An Größe gewinnend kam es auf mich zu, während mein Verstand sich im gleichen Maße vor dem unerträglichen Anblick zurückziehen wollte. Halt, das Gesicht … Es gehörte … gehörte gar nicht zu dem Spinnenwesen, sondern tatsächlich zu einem Menschen! Hinter der trennenden Glaswand, in der morgendlichen Düsternis, stand ein Mann und betrachtete mich. Nicht mein Outfit, nein, mich; er blickte mir in die Augen, mir, der Schaufensterpuppe, und – er lächelte. Nichts Unheimliches, Spinnenartiges war an seinem Gesicht, an den hellen Augen. Nichts Widernatürliches an seinen dunklen, akkurat gescheitelten Haaren. Dennoch, nichts anderes als diese Begegnung stürzte mich letzten Endes in eine Bewusstlosigkeit, die dem Tode nahe kam. Der Mann vor dem Fenster, das war ich.
***
Rötliches Schummerlicht. Gedämpfte Laute von ferne und nahebei ein stetes Dröhnen und Rauschen. Nie gespürte Geborgenheit, Wärme und Enge. Eingeschlossensein. Gefangenschaft. Ausbruchgedanken.
Nur Bruchstücke weiß ich vom Übergang. Meinem Wunsch nach Flucht entsprechend, wurde ich unter Stöhnen und Schreien, zuletzt meinem eigenen, in die Welt geworfen. Nur wenig meiner selbst bewusst, existierte ich vor mich hin; ein hilfloses Geschöpf, dessen vorrangige Beschäftigung seinen Stoffwechselprozessen galt sowie der lautstarken Forderung nach deren Befriedigung, glücklich im trügerischen Gefühl der Einheit mit dem Mutterwesen. Aber es gab noch jemand anderen, der sich um meine Versorgung kümmerte. Den Mann, den ich heute hasse wie nichts sonst auf der Welt.
Dem Säuglingsalter entwachsen, begann ich mich an die Zeit vor meiner Geburt zu erinnern. Mein Dasein als Puppe, aber auch meine Existenz davor, mein richtiges Leben, traten mir immer klarer vor Augen, und mir wurde bewusst, in welch grotesker Situation ich mich befand. Dass ich in der Wohnung aufwuchs, für die ich früher die Miete bezahlt hatte (abzüglich Ninas Anteil), war dabei noch das Geringste. Meine Bauklötze stapelnd – ich weigerte mich, mit Puppen zu spielen, so wie ich mich weigerte, Mädchenkleidung zu tragen –, lauschte ich dem, was der Mann, den ich in kindlicher Unschuld „Papa“ nannte, und die fremde Frau, von ihm „Susi“ gerufen, in der mein neuer Körper herangereift war, mehr als einmal ihren Freunden erzählten: von dem langen Koma, in dem er gelegen hatte. Dass sie ihn attraktiv gefunden und gebetet hatte, er möge aufwachen. Das Wunder, als er ganz unverhofft die blitzblauen Augen aufschlug und sein erstaunter Blick in ihrem grünen Augenpaar versank. In diesen Momenten fragte ich mich, was aus Nina geworden war. Hatte sie mich ebenfalls besucht und an meinem Bett gewacht, eine Zeitlang zumindest? Einst liebte ich sie, aber das Vergangene sollte ruhen. Mein emotionales Erleben beschränkte sich auf die Gegenwart. Auf Hass, kalt und rein wie eine schwarze Perle.
Wie sie über meine Eltern sprachen, die sich nach anfänglicher Freude über die wundersame Genesung bald schon als Nervensägen erwiesen hätten, weil sie darauf beharrten, ihr Sohn sei verändert, ja, sei gar nicht ihr Sohn, seit seinem Erwachen. Schließlich hatte man den Kontakt abbrechen müssen … Mein Hass lagerte weitere Schichten an. Lange vor meiner Einschulung konnte ich lesen, schreiben und rechnen. In den Augen meiner vermeintlichen Eltern avancierte ich zum Wunderkind, dabei ließ sich meine Begabung ganz simpel darauf zurückführen, dass Buchstaben und Zahlen ein alter Hut für mich waren. Anhand des Küchenkalenders erschloss ich mir die Dauer meines Schaufenster-Exils: Zwölf Jahre waren seit dem Tag vergangen, an dem mein Ich aus seinem Körper geschleudert und dieser von einem Wesen, nicht menschlicher als meine ehemalige Gefährtin Giselle, in Besitz genommen wurde. Sieben Jahre später beging es den Fehler, sich mir zu offenbaren, in jener Begegnung kurz vor Morgengrauen. Ob mein „Vater“ je etwas von meiner Rückkehr ahnte? Eher nein, denn Klugheit und Kombinationsgabe gehörten nicht zu seinen herausragenden Eigenschaften, auch hätte er sich mir gegenüber in dem Fall wohl anders verhalten. Er gab sich Mühe, je nach Gelegenheit intelligent und souverän oder charmant und mitfühlend zu wirken, aber nichts davon entsprach seinem Wesen. Er wirkte wie das Abziehbild eines Menschen, geformt aus Klischees und Werbebotschaften, eine Melange aus einer Vielzahl geschauspielerter Rollen aus den Daily Soaps, die meine Mutter fleißig konsumierte. Manchmal, wenn er sich unbeobachtet wähnte, froren seine Gesichtszüge ein, und seine seelenlos starrenden Augen verwandelten sich in blinde Spiegel, in denen eine kalte Grausamkeit lag, die ich nicht ertrug und die mich zwang, den Blick abzuwenden. Vielleicht war er die fleischgewordene Essenz einer Schaufensterpuppe, vielleicht die einer Spinnenfliege – oder etwas vollkommen anderes. Eins aber stand fest: Ich konnte nicht zulassen, dass diese Kreatur weiterhin meinen alten Körper missbrauchte, dem ich mich irgendwie noch immer verpflichtet fühlte. Ich musste nur warten, bis ich die physischen Voraussetzungen besaß, den in mir reifenden Vorsatz umzusetzen.
