1 ...8 9 10 12 13 14 ...22 Bald ist das Boot voll und legt ab. Das Ausflugsboot lässt die Christiansborg und die alte Börse hinter sich und fährt sodann durch den bereits von der Stadtführung bekannten Nyhavn. Cordula knipst wie wild. Es ist zwar bereits dunkel, die meisten Gebäude sind jedoch hell erleuchtet und bieten damit besonders schöne Fotomotive. Das Boot fährt durch die unterschiedlichsten Flüsse und Kanäle und durchquert verschiedene Viertel. Der Bootsführer verweist in deutscher Sprache auf die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und weiß zu jeder noch einige interessante Geschichten zu erzählen.
Leider beginnt es nach etwa zehn Minuten leicht zu regnen. Die Sitzplätze verfügen über keine Überdachung, sodass Matthäus, Cordula, Karl und alle anderen Mitfahrenden dem Regen schutzlos ausgeliefert sind und entsprechend nass werden. Schnell schließt Cordula ihre Jacke und zieht sich ihre Kapuze über. Glücklicherweise hat sich ja auch Karl, der noch immer schläft und nichts von dem Regenschauer mitbekommt, vorhin seine Kapuze aufgesetzt. Während sich Cordula und Karl lediglich durch ihre Jacken und Kapuzen schützen können, holt Matthäus triumphierend seinen schwarzen Regenschirm hervor.
„Es zahlt sich aus, wenn man immer einen Regenschirm dabei hat“, erläutert er fachkundig und spannt den Schirm über sich auf. Cordula, die zwischen ihren beiden Kollegen sitzt, freut sich ebenfalls, denn Matthäus' Regenschirm ist so groß, dass auch sie überwiegend vor dem Regen geschützt ist. Anders ist dies hingegen bei Karl. Dieser wird nicht mehr durch Matthäus' Schirm geschützt. Ganz im Gegenteil: Die Regentropfen, die seitlich vom Schirm abperlen, tropfen genau auf seine Hose. Ein Glück, dass der Regenschauer lediglich von kurzer Dauer ist. Ansonsten wäre Karl wohl pitschnass geworden, hätte sich eine schlimme Erkältung zugezogen und den Rest der Reise krank im Bett verbringen müssen.
Im letzten Teil der Rundfahrt fährt das Ausflugsboot durch den Kanal, der zurück zur Christiansborg und zu dem Anlegesteg führt. Auf diesem Teilstück muss das Boot einige tief gelegene Brücken durchqueren. Die letzte Brücke, unter der das Boot durchfahren muss, ist die niedrigste.
Der Bootsführer warnt: „Bleiben Sie auf jeden Fall auf Ihren Plätzen sitzen und ziehen Sie notfalls die Köpfe ein.“
Da Karl noch immer schläft, hat er natürlich von dieser Durchsage nichts mitbekommen. Weil er jedoch nicht besonders groß ist, schwebt er nicht in der Gefahr, sich im Sitzen an der Brücke den Kopf zu stoßen. Aber vor ihm sitzt ja Sheldon mit seiner hohen Bärenfellmütze. Und es kommt, wie es kommen musste: Da die Ansage lediglich auf Deutsch erfolgte, hat Sheldon, der ausschließlich Englisch spricht, kein Wort verstanden. Und er passt auch nicht weiter auf, als sich das Boot der Brücke nähert. Kaum ist es unter der Brücke angekommen, reißt es Sheldon die Mütze vom Kopf. Und wem landet sie mitten im Gesicht? Karl natürlich. Dieser erwacht, springt erschrocken von seinem Platz auf und – BOING – stößt sich den Kopf.
„Aua!“, ruft Karl laut und alle drehen sich verwundert nach ihm um. Auch Sheldon blickt wütend zu ihm und deutet auf die Mütze, die Karl nun verunsichert in den Händen hält.
„This is my Bearskin!“, sagt er bestimmt, greift nach seiner Mütze und sieht Karl noch einmal anklagend an. Dabei ist dieser doch schon geplagt genug. Auch Matthäus schüttelt vorwurfsvoll maßregelnd den Kopf.
„Das war wirklich nicht sehr clever von dir“, bemerkt er treffend. „Hast du etwa die Ansage nicht gehört? Alle sollten sitzen bleiben. Und was machst du? Du stehst auf. Na, hoffentlich hat es auch schön wehgetan. Das sollte dir eine Lehre sein, Karl. Vielleicht solltest du zukünftig nur noch mit Helm aus dem Haus gehen.“
Cordula hingegen ist mit Matthäus' Rüge überhaupt nicht einverstanden.
