Doch ganz so ruhig und friedlich wie hier bei Karl ist es nicht überall im Hostel. Von seiner Position im Erdgeschoss kann Karl nicht hören, was sich zur gleichen Zeit in der siebten Etage abspielt: Karl ist nämlich nicht der Erste, der an diesem Morgen im Hostel aufgewacht ist. Nein, Aidin ist ein echter Frühaufsteher. Es ist erst halb sechs Uhr morgens, als er bereits aufsteht. Alle anderen in dem Mehrbettzimmer liegen noch schlummernd in ihren Betten. Normalerweise ist es ja selbstverständlich, dass man sich in einem Mehrbettzimmer zu so früher Stunde sehr ruhig verhält, wenn alle anderen noch schlafen. Und gerade Schotten sind obendrein für ihre ausgesprochene Höflichkeit bekannt. Im Grunde genommen ist Aidin sogar ein besonders höflicher Schotte. Das jedoch hält ihn nicht davon ab, aufzustehen, die Schublade unter seinem Bett zu öffnen und seinen Dudelsack hervorzuholen. Mit diesem stellt sich Aidin ans Fenster und fängt an zu spielen – in einer Lautstärke, die die klapprigen Hochbetten vibrieren lässt. Sheldon schreckt sofort auf.
„Quiet please!“, fordert er Aidin auf. Doch dieser zeigt keine Reaktion und spielt ungerührt weiter. Er ist der festen Überzeugung, alle anderen müssten sich über sein frühmorgendliches Musikstück freuen. Aber da irrt er gewaltig.
Auch Seppel, der erst kurz vor drei Uhr nachts nach mehr als vier Litern Weißbier angetrunken zu Bett gegangen ist, beschwert sich prompt: „Mach ned so oan Krach!“
„Ruhe!“, brüllt Werner so laut er kann. Konrad hingegen sagt nichts, verkriecht sich unter seiner Bettdecke und hält sich beide Ohren zu.
„This ist no Krach. This ist Dudelsackmusik“, klärt der gekränkte Aidin die anderen auf und setzt sein Dudelsackspiel fort.
„Aufhören – und zwar sofort!“, ruft Ansgar und schmeißt sogar sein Kissen in Richtung des dudelsackspielenden Aidins. Ans Aufhören denkt dieser zwar nicht, aber immerhin verlässt Aidin nun tief getroffen und aufgrund der Geringschätzung seiner schönen Musik empört dudelsackspielend das Zimmer. Dann läuft er über den Gang, um auch die anderen Gäste auf dieser Etage mit seiner morgendlichen Musik zu beglücken.
Die ganze Etage erwacht und der ein oder andere Gast stürmt eilig aus seinem Zimmer, um sich aufgebracht bei Aidin über die Lärmbelästigung zu beschweren. Aber dieser spielt unbekümmert weiter. Er kann überhaupt nicht nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die sich an seiner melodiösen Dudelsackmusik stören. Denn Aidin ist einer der besten Dudelsackspieler von ganz Schottland. Und das ist nicht bloß seine eigene Meinung. Nein, bei den alljährlichen Highland Games von Fort Adair bei ihm zu Hause begeistert und überwältigt Aidin Jahr für Jahr ein großes Publikum und seine Leistung wird regelmäßig mit dem ersten Preis gekürt. Die Leute hier im Hostel müssten sich doch freuen und ihm sehr dankbar sein, dass er sie schon in den frühen Morgenstunden mit seiner wohlklingenden Musik erheitert. Schließlich ist so ein schönes Dudelsackkonzert die perfekte Basis für einen guten Start in den Tag. Deshalb gelingt es auch niemandem, Aidin zum Aufhören zu bewegen. Den Leuten bleibt nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge in ihre Zimmer zurückzukehren und sich die Ohren zuzuhalten.
Glücklicherweise haben unsere drei Kollegen ihre Zimmer im Erdgeschoss und bekommen so von dem Gedudel im siebten Stock zunächst gar nichts mit. Dafür hat Karl unterdessen ein ganz anderes Problem: Er hat zwar ein Einzelzimmer, doch die Toilette muss er sich mit den anderen Gästen auf dem Gang teilen. Als er jedoch die Toilette im Erdgeschoss, die sich direkt seinem eigenen Zimmer gegenüber befindet, aufsuchen möchte, ist der Klempner Snorre gerade damit beschäftigt, mithilfe eines Pömpels 3eine Verstopfung des Klos zu beheben. Daher steht dieses aktuell nicht zur allgemeinen Benutzung zur Verfügung. Karl ärgert sich maßlos, denn auf dieser Etage gibt es nur das eine Klo. Ungewohnt energisch beschwert er sich bei Snorre für die Störung. Man hätte doch die Verstopfung nachts beheben können, dann wäre man jetzt fertig, meint er. Und er, Karl, hätte laut Reiseunterlagen ein Recht auf die Toilettenbenutzung hier. Und Snorre solle sich gefälligst etwas mit der Arbeit beeilen.
