„Ich kannte das Mädchen. Alicja.“ Judy seufzte bleischwer.
„Echt jetzt? Wie ist denn das möglich? Was für ein irrer Zufall!“
„Kein Zufall“, gab sie kleinlaut zu.
„Alicja ging auf meine Schule. Und nachdem, was sie in ihrem Brief schreibt, haben wohl meine Freunde und ich dazu beigetragen, dass sie sich …“
„Jetzt sag mir bitte nicht, dass du diese Chantal bist?“, fuhr ich sie an. Judy nickte und brach in Tränen aus.
„Das kann doch nicht wahr sein! Dann wurde das extra für dich hier inszeniert? Von jemandem, der wusste, dass wir kommen?“ Ich sprang auf und lief wie ein gestresstes Zootier hin und her.
„Der geheime Tippgeber für die Location“, schluchzte Judy auf, „muss das alles von langer Hand geplant haben. Um mich zu bestrafen.“
„Und was hab’ ich bitte mit deiner Bestrafung zu tun?“ Mein Tonfall entglitt mir; ich hörte, wie er sich ätzend einfärbte, ich laut wurde und es mir einzig darum ging, sie rund zu machen. „Was kann ich denn dafür, dass du diese Alicja bis zum Selbstmord gemobbt hast? Darf ich wenigstens wissen, was du ihr angetan hast, Chantal?“ Ich ließ mir Judys richtigen Namen mit aller Bösartigkeit auf der Zunge zergehen.
„Hör schon auf!“, schrie sie mit funkelnden Augen, „wer bringt sich denn um, nur weil ihm unreife Jugendliche ein paar Sprüche reindrücken? Sowas passiert doch jedem mal. Ich bin doch nicht schuld an ... Das ist Bullshit!“
„Offenbar ist da jemand anderer Meinung. Und dem sind wir gründlich in die Falle gegangen. Aber vielleicht will diese Person dir bloß einen Denkzettel verpassen und lässt uns am Ende laufen.“ Ich bezwang den Hass in meiner Stimme und setzte mich wieder zu ihr. „Hör zu, das ist echt wichtig für mich. Ich brauche alle Informationen. Dann überlegen wir uns was. Das schuldest du mir. Wer war Alicja und was ist damals passiert?“
Judy schniefte ein paarmal in ein zerknülltes Taschentuch, bevor sie mit zitternder Stimme zu beichten begann. Ich spürte, dass sie keine Energie mehr zum Schreien oder für Ausflüchte hatte.
„Alicja war ein Mädchen aus ‚den Ostblocks‘. So nannten wir die Gegend, in der hauptsächlich Spätaussiedler wohnten. Ihre Familie kam jedenfalls aus Polen, vielleicht auch nur die Mutter. Ich weiß es nicht genau. Mit Nachnamen hieß sie ‚Schatten‘. Alicja Schatten. Aber das weißt du ja bereits. Sie war eigentlich ziemlich durchschnittlich, aber wir fanden sie damals doof, hässlich und ein bisschen eklig. Sie hatte einen sagenhaft schlechten Klamottengeschmack und war eine echte Spaßbremse.“
„Und das war alles?“ Judy druckste herum.
„Na ja“, sagte sie schließlich, „Alicja litt an ziemlich starker Körperbehaarung und hatte einen deutlich zu sehenden Damenbart.“
„Und damit rückst du jetzt erst raus? Wir sind hier in der Kapelle einer Heiligen mit Vollbart, falls du dich erinnerst!“ Empörung durchbebte meine Stimme.
„Denkst du, das wäre mir nicht aufgefallen?“
„Also, raus damit, womit habt ihr das Mädchen gequält?“, forschte ich, „was habt ihr getan?“
„Manche nannten sie Ali Baba und die 40 Bartstoppeln“, antwortete sie. Ich hörte ihr an, dass sie sich schämte. „Dabei war es doch so offensichtlich. Fast ein Wunder, dass es vor mir keinem anderen auffiel. Ich war jedenfalls schuld, dass sie den Namen ‚Alicja Bartschatten‘ weghatte und ihn nicht wieder los wurde. Dass sie sich irgendwann die Oberlippe rasierte, machte es blöderweise kein Stück besser.“
„Fiese Aktion, Honeybunny“, sagte ich.
„Ich weiß. Es hat sich einfach verselbständigt. Trotzdem. Das war scheiße. Ich war echt ne Bitch.“ Ich nickte. Wo sie recht hatte, hatte sie recht. „Wenn wir hier heil rauskommen, dann erzählst du doch keinem davon, versprichst du mir das, Red?“
„Ich werde schweigen wie ein Grab“, sagte ich. Es klang aufrichtig, war es aber nicht. Selbst schuld. Man sollte nicht allzu viel auf das Ehrenwort eines Fuchses geben. Vor allem nicht, wenn man ein Kaninchen ist.
