Seine Stimme zitterte. „Dein Tod ist kein Abschluss! Über den körperlichen Tod hinaus, bis in alle Ewigkeit, wird das magische Band existieren.“
Er unterbrach sich und zuckte zusammen. War da nicht ein Geräusch gewesen? Er hielt den Atem an und lauschte. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Mit glühenden Augen blickte er sich um.
Djehuti schluckte. Er hatte sich ablenken lassen. Ein leichtes Zittern lief durch den Körper der toten Prinzessin! Das Blut des Hohepriesters in ihren Adern gab ihr neue Lebensenergie.
„Satamun? Kannst du mich hören?“
Er beugte sich über die junge Frau. Ihre fast durchscheinenden Augenlider zitterten leicht wie Schmetterlingsflügel. Djehuti nahm die tote Prinzessin in die Arme und löste seinen blutenden Finger von der Öffnung ihrer Pulsader. Ihr Körper fühlte sich weich und geschmeidig an.
„Das magische Ritual ist abgeschlossen! Deine Seele wird mir im Zwischenreich als Sklavin dienen“, flüsterte der Hohepriester.
Satamun öffnete mit einem Mal ihre Augen! Ein leichtes Lächeln spielte um ihre roten Lippen. Der Hohepriester hielt ihren Oberkörper mit einer Hand gestützt, während er mit der anderen über ihre Wange strich.
„Schau mich an, Satamun! Präg dir mein Gesicht ein, nur so kann deine Seele mich als deinen Meister anerkennen. Kannst du mich sehen?“
Sein Herz schlug wie rasend. Die dunklen, feuchtglänzenden Augen der jungen Frau musterten ihn. Die Lippen der toten Prinzessin bewegten sich leicht. Wie ein Hauch erklang die Stimme der Satamun.
„Ja, ich sehe dich.“
Er riss sie an sich, drückte sie fest in seine Arme. Das Ritual war erfolgreich gewesen! Er vergaß seine Umgebung. Alles um ihn herum versank hinter einen düsteren Nebelschleier. Sein Körper wurde in einem Trancezustand versetzt. Mit leichten rhythmischen Bewegungen begann er zu tanzen.
Er wähnte sich allein.
Aber das Geräusch vorhin, er hatte sich nicht getäuscht.
Da war jemand!
Nicht im Raum, aber in einem Geheimgang. Eine kleine Klappe öffnete sich und zwei unruhige Augen erschienen. Es war eine Dienerin der Prinzessin, die sich mit zitternder Hand übers Gesicht strich. Wie gelähmt von diesem schrecklichen Anblick, schloss sie sekundenlang die Augen.
Die junge Dienerin stieß sich förmlich von der kühlen Wand ab und verließ eilig den geheimen Schacht. Sie stieg eine schmale Stiege hoch und verschloss die Öffnung wieder.
Dann rannte sie durch den Tempel und betrat die Gemächer von Ahmose Nefertri, der Gemahlin des Pharaos. Die Mutter der Prinzessin hörte der Dienerin aufmerksam zu und brachte so den Stein ins Rollen. Sie informierte den Pharao, der daraufhin mit drei kräftigen Soldaten der Palastwache zu der Kammer eilte, in der seine Tochter aufgebahrt war.
Sie stürmten in den Raum und überraschten den Hohepriester. Aber das unheimliche Ritual war bereits abgeschlossen!
Die Seele von Satamun befand sich bereits im Zwischenreich. Der Gang durch die Nebelwand ins Jenseits blieb ihr versperrt.
Der Hohepriester wirbelte lächelnd herum.
Die Leibgarde des Pharao stoppte schockiert, als sie erkannten, was vor ihnen geschah. Die Prinzessin saß mit aufgerichtetem Oberkörper auf dem altarähnlichen Aufbau. Es war ein seltsames und gespenstisches Bild.
Satamun hatte die Augen geöffnet. Ihr langes blauschwarzes Haar schmiegte sich an ihr Gesicht, die Haarspitzen berührten die kleinen festen Brüste.
„Ahmose-Sat-Amun, Sitamun“, stammelte der Pharao mit belegter Stimme.
Eine Verstorbene, der bereits die Eingeweide zur Vorbereitung der Einbalsamierung herausgenommen waren, saß mit offenen und glänzenden Augen auf dem Totenplatz. Die Bauchöffnung klaffte weit auseinander. Das mit aromatischen Düften getränkte Leinentuch lag quer über den Schenkeln der Prinzessin.
Im Aufspringen ließ der Hohepriester die junge Frau los. Unsicher wankte sie nach hinten, fiel dann zurück und schlug schwer auf den Altartisch.
