1 ...7 8 9 11 12 13 ...22 Der erste Tag wurde zu einer wüsten Verprügelung. Lauros überlegene Körperkraft nützte ihn wenig. Ein ums andere mal unterlief sein weit erfahrener Partner seine Deckung, durch-brach seine Paraden und zog ihm eins über. Nicht die blauen Flecken, mit denen er anschließend gesprenkelt war, erbosten Lauro so sehr. Eine fast grenzenlose Wut über das dauernde höhnische Grinsen des Schlägers ließ ihn fast seine Fassung verlieren. Einmal war er kurz davor, seinem Eigentümer mit einem brutalen Faustschlag niederzustrecken. Nur die eiserne Selbstbeherrschung, die er sich auferlegt hatte, bewahrte ihn vor einer intimen Bekanntschaft mit der Siebenschwänzigen.
Und vor allem die sichere Gewissheit, dass der Schläger eines baldigen Tages der Geschlagene sein werde.
Dafür trainierte er, härter und immer erfahrener werdend. Er ließ sich verprügeln und lernte allmählich, jeden Schlag zu parieren. Sorgsam hütete er sich, seinen Herrn richtig zu treffen. Das höchste, was er sich gelegentlich einmal erlaubte, war ein Streifschlag ohne Verletzungsfolge. Das musste stets als tölpelhafter Ausrutscher erscheinen, um folgenlos zu bleiben. Selbst das unterließ er, als sie ein Jahr später mit stumpfen Säbeln weitergebildet wurden. Er hielt mit seiner Überlegenheit zurück und vermied es, wie ein Sieger zu erscheinen. Er hätte nun jeden Zweikampf gewinnen, seinen Eigentümer niederschlagen und beschämen können. Klug war so etwas nicht, und daher täuschte er lieber ab und zu, neben vielen Patts und Remis, auch eine Niederlage vor. Selbst dann, wenn ihm das einen weiteren blauen Fleck am Körper eintrug.
Der alte Fechtmeister machte sich so seine Gedanken dazu – aber er äußerte sie nie. Er griff auch nicht ein, wenn Lauro seine Prügel bezog. Aber ihm war bewusst, dass er so nebenher einen Meister ausbildete. Nicht nur in der Handhabung des Säbels. Vor allem in der Ausformung von Selbstbeherrschung und Charakterstärke. Das, so fand er befriedigt bei sich selbst, war noch wichtiger für den Sieger als die bloße Beherrschung der Fechtkunst.
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6. Kapitel: Es tagt der Diwan
Husayn al-Choraisch, der Emir von Saragossa, nahezu uneingeschränkter Herrscher im Wilayat, hatte zur Ratssitzung befohlen. Nicht dass er eines Rates bedurft hätte. Dieser Gedanke wäre im nie gekommen. Die Wahrnehmung der einfachen Geschäfte der laufenden Verwaltung hatte er längst dem Hadjib, seinem Kanzler, alleinverantwortlich übertragen. Aber zu besonderen Anlässen befahl er immer seine Wesire zur Ratssitzung in seinen Palast. Mehr eine Informations-veranstaltung, damit sein Diwan gemeinsam über außergewöhnliche Vorkommnisse, und seine Entscheidungen dazu in Kenntnis gesetzt wurde. Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass dies am einfachsten Reibungen und Missverständnisse zwischen den verschiedenen Verwaltungszweigen verhinderte.
Der Herrscher zu Saragossa hatte nicht als Erbe eines Emirs das Licht der Welt erblickt. Sein Vater war ein gewöhnlicher Krieger. Zwar aus dem Stamm des Propheten, aber nicht von Herrscher Adel. Dazu zählten nur die leiblichen Verwandten Mohammeds. Von einem Leben in Mekka hatte er nicht viel zu erwarten. Der Islam und das Abenteuer lockten ihn aus Allahs Stadt ins Zweistrom Land Mesopotamien, das man heute Irak nennt. Im Militär des Kalifen hatte er sich nach oben gedient. Vor allem, weil er sich in den endlosen Kämpfen mit den Romäern in Byzanz nicht erschlagen ließ, wie so viele seiner Glaubensbrüder. So blieb er allmählich übrig. Als das fruchtbare Land am Euphrat und Tigris endgültig erobert war, und dessen christliche Bewohner, jene Fellachen, die überlebt hatten, allesamt versklavt waren, brauchte der Kalif tatkräftige Provinz Gouverneure, die für ihn Byzanz auf Distanz halten konnten. Emin al-Choraisch übergab er die Verwaltung und Verteidigung der Provinz ostwärts des Tigris. Der Knabe, den er dann Husayn nannte, wurde ihm als 17. Sohn geboren. Die Töchter zählte er nicht. Was kann man mit einem 17. Sohn in der Erbfolge anfangen? Sein Vater gab ihn in seinem siebten Sommer in die Hofschule des Kalifen. Bürokratie sollte er studieren, und sich später in der Verwaltung des Kalifen ein Plätzchen sichern.
