Ein alter Mann trat hervor und verbeugte sich tief. „Anch, Wedscha, Seneb“, stammelte er und reichte dem Herrscher einen kleinen silbernen Dolch. Der Pharao nahm die Waffe, schloss seine Augen und sprach Gebete. Während seiner Worte öffnete er mit der scharfen Klinge die Halsschlagader von Djehuti. Der Hohepriester lebte noch, sein starkes Herz pumpte gleichmäßig das Blut durch die Halswunde aus seinem Körper. Sein Körper erzitterte ein letztes Mal, bevor er starb.
„Gebt mir den heiligen Stein!“, befahl der Pharao.
Ein Priester öffnete eine kleine Holztruhe und holte einen goldgestreiften Mineralstein hervor. Der Pharao legte das Tigerauge, den magischen Stein der Ahmosiden, auf die Stirn des toten Hohepriesters.
„Dein Ba soll niemals den Weg zurück in deinen Körper finden! Der Weg zum Totengericht des Osiris soll dir verwehrt bleiben. Du sollst ziellos durch die Finsternis wandern!“
Während der heiligen Worte des Pharaos leuchtete der Mineralstein hell auf, erzeugte Hitze und brannte ein Loch in die Stirn des toten Hohepriesters.
Wortlos stand der Herrscher auf und gab das Tigerauge dem Priester zurück, der den Mineralstein zurück in die Holztruhe legte.
„Verbrennt seinen Körper und zerstreut die Asche in der Wüste“, befahl der Pharao. Die Priester verneigten sich unterwürfig.
Als der nächste Morgen graute, war der Leichnam des Hohepriesters verschwunden. Was genau geschehen war, konnte keiner berichten.
Man hatte seinen toten Körper geraubt!
Der Pharao tobte vor Zorn und warf drei Priester seinen hungrigen Krokodilen zum Fraß vor. Aber die wahren Schuldigen konnten nicht gefunden werden. Der Leichnam von Djehuti blieb verschwunden.
Ungeachtet dieser Dinge kümmerten sich die Priester um die tote Prinzessin. Was bei der Mumifizierung begonnen hatte, musste nun beim Bestattungsritual zu Ende geführt werden: Die Seelen Ka und Ba sollten in den Körper der Verstorbenen zurückkehren, damit sie ihre Reise in die Unterwelt antreten konnte. Mit einem Schiff brachten die Angehörigen die Mumie nach Deir el-Bahari. Die altägyptische Grabanlage lag nördlich von Theben. Einer Legende nach wurde hier der Totengott Osiris begraben. Durch die Nähe des Gottes sollte sich die Verstorbene mit ihm identifizieren und, wie Osiris, wieder von den Toten auferstehen.
Am Tag der Bestattung legte man den Sarkophag der Prinzessin auf einen großen Schlitten, der von Ochsen gezogen wurde. Hinter dem Schlitten folgte der Zug der trauernden Angehörigen. Die Priester von Karnak begleiteten den Sarkophag mit Gesängen und Gebeten. Ein weiterer Schlitten mit einem großen Kasten, in dem die Eingeweide in ihren Kanopen lagen, folgte den Trauernden. Zum Schluss kamen die Träger mit den Totenbeigaben.
Am Grab angekommen, stellte man die Mumie in eine senkrechte Position. Es folgten Reinigungen, Räucherungen und Opferungen. Mit einem Stab berührte der Pharao den Mund seiner Tochter, damit diese wieder sprechen, essen und trinken konnte. Mit seinen Fingern streichelte er über Augen, Nase und Ohren, damit sie wieder sehen, hören und riechen konnte.
Ein anschließendes Stieropfer sollte für das leibliche Wohl der Prinzessin sorgen. Duftende Salböle, mit denen die Priester die Mumie einrieben, sollten ihr Herz erfreuen, und Weihrauchopfer sie näher zu den Göttern bringen.
Den Sarkophag mit der Mumie, und die persönlichen Gegenstände der Verstorbenen, trug man nun ins Grab, das anschließend verschlossen und versiegelt wurde.
Keiner ahnte, dass der gestohlene Leichnam von Djehuti nur wenige Meter von der Prinzessin, ebenfalls in Deir el-Bahari, vergraben lag.
Die Seele von Satamun befand sich bereits im Zwischenreich, der von Zeit und Raum unabhängigen Welt. Hier musste sie warten, bis sie Gnade vor den Göttern fand.
