‚Sie sind schon weg‘, stellt er fest und will aufstehen, um das Lokal wieder zu verlassen. Doch in dem Moment tritt ein elegant gekleideter Kellner an den Tisch, um Karl zu begrüßen und ihm die Speisekarte zu reichen. Verwirrt nimmt Karl sie entgegen.
„Ich muss jetzt wieder gehen. Ich wollte nur zu Matthäus und Cordula, aber die beiden sind nicht mehr hier“, klärt er den Kellner auf. Dieser jedoch hat nichts verstanden, glaubt, Karl habe ihn nach der Spezialität des Hauses gefragt, und deutet auf ein besonders teures Gericht in der Speisekarte. Karl schüttelt den Kopf und will aufstehen. Doch der Kellner bedeutet ihm mit beruhigenden Gesten, sitzen zu bleiben. Karl tut, wie ihm geheißen, und nickt scheu. Der Kellner hält Karls Nicken für eine Bestellung und ist der Ansicht, dieser wolle nun die Spezialität des Hauses kosten. Er verschwindet rasch in der Küche, um Karls Bestellung weiterzugeben.
Karl möchte so schnell wie möglich weg von hier. Doch gerade als er abermals aufstehen möchte, taucht neben ihm ein Geigenspieler im schwarzen Anzug auf, der Karl auf seiner Violine ein Ständchen spielen möchte. Aber dieser hat im Moment gar keine Ohren für die schöne Musik. Er muss von hier verschwinden. Schnell. Und unbemerkt. Doch an der Tür steht der Ober, der ihn hereingeführt hat, vor ihm steht der Geigenspieler und an der Küchentür steht der Kellner, der alle Gäste genau im Blick hat. Daher bleibt Karl wohl nur eine einzige Möglichkeit: Er nickt dem Geigenspieler entschuldigend zu und deutet auf die Toilettentür. Der Mann versteht und entfernt sich. Karl steht auf und geht in Richtung der Toilette. Niemand hindert ihn. Dort angekommen nickt er nochmals in den Raum und schließt die Tür hinter sich. Und dann flüchtet Karl unbemerkt durch das geöffnete Klofenster.
„Geschafft“, murmelt Karl erleichtert, als er draußen auf der Straße steht. Nur leider handelt es sich bei dieser um eine ziemlich abgelegene und darüber hinaus sehr dunkle und zwielichtige Nebenstraße. Außer ihm befindet sich hier keine Menschenseele. Und dabei hat Karl doch Angst alleine im Dunkeln.
Da Matthäus und Cordula offenbar nicht mehr in der Nähe sind, bleibt Karl nichts anderes übrig, als sich ohne seine beiden Kollegen auf den Weg zum Hostel zu begeben. Zunächst geht Karl rasch zur Hauptstraße, an der das Restaurant liegt, um von hier aus zum Hostel zu finden. Doch kaum ist er um die Ecke getreten, tritt er auch schon wieder zurück in die Seitenstraße. Denn auf der Hauptstraße läuft der vornehme Kellner des Restaurants mit einem Teller in der Hand umher und sucht draußen vor der Tür nach Karl, weil er ihm die soeben fertiggestellte Spezialität des Hauses – einen gefüllten Rollaal auf Meerfenchel – servieren möchte. Schnell läuft Karl davon, um unentdeckt zu bleiben.
Da er den Weg am Restaurant vorbei nun nicht mehr gehen kann, muss sich Karl wohl oder übel einen anderen Weg suchen. Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Innerhalb kürzester Zeit hat Karl vollends die Orientierung verloren. Ziellos und ängstlich irrt er umher. Er hat keine Ahnung, wo er ist. Und fragen kann er hier auch keinen, denn weit und breit ist niemand zu sehen. Offenbar verirrt sich in diese Gegend abends sonst kein Mensch. Und das wird wohl seine Gründe haben. Gerne würde Karl seinen Kollegen Matthäus um Rat bitten und ihn anrufen. Aber Karl besitzt kein Handy und in der einzigen auffindbaren Telefonzelle ist der Münzschlitz durch ein Kaugummi verstopft. Matthäus hatte Karl zwar vorhin einen Stadtplan von Kopenhagen in die Hand gedrückt, auf dem er zuvor die Position des Hostels mit einem roten Kreuz markiert sowie auf der Rückseite Karls Namen und die Adresse des Hostels notiert hatte. Aber, dass sich Karl die Karte in seine Hosentasche gestopft hatte, hat er mittlerweile vergessen. Da sich Karl nicht anders zu helfen weiß, beschließt er, die erste Person, die ihm hier in dieser gottverlassenen Gegend mitten in der Großstadt begegnet, auf jeden Fall nach dem Weg zu fragen.
Kaum hat Karl diesen Entschluss gefasst, da entdeckt er in der Ferne hinter der nächsten Straßenecke ein eigenartiges Licht und vernimmt ein leises Glockengeläut.