Für den Sohn eines bewährten Kriegers aus dem Stamm des Propheten eine ziemlich dumme Entscheidung. Der musste zwar gehorchen und brav lernen, was ihm an Wissenschaften angedient wurde. Seine Bewährung fand er in der parallelen Ausbildung zum streitbaren Reiter und Kämpfer, die ja ebenso zum Werdegang eines höheren Verwaltungsbeamten gehörte. Wo immer der seine Bürokratie am Zügel führte, war immer auch ein Feldzug oder eine Razzia im Gang. Krieg gegen die Ungläubigen war ein Dauerzustand. Frieden nannte man am Hof des Kalifen zu Bagdad die wenigen Tage zwischen zwei Feldzügen. Und wer eine Provinz verwaltete, musste auch als Feldherr bestehen können.
Zunächst aber kam der Knirps aus Kirkuk, der fernen Provinz, in die Weltmetropole des Kalifen al-Walid II. Fassungslos bestaunte er die Prachtbauten der Residenz, nun seine neue Heimat und zugleich seine Schule Aus seiner vertrauten Umgebung, dem Harim seiner Mutter entrissen, fühlte er sich einsam und verlassen. Er fand rasch Trost in zwei Freunden, alle drei vom selben Jahrgang, die sich ihm dicht anschlossen.
Habib al-Saqlabi war gleich ihm als nachgeborener Sohn eines Kaids der Provinz Euphrat in die Hofschule entsorgt worden. In seinem Fall von seinen großen Brüdern. Ihn hatte es schlimmer erwischt. Er war ein Waisenjunge. Erst war seine Mutter gestorben. Er hatte in großer Liebe an ihr gehangen und betrauerte den schmerzlichen Verlust zutiefst. Wenig später verwechselte sein Vater des Nachts im Dunkel die helle Bahn der Straße mit der des Flusses. Voll des süßen Weins war er zusammen mit seinem besten Pferd, das sich beim Sturz die Vorderbeine gebrochen hatte, im Euphrat ertrunken. Das beweinte er noch mehr. Diesmal war er untröstlich. Er hatte so an dem Pferd gehangen! Der Dritte im Bunde war der Sohn vom Hadjib des Kalifen. Zwar auch unter „ferner liefen“ einzuordnen, aber immerhin ein Sohn des Kanzlers, also des zweitmächtigsten Mannes im Kalifat.
Im Schatten von Hisham ibn Battuta ließ es sich gemütlicher Leben. Die drei wurden untrennbar. Nur dass Hisham für Kriegsspiele nicht viel übrig hatte. Ausbildung und Waffengang blieben ihm nicht erspart. Seine Liebe galt der Verwaltung. In seinen Adern floss Tinte. Seine Abschluss Diplomarbeit an der Wirtschafts- und Verwaltungsakademie des Kalifen wurde mit „summa cum laude“ bewertet – obwohl er jedes Wort selbst geschrieben, und jeden niedergelegten Gedanken selbst entwickelt hatte.
Die beiden andern glänzten eher durch reiterliches Können, durch Fechten und im Kampfsport. Während Hisham sich in die Bürokratie einarbeitete, wechselten sie in den Dauerkrieg mit den Romäern. Den gewannen sie ebenso wenig wie andere in den kommenden 700 Jahren. Doch sie erlangten Ansehen, gewannen Routine und Erfahrung. Bald führte jeder von ihnen als Kais eine Hundertschaft in die Kämpfe. Zwischendurch in „Friedenszeiten“ trieb das Trio in Bagdad das, was junge Männer so tun. Sie zogen nächtelang durch die Altstadtkneipen, stellten dem Wein und den Schankmädchen nach und waren für jeden Unfug zu haben. Die Wende kam unversehens über sie.
732 n.Chr. hatte Karl Martell die Mauren bei Tours und Poitiers zurückgeschlagen. Der Islam hatte das kaum zur Kenntnis genommen. Als Karl aber 737 n.Chr. die Provence endgültig säuberte und den Islam nach Al-Andalus zurück jagte, bekam es in Cordoba der Gouverneur des Kalifen mit der Angst zu tun. Die Franken hatten ein weiteres Mal bewiesen, dass sie die größte und unschlagbare Militärmacht der Zeit waren. Zwischen ihnen und Cordoba gab es nur einen dünne Oberschicht des Islam und jede Menge unzuverlässige Goten Grafschaften. Was, wenn Karl nun nach Spanien vordringt? Das tat der nicht, aber er hätte es gekonnt. Abd al-Lahmi sandte einen Hilferuf an seinen Oberherren nach Bagdad. Einige tausend Berittene von der syrischen Kavallerie des Kalifen erbat er sich.
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