„Ihr seid zu spät, das Ritual ist vollzogen!“, rief der Hohepriester triumphierend. Seine Augen schossen glühende Blitze auf die Eindringlinge.
„Wie kannst du es wagen, dich an meiner Tochter zu vergreifen, du Sohn einer stinkenden Ziege?“
Die Stimme des Pharaos donnerte durch die Kammer. Satamun lag ausgestreckt auf dem Vorbereitungsaltar. Sie rührte sich nicht mehr.
„Du hast ihre Seele zerstört, ihre Reise ins Jenseits zum Totengericht ist gefährdet“, fauchte der Pharao hasserfüllt. „Möge Osiris deine Waagschale zerstören, Ammit dein Herz verschlingen. Mögest du für immer den Flammenstrahl der großen Feurigen verspüren. Haltet ihn fest, ich werde ihn selbst richten!“
Der Herrscher ließ seine Soldaten nach vorne stürmen. Djehuti ergriff seine wertvolle Tasche und sprang zur Seite. Die Dinge entwickelten sich genau in die Richtung, die er geplant hatte!
Er musste gewaltsam sterben, dann wurde er ein Diener des schwarzen Fürsten. Aus seiner Tasche holte er ein kleines Tongefäß. Der Hohepriester hatte aus alter Überlieferung eine Mixtur der heiligen Öle Setji-heb, Nekhenem und Tjehenu hergestellt. Er schüttete die Flüssigkeit über seine Hände und verwandelte sie in schwarzmagische Werkzeuge.
„Ergreift den Frevler!“, befahl der Pharao mit unerbittlicher Stimme.
Die drei Palastwachen umringten Djehuti. Sie erhoben die langen Schwerter und griffen ihn an. Blitzschnell tauchte der Hohepriester unter dem Schwert des ersten Soldaten durch und stieß den Mann zur Seite. Der Wächter schrie laut auf und flog zurück, als hätte ihn die Faust eines Titanen getroffen. Unter seinem ledernen Wams quoll in Höhe der Hüfte, dort wo ihn der Hohepriester mit seiner Hand getroffen hatte, dunkles Blut hervor. Die Mixtur aus dem Tongefäß verlieh den Händen von Djehuti übermenschliche Kräfte.
Der zweite Wächter griff blitzschnell an. Seine Schwertspitze bohrte sich in den rechten Oberschenkel des Hohepriesters. Der Getroffene wankte zurück. Der Soldat zog sein Schwert aus dem stark blutenden Bein, stand dann mit unbewegtem Gesicht vor ihm, die Waffe locker in der Hand haltend.
Plötzlich grinste ihn Djehuti mit einer grässlich verzogenen Fratze an. Seine rechte Hand schnellte nach vorne und krachte gegen den Brustkorb des Soldaten. Problemlos drangen seine Finger in den Körper des Mannes ein und suchten das schlagende Herz. Es knirschte und krachte, als er die Rippenknochen zerbrach. Alle standen wie erstarrt und wurden Zeugen eines ungeheuerlichen Vorgangs.
Der attackierte Wächter taumelte zurück. Ein Gurgeln drang aus seinem Mund! Der Pharao glaubte seinen Augen nicht zu trauen.
Welche Mächte waren hier am Wirken?
Woher nahm der Hohepriester diese unheimliche Kraft?
Der Herrscher konnte nichts von der schwarzmagischen Mixtur aus dem Tongefäß wissen.
Der dritte Soldat wurde im gleichen Moment aktiv. Sein Schwert bohrte sich in Djehutis anderes Bein. Der Hohepriester knickte ein und sank auf den Boden. Die Tasche entglitt seinen Fingern. Ein Grinsen erschien auf seinen Lippen. Er hatte mit schwarzer Magie das Herz eines anderen Menschen zerquetscht. Dem Opfer wurde der Weg ins Jenseits verwehrt bleiben! Der Fürst der Finsternis hatte einen neuen Diener erhalten.
Djehuti lächelte glücklich. Jetzt konnten sie ihn töten! Er war bereit. Sein neuer Meister würde ihn mit offenen Armen empfangen.
Der dritte Soldat schlug mit der flachen Seite seiner Schwertklinge gegen die Stirn des Hohepriesters, der sofort bewusstlos auf den Boden kippte. Der Pharao trat näher und starrte auf den reglosen Körper.
In der Zwischenzeit betraten weitere Priester die Totenkammer. Sie verbeugten sich vor ihrem Herrscher. Der Pharao blickte die Geistlichen streng an, er traute keinem mehr.
„Gebt mit einen Dolch“, befahl Ahmose und streckte fordernd seine Hand aus. „Seine sterbliche Hülle darf die Zeit nicht überdauern.“
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