Tatsächlich ist Karl voll und ganz von Matthäus' Ausführungen überzeugt – nicht jedoch Cordula. Cordula möchte nämlich auf jeden Fall heute das Wikingermuseum in Roskilde besuchen und auch sie hat noch einen aussichtsreichen Einfall: Sie nimmt ihren eigenen Zimmerschlüssel zur Hand, steckt ihn bei Matthäus' Zimmertür ins Schloss und dreht ihn probehalber. Prompt öffnet sich die Tür. Cordula freut sich.
„Siehst du? So einfach geht das. Jetzt können wir doch noch wie geplant ins Wikingermuseum fahren. Beeil dich bitte ein bisschen“, sagt sie hocherfreut und erleichtert und will nun zu ihrem eigenen Zimmer gehen.
Matthäus hat zunächst nur ungläubig zugesehen, doch dann wettert er los: „Also, das darf doch nicht wahr sein! Das ist eine absolute Unverschämtheit! Es ist der Gipfel, der Gipfel der Dreistigkeit!“ Entrüstet schüttelt Matthäus den Kopf. „Also, das geht wirklich zu weit. Dass meine Zimmertür mit anderen Schlüsseln zu öffnen ist als mit meinem eigenen, ist nicht hinnehmbar. Ich werde mich sofort an der Rezeption beschweren! Jawohl, das werde ich!“, fügt er ungehalten hinzu und stürmt sogleich los. Aber Karl hält ihn zurück.
„Die Rezeption ist doch gerade nicht besetzt“, belehrt er seinen Kollegen, der abrupt stehen bleibt. Dann marschiert Matthäus wieder zu seiner Tür zurück, zieht Cordulas Schlüssel aus dem Schlüsselloch, geht herüber zum Nachbarzimmer mit der Nummer 4, steckt den Schlüssel ins Schloss, dreht ihn herum und sofort springt die Tür auf. Aus dem Zimmer dringt ein leicht modrig fauliger Gestank. Schnell schließt Matthäus die Tür wieder und geht zur nächsten Zimmertür. Und so probiert er an insgesamt sieben Türen den Schlüssel von Cordula aus und tatsächlich lässt sich damit jede Tür problemlos öffnen. Matthäus kann es nicht fassen.
„Ich möchte sofort ein neues Schloss für meine Zimmertür“, bekundet er aufgebracht. „So kann ich hier nicht weg. Wenn wir wiederkommen, ist bestimmt mein ganzes Zimmer ausgeräumt“, schimpft er weiter. Cordula, die zwar auch nicht glücklich über den Umstand ist, dass alle Türen mit dem gleichen Schlüssel zu öffnen sind, versucht Matthäus zu beruhigen.
„Reg dich doch nicht so auf. Außer uns weiß das doch gar keiner und es wird bestimmt auch niemand ausprobieren. Und damit du dich ganz sicher fühlen kannst, habe ich noch eine Idee: Ich habe in meinem Koffer ein kleines Kofferradio. Das kannst du in dein Zimmer stellen, ganz laut aufdrehen und dann glauben alle, du seist in deinem Zimmer, und niemand wird sich trauen reinzugehen. Gut, oder?“, schlägt Cordula vor und Matthäus lässt sich hiervon schließlich überzeugen.
So gehen die drei erst einmal in ihre Zimmer. Sie vereinbaren, sich in zehn Minuten an der Eingangstür des Hostels zu treffen, um sich anschließend gemeinsam zur Bushaltestelle zu begeben. In seinem Zimmer zieht sich Karl seine warme Winterjacke an und holt seinen großen Rucksack unter dem Bett hervor. Damit ist er bereits fertig. Er tritt raus auf den Flur, schließt seine Zimmertür sicherheitshalber doppelt ab und macht sich auf den Weg nach draußen. Doch als Karl dort ankommt, erleidet er einen schweren Schock: Er hat ja gar nichts zu essen eingepackt. Karl wirft einen Blick in seinen Rucksack und stellt zu seinem großen Missfallen fest, dass dieser bis auf eine verbrauchte Kekstüte, eine leere Brotdose, eine Bananenschale und eine Kugel aus zusammengeknüllter Alufolie inhaltslos ist. Und dabei werden er, Cordula und Matthäus doch bis spät nachmittags unterwegs sein. Wer weiß, ob man in Roskilde am Wikingermuseum irgendetwas zu essen kaufen kann?
Vielleicht wird ja im Museum irgendein altes, traditionelles Wikingermenu angeboten. Karl amüsiert sich zunächst über den abstrusen Gedanken, doch dann zuckt er zusammen. Was hatte Matthäus ihm noch gleich vor einigen Tagen aus einem schlauen Sachbuch vorgelesen? Im Winter ernährten sich die Wikinger von in Molke gepökeltem Hammelfleisch mit in Salzwasser verkochtem Haferbrei und frisch gefangenen Algen aus dem Fjord und tranken dazu Met aus vergorenem Honig. Bei der Vorstellung wird Karl schlagartig übel.