Sibben
Im Gegensatz zu Judy roch ich das einströmende Gas und hielt den Atem an. Sobald sie bewusstlos zusammensackte, griff ich in meinem Rucksack nach der Atemmaske und zog sie an. Ab da hatte ich zwanzig Minuten. Zwei Dinge hatten hier zusammenkommen müssen, damit die Operation gelang: Judys freiwillig herbeigeführte Anosmie und der Umstand, dass eine Gasmaske im Rucksack eines Urbexers keinerlei Misstrauen erweckte. Dieser Moment hatte von Anfang an die heikelste Stelle im Plan dargestellt. Doch es lief alles glatt. Als ich das vereinbarte Klopfzeichen gab, öffnete sich die Tür und ich schlüpfte hindurch. Im Freien überwältigten mich Morgensonne und frische Luft. Ihnen gab ich die Schuld für die Tränen auf meinen Wangen, nach denen Janusz mich befragte.
„Hast du ihr Handy?“ Ich reichte es ihm. Wir hockten nebeneinander auf den Stufen zur Kapelle. Er setzte nacheinander Judys, sein und mein Gerät auf Werkseinstellungen zurück. Später würden wir sie in einem Weiher entsorgen. Plopp, plopp, plopp.
„Sie wird traurig sein, dass alle ihre Balletthäschen-Fotos weg sind“, versuchte ich zu scherzen, doch Janusz sah mich nur streng an. „O.k. o.k.“, machte ich und kuschelte mich an seine Seite, „ich weiß Bescheid: Dieser Lost-Place-Einsatz hat niemals stattgefunden.“ Er nickte, doch ich hatte nicht den Eindruck, dass er richtig zugehört hatte.
„Wie hat sie reagiert?“, fragte er dann mit belegter Stimme. Ich hatte geschworen, ihn über nichts zu belügen, was in der Krypta vorgefallen war.
„Sie hatte kein besonders schlechtes Gewissen. Sie sah es eher als eine Art Kollateralschaden der Teenager-Hölle.“ Ich reichte ihm das Bild von Alicja und ihren Abschiedsbrief. „Doch ab jetzt wird sie deine Schwester garantiert ihr Lebtag lang nicht mehr vergessen.“ Ich stand auf und reichte ihm die Hand. „Lass uns gehen.“ Janusz zögerte.
„Sollen wir nicht lieber warten, bis sie sich befreit hat?“
„Ach was“, lachte ich, „sie will doch die Werbefigur eines Escape-Rooms werden. Das kleine Zahlenrätsel wird sie schon lösen können.“
„In Ordnung.“
Er ließ sich von mir hochziehen. Wir liefen den zugewucherten Pfad von der Kapelle zurück zum Schloss, kletterten über den Zaun, wie wir es bei unserer Ankunft getan hatten, und betraten den Wald. Ich stellte mir vor, wie Judy zu sich kam und merkte, dass sie da unten mit den Toten der Gruft allein war, weil ich sie verlassen hatte. Sobald sie eine Kerze entzündete, fände sie den batteriebetriebenen Kassettenrekorder und wenn sie die Starttaste drückte, würde der Raum von geisterhaft scheppernder Musik erfüllt. Die Melodie einer Spieluhr, vor langem aufgenommen und von einem Zahlensender des Polnischen Geheimdienstes jahrzehntelang als Erkennungsmelodie genutzt. Achtung! 3333 Achtung! Dann das gespenstische Einsetzen der weiblichen Automatenstimme, die Zahlen in Vierergruppen vorträgt. Die eigentümliche Art die Zahlen auszusprechen – ainz, zwoh, drai, vierch, fünnef, sächz, sibben, accht, neuen, nuhl – umhüllt vom atmosphärischen Rauschen der Kurzwelle hatte mir kalte Schauder über den Rücken gejagt, als Janusz mir die Kassette vorgespielt hatte. Mit etwas Geduld und Konzentration würde Judy das darin verborgene Rätsel in wenigen Stunden gelöst haben.
„Selbst wenn sie länger braucht, sie hat Wasser, Licht und Batterien. Den Safe zu finden ist auch kein Kunststück. Code eingeben, Schlüssel rausnehmen, fertig. Judy kriegt das hin. Chantal.“ Wieder nickte Janusz gedankenverloren.
„Wusstest du, dass ‚Lis‘ das polnische Wort für Fuchs ist?“, fragte er und lächelte versonnen. Wir gingen immer so lange Hand in Hand, wie die Beschaffenheit des Wegs es zuließ.
„Ehrlich wahr?“ Ich blieb stehen.
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