„Wie kannst du nur so etwas sagen, Matthäus? Der arme Karl ist doch schon geplagt genug. Und du musst auch noch den Finger in die Wunde legen“, meint sie, hält aber trotzdem den Moment, in dem sich Karl mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf hält, mit ihrem Fotoapparat im Bild fest. Dann aber wendet sie sich besorgt ihrem Kollegen zu.
„Hat es sehr wehgetan? Brauchst du ein Pflaster?“, erkundigt sie sich fürsorglich und kramt sogleich in ihrer schicken Umhängetasche, in der sie für alle Fälle immer ein kleines Erste-Hilfe-Set mit sich rumträgt, um Karl ein Pflaster zu suchen. Doch dieser lehnt das Angebot dankend ab. Wie soll er sich auch in die Haare ein Pflaster kleben?
„So schlimm war es auch wieder nicht“, entgegnet Karl seiner Kollegin. Ihm ist das alles sehr peinlich.
Wenige Minuten später hält das Boot wieder am Anlegesteg und die Passagiere steigen aus.
„Ich glaube, jetzt haben wir alles gesehen. Damit können wir eigentlich wieder nach Hause fahren“, meint Matthäus pessimistisch. Na, wenn er sich da mal nicht täuscht.
Matthäus, Cordula und Karl stehen am Anlegesteg. Die meisten Reisegäste gehen bereits zurück zum Hostel, um dort den Rest des Tages zu verbringen. Mittlerweile ist es schon fast Abend.
„Und was machen wir jetzt?“, fragt Cordula ihre beiden Kollegen. Karl erklärt, er müsse früher oder später auf jeden Fall noch ein Geschenk für seine Oma Edeltraud besorgen. Dies habe er ihr vor der Reise zusichern müssen. Und es könne ja nicht schaden, dies möglichst frühzeitig zu erledigen – jetzt zum Beispiel. Matthäus jedoch ist mit diesem Einfall überhaupt nicht einverstanden.
„Es kann ja wohl nicht angehen, dass wir jetzt zusammen sämtliche Geschäfte abklappern müssen, nur weil du ein Geschenk für deine Oma kaufen musst. Damit haben Cordula und ich doch nichts zu tun. Also kannst du das hübsch alleine machen. Und Zeit dafür wirst du gewiss noch genug haben“, entgegnet er und wartet sogleich mit einem Alternativvorschlag auf: „Mich verlangt es jetzt nach einem delikaten Diner in exquisitem Ambiente.“
Karl starrt seinen Kollegen fragend an.
„Was verlangst du?“, erkundigt er sich irritiert.
Damit auch sein Kollege seinen Ausführungen zu folgen in der Lage ist, lässt sich Matthäus zu einer trivialeren Ausdrucksweise herab: „Ich hab Hunger. Lasst uns was essen gehen!“
Mit diesem Plan können sich sowohl Cordula als auch Karl anfreunden. Die drei Kollegen machen sich auf den Weg in die Innenstadt, wo sie die größte Auswahl an Restaurants vermuten. Dabei kommen sie an einer Telefonzelle vorbei, neben der der Schotte Aidin gerade steht und Dudelsack spielt. Nach der Bootstour ist er sofort hierhin marschiert. Aidin findet es nämlich immer wieder aufheiternd, wenn jemand an der Telefonzelle telefonieren will, aber aufgrund der lauten Dudelsackmusik kein Wort verstehen kann. Auf diese Weise sind Aidin jedes Mal aufs Neue begeisterte Zuhörer garantiert – meint er zumindest. Matthäus, Cordula und Karl stellen sich eine Weile dazu und lauschen der Musik. Besonders Cordula, die nebenbei Musikkurse an der Volkshochschule erteilt, ist ganz entzückt und macht sogleich ein Foto von Aidin, der sich höflich verbeugt. Dann gehen die drei weiter.
Tatsächlich finden sie in der Innenstadt einige gut bürgerliche Restaurants der gehobenen Mittelklasse. Matthäus studiert sämtliche Speisekarten und vergleicht die Angebote. Schließlich entscheidet er sich für die Einkehr in ein Gourmetrestaurant, bei dem ihn insbesondere die vortreffliche Weinkarte überzeugt. Es ist nur etwas unglücklich, dass ausgerechnet bei diesem Lokal keine Preise draußen auf der Speisekarte stehen. Vermutlich wird es dafür gute Gründe geben.
„Was haltet ihr beide von diesem Etablissement?“, fragt Matthäus seine beiden Kollegen. Cordula ist einverstanden. Karl hingegen sagt dieses Lokal überhaupt nicht zu. Es ist ihm viel zu vornehm.
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