Frau machte sich den lieben langen Tag nur in Haus und Garten zu schaffen. Zwar fand Chloé ihre Nachbarin ein bisschen komisch, aber sie mochte sie und besuchte sie von Zeit zu Zeit.
Sie kannte Christel Böhm seit ihrer frühesten Kindheit. Die alte Dame behauptete, Chloé besäße die Gabe einer Seherin. Als Chloé sie fragte, was das zu bedeuten hätte, antwortete Christel, dass sie Dinge sehen und spüren könnte, die die meisten Menschen nicht wahrnahmen.
„Wie ein Medium?“, hatte Chloé damals gefragt.
Und Christel Böhm hatte mit dem Kopf genickt und ihr geraten, diese Fähigkeit weiterzuentwickeln. Doch Chloé hatte das als Geschwätz einer alten Dame abgetan. Inzwischen war sie sich jedoch nicht mehr so sicher, dass Christel nur so dahergeredet hatte. Offenbar wollte der Alptraum sie vor etwas warnen. Wie sie auf diesen Gedanken kam, wusste sie allerdings nicht.
Am Nachmittag nach der Schule lag Chloé auf ihrem Bett, eng an Henri gekuschelt. Außer ihnen war kein Mensch zu Hause. Sie schmusten seit über einer Stunde miteinander. Er hatte ihr das Shirt ausgezogen und küsste zärtlich ihren flachen Bauch.
Chloé ließ sich aufseufzend nach hinten fallen und zog Henri mit sich. Sie fuhr mit beiden Händen unter sein Shirt und streichelte die warme Haut seines Rückens. Henri lag halb auf ihr, sodass sie seinen Körper fühlen konnte. Das mochte sie sehr.
Sie küssten sich leidenschaftlich und spürten, dass sie sich dem Punkt näherten, der gefährlich war. Aber sie hatten gelernt, damit umzugehen. Deshalb wehrte sich Chloé nicht, als Henri über ihre Jeans streichelte. Warum sollte sie auch, wo sie doch wusste, dass es jetzt noch schöner werden würde? Sie hatte keine Angst, da sie Henri bedingungslos vertraute. Sie hatten vereinbart, noch nicht miteinander zu schlafen, da sie erst seit kurzer Zeit ein Paar waren. Chloé wollte die Beziehung im erotischen Bereich langsam angehen lassen. Daran hielten sie sich, da es so viele wundervolle andere Dinge gab, die sie tun konnten.
Bis abends blieben sie im Bett und zeigten sich, wie lieb sie sich hatten. Henri legte seinen Arm um Chloé, sodass sie ihren Kopf an seine Schulter legen konnte.
„Wie waren die ersten Stunden vom Kurs?“, fragte Chloé, während sie ihre Augen schloss, als Henri sanft durch ihr Haar strich.
„Sehr spannend“, erwiderte er gefühlvoll. „Numerologie ist eine komplizierte, uralte Wissenschaft. Zahlen erhalten die Elemente aller Dinge, der natürlichen und der spirituellen Welt, und aller Wissenschaften. Mit Zahlen kann man unendlich viel erreichen. Das glaubten zumindest unsere Vorfahren.“
„Hast du bereits etwas gelernt?“
„Natürlich, der Kurs hat zwei Schulstunden gedauert! Anhand von Zahlen kannst du dein Leben gestalten, indem du den Tag oder das richtige Datum für ein Vorhaben wählst“, erklärte Henri. Er hielt inne, küsste Chloé sanft auf ihre Stirn und sprach mit einer verstellten, tieferen Stimme: „Und dann sind da noch die dunklen, spirituellen Seiten ...“
„Zum Beispiel?“, fragte sie mit einer kichernden Stimme, da sie sich über seine veränderte Stimme amüsierte.
„Der Lehrer, der den Kurs leitet, hat von den fünf verbindenden Schritten zur Ewigkeit erzählt“, antwortete Henri. „Unsere Vorfahren glaubten, dass ein Mensch, der diese Schritte ausführt, ewig leben würde.“
„Fünf Schritte zur Ewigkeit?“, wiederholte Chloé. Etwas rührte sich in ihrem Unterbewusstsein. Ein leichter Schauer überlief sie.
„Der Mann zeigte uns Kopien von alten Papyrus-Rollen mit ägyptischen Hieroglyphen. Die Wissenschaftler haben aus diesen Aufzeichnungen entnommen, dass ein Mensch fünf verbindende Schritte gehen muss, um das ewige Leben zu erreichen. Allerdings konnte man nicht genau übersetzen, was damit gemeint war. Es gibt viele unterschiedliche Übersetzungen, wohl deshalb, weil niemand die alte Sprache wirklich beherrscht. Der Lehrer meinte, dass hiermit auch der altägyptische Glaube der Seelenreinkarnation gemeint sein könnte. Wenn man sich mit fünf anderen Seelen verbindet, kann man die Ewigkeit betreten. Für mich gibt es keine anderen Seelen, du bist und bleibst immer meine Nummer eins, Liebes“, meinte er lächelnd, zog ihre Hand an seinen Mund und küsste ihren Zeigefinger.
Chloé spürte ein merkwürdiges Kribbeln, das sich durch den gesamten Körper ausbreitete. Doch da brach der Gedanke, der sich in ihrem Unterbewusstsein geregt hatte, mit Macht an die Oberfläche.
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