Doch Snorre lässt sich von Karls Geschimpfe nicht beeindrucken. Er ist in ganz Kopenhagen dafür verantwortlich, Verstopfungen in sämtlichen öffentlichen und privaten Toiletten mithilfe seines Pömpels zu beheben. Und er erledigt diese Aufgabe ziemlich gut und gewissenhaft. Nur braucht er eben eine Weile. Nörgelnde und tadelnde Toilettenbesucher ist er schon lange gewöhnt und lässt sich von solchen nicht aus der Ruhe bringen.
„Gedulden Sie sich bitte noch ein wenig“, entgegnet Snorre Karls Vorwürfen höflich. „Immerhin mache ich meine Arbeit auch in Ihrem eigenen Interesse. Schließlich ist eine einwandfreie Toilette nur zu Ihrem Vorteil“, fügt er hinzu und arbeitet unbeirrt weiter.
Gerade als Karl den Klempner Snorre weiter zurechtweisen möchte, kommen Cordula und kurz darauf der verschlafene und herzhaft gähnende Matthäus hinzu. Doch auch auf ihr Drängen hin kann Snorre nicht schneller arbeiten. Vielleicht hätte unter normalen Umständen die Autorität von Matthäus mitsamt seiner mahnenden Worte ausgereicht, den geruhsamen Snorre zur Beeilung anzutreiben. Aber Matthäus, dem immer wieder vor Übermüdung die Augen zufallen, hält sich bedeckt. Seine außerordentliche Müdigkeit lässt sich zum einen durch den hohen Alkoholkonsum am Vorabend, insbesondere aber durch seinen Zimmernachbarn im Zimmer mit der Nummer 4 erklären. Denn Matthäus hat das große Pech, dass dieser zurzeit erkältet ist. Die ganze Nacht lang schallte sein permanentes Schnarchen durch die ausgesprochen dünnen Wände in Matthäus' Zimmer und beraubte diesen seiner wohlverdienten Nachtruhe. Karl hat schon großes Glück, dass er bei ihrer Ankunft ein anderes Zimmer gewählt hatte.
Letztlich werden Matthäus, Cordula und Karl dazu genötigt, Toiletten auf anderen Etagen aufzusuchen. Karl beschließt, mit dem Aufzug in die siebte Etage zu fahren, um möglichst weit weg von dem Klempner Snorre zu sein. Er weiß ja noch nicht, dass hier oben Aidin nach wie vor damit zugange ist, mit seiner lauten Dudelsackmusik die ganze Etage gegen sich aufzubringen. Und so kommt es, dass genau in dem Moment, in dem sich die Fahrstuhltür im siebten Obergeschoss öffnet und Karl auf den Gang tritt, Aidin dudelsackspielend am Aufzug vorbeimarschiert. Eigentlich hört Karl Aidins Dudelsackmusik ja ganz gerne, nur heute Morgen, wo er schon so genervt ist, ärgert ihn die laute Musik. Vorwurfsvoll schüttelt er den Kopf.
Und da passiert etwas Erstaunliches: Aidin hört tatsächlich auf. Allen bisherigen Vorwürfen und Tadeln zum Trotz hat Aidin weitergespielt und jetzt, wo Karl einmal den Kopf schüttelt, beendet er seine Dudelsackmusik umgehend. Anerkennend nickt Karl Aidin zu, geht zufrieden über den Flur und hält nach einer Toilette Ausschau. Was Karl allerdings nicht wissen kann, ist, dass Aidin seine Dudelsackmusik keinesfalls wegen des Kopfschüttelns beendete, sondern aus dem schlichten Grund, dass er jetzt frühstücken möchte. Es ist nämlich genau halb acht, also offizieller Beginn der Frühstückszeit. Aus diesem Grund fährt Aidin mit dem Aufzug nach unten zum Gemeinschaftsraum, in dem das Frühstück stattfindet.
Wenige Minuten später begibt sich auch Karl auf den Weg dorthin. Guter Dinge, da er ja bekanntlich sehr gerne isst, malt sich Karl schon aus, welche Leckereien das Frühstücksbuffet wohl hergeben mag. Als er erwartungsvoll den Gemeinschaftsraum betritt, sind seine beiden Kollegen noch nicht da – dafür aber zahlreiche andere Gäste. Obwohl die Frühstückszeit gerade erst begonnen hat, ist der Raum schon jetzt maßlos überfüllt. Dutzende sitzen an den Tischen und nehmen bereits ihr Frühstück zu sich, ebenso viele bedienen sich am Buffet und wieder genauso viele stehen an der Bar an, um sich hier ein Tablett aushändigen zu lassen. Denn erst wer ein Tablett hat, das man nur durch Vorzeigen seines Zimmerschlüssels an der Bar überreicht bekommt, darf sich am Frühstücksbuffet bedienen. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass tatsächlich nur Gäste des Hostels ein Frühstück erhalten. Also stellt sich Karl hier zuerst an und wartet ungeduldig. Als er einige Minuten später sein Tablett erhält, entdeckt er seine Kollegin Cordula, die sich gerade hinten in die Schlange einreiht.
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