***
Wir sind allein in der Wohnung. Er lungert mit Kopfhörern am Schreibtisch und spielt ein Online-Game, darauf vertrauend, dass ich brav über meinen Hausaufgaben sitze. Ich nehme das Messer aus der Küchenschublade, das schon früher zu diesem Haushalt gehörte. Dreißig Zentimeter Solinger Qualitätsware, ein Geschenk meines richtigen Vaters an Nina. Es ist eine Genugtuung, zu wissen, dass es von ihm stammt. Ich verberge es hinter mir, als ich ins Zimmer trete. Ich habe genau recherchiert, wo und wie ich zustechen muss.
Er beugt sich zum Bildschirm, während sein – mein! – Zeigefinger hektisch die Maustaste betätigt. Ich hebe die Arme, lasse sie kraftvoll hinunterschnellen, so wie ich es unzählige Male an alten Matratzen und Reifen erprobte, die ich im Schrott auf dem Hinterhof fand.
Der Oberkörper des Toten hängt über der Tastatur, der Kopf mit dem dunklen, fast schwarzen Haar lehnt gegen den gekippten Monitor. Mein Hass ist erloschen. Ich fühle Bedauern, diesen Körper zerstört zu haben, mit dem ich über viele Jahre hinweg eine Einheit bildete. Gibt es einen Unterschied zwischen meinem alten Ich und dem neuen oder ist wirklich nur die hüllende Physis eine andere? Nachdenklich beobachte ich, wie das Blut auf dem Schreibtisch trocknet. Wie viele nach außen ganz gewöhnliche Menschen geben vor, denkende, empfindsame Wesen zu sein, und sind doch nichts als leere Hüllen? Puppenseelen … Sanft lege ich meine kleine, blutverschmierte Hand auf ihr größeres Gegenstück und lehne meine Wange an den Rücken des Mannes, der ich einst war.
Klackern von Absätzen im Treppenhaus, ein Schlüssel klirrt im Schloss. Kurz darauf ertönt der Aufschrei meiner Mutter. Ein zweiter Schrei wird erstickt. Ohne mich umzudrehen, sehe ich, wie sie die Hände vor den Mund schlägt. Diesen kleinen Mund mit den zu vollen Lippen, Puppenlippen, bezüglich derer ich den Verdacht hege, sie seien aufgespritzt. Auf einmal weiß ich, wer sie ist. Sie hat mächtig abgespeckt und sich die Haare lang wachsen lassen. Susanne aus der Berufsschule, die mich damals anhimmelte, sehr zur Belustigung meiner Kumpels. Ich habe sie ausgelacht, obwohl sie mir irgendwie auch leidtat. Das muss sie gespürt haben, denn auch nach meinem Abschluss erhielt ich noch eine Zeit lang Nachrichten von ihr. Also hatte sie am Ende doch noch bekommen, was sie wollte … Es klingt, als stolpere sie gegen den Türrahmen, gleich darauf höre ich ihre sich überschlagende Stimme, als sie die Notrufzentrale alarmiert.
Es dauert nicht lange, bis erneut Schritte die Treppe heraufpoltern, diesmal von mehreren Personen. Ob ich ihnen je sagen werde, warum ich tat, was ich tat? Ich werde ausreichend Gelegenheit haben, darüber nachzusinnen. Der Gedanke an eine lange Zeit der Abgeschiedenheit schreckt mich nicht. Ich werde warten. Ich werde wachsen, und mir währenddessen die Menschen dort draußen sehr genau ansehen. Ich werde bereit sein.
Читать дальше