„So ein Mist!“, flucht Matthäus. „Karl, gib doch mal dein Handy her!“, fordert er seinen Kollegen auf.
„Ich hab doch keins“, entgegnet dieser. Matthäus blickt Karl völlig verblüfft an. Das war ihm nicht bekannt.
„Also Karl, ich finde das unmöglich. Wie kannst du nur kein Handy besitzen? Da bist du doch aufgeschmissen. Stell dir vor, du bist in Not und kannst niemanden erreichen. Wie zum Beispiel jetzt: Jetzt bist du es schuld, dass wir keinen Kontakt zu Cordula aufnehmen können“, schimpft er. Karl hätte gerne erwähnt, dass Matthäus ja auch einfach sein eigenes Handy rechtzeitig hätte aufladen können. Dann würde sich dieses Problem jetzt gar nicht stellen. Aber er schweigt sicherheitshalber, weil er befürchtet, im Zweifelsfall seinem Kollegen argumentativ unterlegen zu sein. Im Übrigen scheint ja auch die Steckdose in Matthäus' Zimmer defekt zu sein. Also zuckt Karl stattdessen nur mit den Schultern.
„Was sollen wir denn jetzt machen, Karl?“, fragt Matthäus seinen Kollegen. Dieser meint, sie beide sollten einfach weiter bis nach Roskilde fahren, Cordula käme schon mit dem nächsten Bus nach. Matthäus jedoch ist davon nicht überzeugt. Er hat eine andere Idee:
„Wir steigen an der nächsten Haltestelle aus, suchen uns eine Telefonzelle und rufen von dort Cordula an“, sagt er bestimmt. Karl ist von diesem Vorschlag wenig erbaut. Immerhin sitzt er gerade so gemütlich. Doch er möchte Matthäus jetzt nicht widersprechen. Dieser ist schließlich schon gereizt genug.
Glücklicherweise ist es nicht sehr weit bis zur nächsten Haltestelle. Als der Bus anhält, stürmen Matthäus und Karl sogleich nach draußen. Schade ist es nur um das Fahrgeld, das die drei Kollegen nun vergeblich für ihre Tickets ausgegeben haben. Während Karl unbekümmert weiter sein Brötchen verspeist, blickt sich Matthäus suchend in der Umgebung um. Tatsächlich entdeckt er gar nicht weit entfernt eine Telefonzelle. Zielstrebig steuert er auf diese zu. Nur leider gibt es dort ein großes Problem: Direkt neben der Telefonzelle steht Aidin und spielt wieder einmal Dudelsack, was er ja bekanntlich besonders gerne an Telefonzellen tut. Matthäus bittet Karl um ein paar Münzen und wählt Cordulas Handynummer.
Cordula steht unterdessen wieder an der Bushaltestelle in der Nähe des Hostels. Den Fotoapparat hatte sie in ihrem Zimmer schnell gefunden. Nachdem sie eilig zurück zur Haltestelle gelaufen war, musste sie mit großem Missfallen feststellen, dass der Bus mit Matthäus und Karl bereits abgefahren ist. Verständnislos und vorwurfsvoll wegen der Unzuverlässigkeit ihrer Kollegen schüttelte sie den Kopf und studierte anschließend den Fahrplan. Zu ihrem Glück fahren die Busse nach Roskilde sehr regelmäßig, sodass sie beschloss, einfach den nächsten Bus zu nehmen und so ihren beiden Kollegen hinterherzufahren.
Als plötzlich ihr Mobiltelefon klingelt, ist Matthäus in der Leitung. Dieser will Cordula mitteilen, sie solle den nächsten Bus nach Roskilde nehmen und er und Karl würden einige Haltestellen später hinzusteigen. Nur kann Cordula ihren Kollegen aufgrund von Aidins lauter Dudelsackmusik im Hintergrund nicht recht verstehen. Und aus genau dem gleichen Grund versteht auch Matthäus Cordula nicht, als diese ihm mitteilen möchte, dass sie den nächsten Bus nehmen werde und er und Karl einige Haltestellen später hinzusteigen sollten.
„Da kommt schon der Bus! Bis gleich!“, brüllt Cordula in ihr Mobiltelefon, aber Matthäus hat wieder kein Wort verstanden. Enttäuscht und sauer legt er auf. Sogleich beschwert er sich aufgebracht bei Aidin und fordert ihn auf, mit dem Dudelsackspielen aufzuhören, damit er, Matthäus, es noch ein weiteres Mal bei Cordula versuchen könne. Doch auf diesem Ohr ist Aidin taub. Ungerührt spielt er weiter. Er hört erst auf, wenn er will – und nicht etwa, weil ihn ein anderer darum bittet. Außerdem können sich doch alle Leute freuen, so vorzüglich von ihm unterhalten zu werden.