‚Da muss doch jemand sein – jemand mit einer sehr hellen Taschenlampe‘, denkt sich Karl und geht etwas schneller. Er erreicht die Kreuzung und blickt forsch um die Ecke. Karl traut seinen Augen nicht: Aus der Dunkelheit heraus bewegt sich etwas Großes auf ihn zu. Etwas, das hell erleuchtet ist. Etwas, das sich nicht auf Rädern, sondern auf Kufen fortbewegt. Etwas, das von zwei lebendigen Rentieren mit je einem Glöckchen um den Hals durch die Nacht gezogen wird. Es ist ein Schlitten, ein großer Schlitten, in dem ein rundlicher älterer Mann mit Brille und einem weißen Rauschebart, einer roten Mütze mit weißem Bommel und einem langen roten Gewand sitzt und die Zügel hält. Kein Zweifel: Dies ist ein Weihnachtsmann. Gut, ganz so befremdlich ist das nicht. Immerhin ist heute der erste Weihnachtstag. Trotzdem ist Karl sehr verunsichert.
‚Was ist denn jetzt los?‘, fragt er sich ängstlich. ‚Wo bin ich denn hier nur hingeraten?‘
Karl bleibt zunächst unschlüssig an der Ecke stehen und beobachtet den Weihnachtsmann, der mit seinem Schlitten weiter auf ihn zu fährt. Offenbar hat er Karl noch nicht gesehen. Dieser überlegt noch einen Moment, dann gibt er sich einen Ruck und tritt unbeirrt hervor. Schließlich hat er sich ja vorgenommen, die erste Person, die ihm begegnen sollte, nach dem Weg zu fragen. Und, wenn diese ein Weihnachtsmann ist, dann ist das nun einmal nicht zu ändern. Aber als Karl einige Schritte auf den Schlitten zugegangen ist, bekommt er es doch mit der Angst zu tun.
‚Vielleicht ist das eine Falle‘, überlegt er, macht kehrt und läuft eilig in die andere Richtung. Plötzlich vernimmt Karl hinter sich eine Stimme.
„So warten Sie doch!“, ruft der Weihnachtsmann ihm zu. Karl rennt schneller.
„Bleiben Sie bitte stehen! Ich tue Ihnen nichts“, fordert der Weihnachtsmann ihn auf. Karl bleibt stehen. Wie dämlich er doch war. Dies ist ein Weihnachtsmann und Weihnachtsmänner sind gemeinhin nicht sehr gefährlich, sondern eigentlich eher harmlos. Zögerlich dreht sich Karl um. In etwa hundert Metern Entfernung steht der beleuchtete Schlitten mit den beiden Rentieren. Der Weihnachtsmann ist mittlerweile ausgestiegen und winkt Karl freundlich zu. Langsam geht Karl zurück. Und dann steht er vor dem seltsamen Herrn mit dem langen weißen Bart.
„Guten Abend“, empfängt ihn der Weihnachtsmann. „Sie müssen gar keine Angst vor mir haben. Wissen Sie, ich bin nämlich der Weihnachtsmann“, erklärt er Karl wissend. Er reicht Karl die Hand, die dieser unsicher und ein wenig verwirrt ergreift.
„Wie ist denn Ihr Name?“, erkundigt sich der Weihnachtsmann bei Karl.
„Bietendüfel. Mein Name ist Karl Bietendüfel“, antwortet Karl dem Weihnachtsmann wahrheitsgemäß.
„Das ist aber ein schöner Name“, findet dieser und Karl ist sichtlich geschmeichelt. „Wenn ich mich nicht täusche, dann wollten Sie eben etwas von mir. Sie kamen so zielstrebig auf mich zugelaufen. Habe ich recht? Ich stehe voll und ganz zu Ihrer Verfügung“, meint der Weihnachtsmann freundlich.
„Eigentlich suche ich das Hostel und wollte Sie nach dem Weg fragen“, erwidert Karl und noch im gleichen Moment wird ihm bewusst, wie grotesk diese Aussage wohl für den Weihnachtsmann klingen muss. Wer weiß schon, wo dieser eigenartige Weihnachtsmann herkommt? Warum sollte er ausgerechnet das Hostel kennen?
Der Weihnachtsmann aber kennt das Hostel und kann Karl deshalb tatsächlich weiterhelfen. Morgen Abend hat er dort nämlich einen Auftritt. Der Hostelbesitzer Jesper hat nämlich – wie jedes Jahr – für den zweiten Weihnachtstag ein großes Weihnachtsfest für seine Gäste geplant und als Höhepunkt des Abends soll der Weihnachtsmann erscheinen und alle Gäste beschenken. Der Weihnachtsmann ist nicht nur ins Hostel, sondern auch zu vielen weiteren Weihnachtsfeiern eingeladen und das nicht nur morgen, sondern auch bereits heute sowie gestern an Heiligabend. Er macht diesen Job schon seit vielen, vielen Jahren und ist gerade auf dem Weg zu seinem nächsten Auftritt am heutigen Abend.
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