Der mächtige Gott Seth hatte im Buch der Toten den Weg beschrieben, wie eine Seele das Zwischenreich ohne Zustimmung der Götter wieder verlassen kann.
Djehuti, ehemaliger Hohepriester des Amun, wollte diesen Weg gehen. Durch fünf Schritte konnte er das ewige Leben erhalten!
Generationen kamen und gingen.
Neue Herrscher und Reiche etablierten sich, Weltreiche gingen unter.
Niemand sprach mehr von den Vorgängen der Vergangenheit.
Es war eine Epoche gewesen, die kaum Aufmerksamkeit in den Geschichtsbüchern gefunden hatte.
Eine neue Zeitrechnung begann.
Es vergingen 3466 Jahre!
Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e. V
Deutsches Reich, Berlin
September 1938
Hans Schleif, SS-Obersturmbannführer und Leiter der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e. V. blickte von seinem Schreibtisch hoch, als an seine Tür geklopft wurde.
Ein kräftiger Soldat der Waffen-SS betrat das Büro.
„Heil Hitler“, grüßte der Soldat, während er seine Hacken zusammenschlug.
„Ähh, ja, Heil auch“, antwortete Schleif.
„Die angeforderte Lieferung aus Wien ist eingetroffen!“
„Danke, Soldat. Weggetreten!“
Hans Schleif spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Seine Hände wurden feucht und seine Augenlider zuckten nervös.
„Endlich“, hauchte er und stand auf.
Hans Schleif war ein bedeutender deutscher Architekt, Bauforscher und klassischer Archäologe. Er war der erste Inhaber des für Bauforscher vergebenen Reisestipendiums des Deutschen Archäologischen Instituts. Er hat an mehreren Ausgrabungen teilgenommen, darunter im Heraion von Samos unter der Leitung von Ernst Buschor, an der er bis 1936 mitwirkte.
Fasziniert haben ihn jedoch die Ausgrabungen bei Theben, die er gemeinsam mit Herman Grapow durchführte.
Unter der Schirmherrschaft von Heinrich Himmler standen ihm erhebliche Geldmittel zur Verfügung. So konnte er von der ägyptischen Regierung einen unbedeutenden Sarkophag erwerben.
Er musste dem Reichsführer der SS Ergebnisse präsentieren!
Daher war Hans Schleif stark erregt, als endlich dieser Sarkophag in Berlin eingetroffen war. Unverzüglich eilte er in den Keller und blieb vor einem mächtigen, steinernen Koloss stehen.
Die Wachmannschaft der SS schickte er aus dem Raum. Er blieb nur mit seinem engsten Mitarbeiter, Friedrich Wilhelm von Bissing, zurück.
Sie schritten neugierig um die Lieferung und betrachteten die seltsamen Zeichen und alten Symbole. Hans Schleif klopfte an den kastenähnlichen, länglichen Gegenstand. Es klang dumpf und hohl. Die äußere Hülle war von einer dicken Staubschicht bedeckt.
„Lass uns beginnen“, bestimmte Hans Schleif. Sein Mitarbeiter nickte zustimmend. Gemeinsam befreiten sie den Sarkophag von Schmutz und Dreck. Sie fanden eine Stelle, an der sie den Flaschenzug befestigen konnten. So wurde der oberste Deckel emporgehoben.
Der Blick war frei auf den inneren Sarg. Mit einer kleinen Bürste fegten sie die Aufschrift frei. In altägypthischen Hieroglyphen stand geschrieben:
Djehuti Ḏḥwty Neb-pechti-Re
„Er ist es!“, rief Hans Schleif erregt.
„Ja! Das muss Djehuti sein“, antwortete Bissing. „Die Überlieferungen sind wahr, er wurde in der Cachette von Deir el-Bahari beigesetzt.“
Hans Schleif zog einen Schraubenzieher und Hammer hervor und legte seine Staublampe auf einen Kistenstapel zu seiner Linken. Er machte sich an die Arbeit und versuchte von mehreren Seiten den schweren Deckel zu heben. Doch vergebens.
Als Bissing sich bückte, um den Flaschenzug an den Deckelkanten zu befestigen, stieß er plötzlich gegen den schräggestellten Sarkophag.
Er begann zu rutschen! Dann gab es einen Schlag, als wäre eine Bombe explodiert. Der unterirdische Kellerraum dröhnte. Ein Zittern lief durch den Boden. Eine gewaltige Staubwolke wurde aufgewirbelt. Die beiden Männer mussten husten.
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