Da sich die Kollegen nicht anders zu helfen wissen, beschließt Matthäus, zu Fuß zurück zum Hostel zu gehen. Er meint, Cordula würde dort gewiss auf sie beide warten. Wegen des bevorstehenden Fußmarsches ist Karl auch von dieser Idee wenig erbaut. Abermals traut er sich jedoch nicht, seinem Kollegen zu widersprechen. Immerhin ist sich Matthäus sehr sicher, den richtigen Weg zu finden. Schließlich hat er bereits vor der Reise viele Stunden damit zugebracht, Stadtpläne von Kopenhagen zu studieren. Leise fluchend macht er sich auf den Weg. Karl folgt ihm und verhält sich schön leise, um seinen Kollegen nicht noch mehr aufzuregen.
„Der ganze Tag ist im Eimer!“, schimpft Matthäus. „Und dabei ist heute der zweite Weihnachtstag. Da sitzt man sonst gemütlich zu Hause oder besucht einen Weihnachtsmarkt, geht nachmittags in die Kirche und bekommt abends Geschenke. Und jetzt das hier!“
Matthäus ist wirklich restlos bedient. Dabei haben er und Karl noch Glück. Immerhin ist es um diese Jahreszeit normalerweise hier in Kopenhagen lausig kalt und nicht selten schneit es. Aber heute ist sehr schönes Wetter: Die Sonne scheint und es ist verhältnismäßig warm. So gehen Matthäus und Karl schweigend weiter durch ein hässliches Vorstadtviertel von Kopenhagen.
Da sehen sie, dass ihnen in einiger Entfernung ein Bus entgegenkommt. Wie Matthäus an der Aufschrift erkennt, ist dies der nächste Bus, der von Kopenhagen nach Roskilde fährt. Wehmütig blicken Matthäus und Karl auf den Bus. Plötzlich erschreckt sie ein helles Blitzlicht, das durch eine Fensterscheibe des Busses nach draußen strahlt. Hinter dem Fenster sitzt, Cordula, die – wie bereits am Telefon für Matthäus unhörbar angekündigt – in diesen Bus eingestiegen ist, um mit ihm nach Roskilde zu fahren. Der Blitz kam von ihrem Fotoapparat, mit dem sie Matthäus und Karl während der Fahrt fotografiert hat. Die beiden blicken ziemlich blöd aus der Wäsche. Cordula winkt heftig mit beiden Armen und ruft etwas. Aber Matthäus und Karl können sie durch die geschlossenen Fenster nicht verstehen. Matthäus läuft hinter dem Bus her und brüllt: „Fahr bis nach Roskilde durch! Wir kommen nach!“, aber auch das hat Cordula natürlich nicht verstehen können. Dann verschwindet der Bus in der Ferne.
„So ein Mist aber auch!“, schimpft Matthäus. Er steht immer noch auf der Straße und flucht vor sich hin. „Was sollen wir denn jetzt machen, Karl?“, fragt er seinen Kollegen. Dieser weiß es auch nicht.
„Ich weiß es auch nicht“, bekundet Karl deshalb. Eine weitere Telefonzelle, von der aus die beiden Cordula nochmals anrufen könnten, ist weit und breit nicht entdecken.
Während die beiden Kollegen noch überlegen, kommt aus der gleichen Richtung, aus der eben der Bus kam, ein Fahrzeug auf sie zu. Matthäus hat eine Idee: Er bleibt demonstrativ auf der Straße stehen und winkt den Fahrer energisch zu sich heran. Er möchte nach Roskilde trampen. Schnell blättert er in seinem Wörterbuch, um die dänische Übersetzung für ‚wollen nach Roskilde‘ herauszufinden. Tatsächlich bleibt das Fahrzeug wenige Meter vor ihm stehen und der Fahrer kurbelt per Hand das Fenster herunter. In Matthäus' Augen spiegelt sich blankes Entsetzen, denn bei dem Wagen handelt es sich bei näherer Betrachtung um einen ziemlich heruntergekommenen, verschlissenen und verrosteten Kleintransporter. Da Matthäus aber keine bessere Idee hat, wie er und Karl nach Roskilde gelangen sollen, tritt er trotzdem an das offene Fenster und sagt zum Fahrer: „ønske til Roskilde.“
Dabei zeigt er auf den einige Meter entfernt zurückhaltend stehenden Karl und dann auf sich selbst. Der Fahrer nickt freundlich und deutet auf die zwei Plätze neben ihm.
„Wir dürfen mitfahren!“, ruft Matthäus freudig zu Karl und fordert ihn auf herbeizukommen. Die beiden steigen ein.
Der Fahrer dreht sich zu den Kollegen, sagt: „Jørgen“, und zeigt dabei auf sich. Matthäus versteht sofort und stellt sich in gleicher Weise als Matthäus und Karl als Karl vor. Dann geht es schon los.
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