‚Ich muss schleunigst etwas unternehmen, bevor es zu spät ist‘, denkt er sich, kehrt um und stürmt zurück ins Hostel. Dabei läuft er an Matthäus vorbei, der gerade auf dem Weg nach draußen ist. Dieser übrigens hat, nachdem er sein Zimmer verlassen hatte und schon fast um die Ecke zum Eingangsraum gegangen war, noch mit großer Genugtuung festgestellt, dass sein Zimmernachbar, der die Nacht über so laut geschnarcht hatte, dass Matthäus kaum schlafen konnte, aus seinem Zimmer gestürmt ist und energisch vor Matthäus' Tür gebummert hat, um sich über den Krach von Cordulas Radio zu beschweren. Die nervtötende Radiomusik wird er wohl oder übel noch eine Weile ertragen müssen. Als Karl an ihm vorbeiläuft, rennt Matthäus spontan hinterher, bleibt aber nach wenigen Metern wieder stehen, um seine frisch gestylte Frisur nicht zu zerstören, und geht kopfschüttelnd weiter zum Ausgang, wo wenig später auch Cordula eintrifft.
Karl hingegen eilt nach oben in den Frühstücksraum. Er möchte sich schnell ein paar Brötchen für unterwegs schmieren. Karl hat großes Glück – zum einen, weil es jetzt um halb zehn bei Weitem nicht mehr so voll ist wie um halb acht, zum anderen, weil der Brötchenkorb soeben frisch aufgefüllt wurde. Außerdem steht Konrad gerade am Brötchenkorb und lässt Karl unter Protest des hinter ihm stehenden Werners vor. Eigentlich ist es zwar nicht Karls Art, sich auf anderer Leute Kosten unberechtigte Vorteile zu verschaffen, da es aber immerhin um sein leibliches Wohl geht, hält er es ausnahmsweise für angebracht, sich über seine Prinzipien hinwegzusetzen. Dankbar greift er sich vier Brötchen aus dem Korb und nimmt sich von der ebenfalls gerade frisch aufgefüllten Marmelade, dem Aufschnitt sowie dem Käse, der Matthäus so wenig gemundet hat. Zufrieden geht er zu einem freien Tisch, beschmiert sich die Brötchen und befüllt damit seine leere Brotdose. Damit ist der Tag gerettet. Erleichtert verabschiedet sich Karl von Konrad und läuft zurück nach draußen, wo Matthäus und Cordula gerade in einer heftigen Diskussion über die Unzuverlässigkeit ihres Kollegen sind.
Als Matthäus Karl entdeckt, wettert er sogleich los: „Kannst du mir bitte mal erklären, was das gerade sollte, Karl? Du stürmst an mir vorbei wie der Blitz. Dabei war auch noch dein Rucksack offen und du hast diese leere Kekstüte verloren!“ Er reicht dem verdutzten Karl die Tüte. Dann schimpft er weiter: „Und wir beide warten und warten und warten hier auf dich. Cordula hat mich schon losgeschickt, nach dir zu suchen. Aber das hätte gerade noch gefehlt. Es ist nicht meine Aufgabe, dir immer hinterherzulaufen und dafür zu sorgen, dass du nichts anstellst. Du weißt doch: Wir haben es eilig! Außerdem warst du doch derjenige, der unbedingt heute ins Wikingermuseum fahren wollte. Ich hätte mir wirklich etwas mehr Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit von dir gewünscht. Wenn wir jetzt den Bus verpassen, ist das allein deine Schuld. Und wenn wir ewig an der Haltestelle auf den nächsten Bus warten müssen, es anfängt zu regnen und ich ganz nass werde, ist das auch deine Schuld. Sollten wir erst so spät am Wikingermuseum ankommen, dass wir da durchhetzen müssen, um pünktlich wieder hier zu sein, trägst auch dafür allein du die Verantwortung. Nicht, dass du uns noch den ganzen Tag deformierst. Und das an Weihnachten. Du solltest dich schämen, Karl!“
Eingeschüchtert zieht Karl den Kopf ein und versucht sich zu verteidigen.
„Ich hatte halt was vergessen“, erklärt er dem aufgebrachten Matthäus. Dieser hätte sich gewiss mit der Antwort nicht zufriedengegeben, wenn nicht Cordula gedrängt hätte, doch jetzt endlich zur Bushaltestelle zu gehen. Matthäus übernimmt sofort die Führung der kleinen Gruppe und marschiert zielstrebig los. Natürlich hat er sich ganz genau eingeprägt, wo sich die nächste Bushaltestelle befindet. Ihm geht es auch gleich viel besser. Jetzt, wo er Karl so vorzüglich getadelt hat, ist er wieder ganz oben auf und freut sich sogar auf die geplante Unternehmung.
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