„Guten Abend“, empfängt ihn Cordula freundlich. Konrad gibt nur ein kurzes Nicken von sich, denn er hat nicht vor, sich mit den dreien zu unterhalten.
Matthäus unterdessen hat eine neue Idee, wie er und seine beiden Kollegen den Rest des Abends verbringen können: Er holt ein Kartenspiel aus seiner Manteltasche, um Cordula und Karl um eine Partie zu bitten. Cordula ist sofort begeistert, denn sie spielt für ihr Leben gerne Skat.
„Au ja, das ist ein ganz hervorragend guter Einfall, Matthäus. Lasst uns doch ein paar Runden Skat spielen“, fordert sie deshalb ihre beiden Kollegen auf. Matthäus jedoch lehnt Cordulas Vorschlag vehement ab. Er beherrscht dieses Spiel nämlich nicht. Und genauso verhält es sich bei Karl. Dieser blickt nur betreten zu Boden.
„Wollt ihr etwa behaupten, dass ihr beide gar kein Skat spielen könnt?“, fragt Cordula ungläubig in die Runde. Matthäus und Karl schütteln den Kopf.
Dafür schleicht sich ein breites Grinsen auf Konrads Gesicht. Erstmals sieht er von seinem Laptop auf und ruft freudig: „Ich kann Skat!“
Skat spielen ist nämlich Konrads große Leidenschaft und die einzige Tätigkeit, für die er sogar die Arbeit an seinem Computer zurückzustellen bereit ist. Da er jedoch sehr menschenscheu ist, findet Konrad in der Regel keine lebendigen Mitspieler aus Fleisch und Blut und kann deshalb notgedrungen auch Skat nur an seinem Laptop spielen. Doch in der Aussicht auf eine reale Partie klappt Konrad umgehend seinen Laptop zusammen.
Nun ist es aber bekanntermaßen so, dass man zum Skatspielen immer drei Personen benötigt. Cordula und Konrad sind also dringend auf einen dritten Mitspieler angewiesen. Herausfordernd blickt Cordula ihre beiden Kollegen an.
„Na, wenn ihr beide kein Skat könnt, dann wird es aber höchste Zeit. Wir können es euch ja beibringen“, führt sie ermutigend aus. Das jedoch geht Matthäus entschieden gegen den Strich – und zwar aus zwei Gründen: Erstens widerstrebt es ihm ganz grundsätzlich, sich von anderen Leuten etwas erklären und beibringen zu lassen. Wenn hier jemand einem anderen etwas beibringt, dann ist das Matthäus und nicht umgekehrt. Und zweitens hat Matthäus Angst, sich beim Skatspielen vor seinen Kollegen zu blamieren. Lieber möchte er entweder irgendein möglichst einfaches Spiel spielen, dessen Regeln auch er sicher beherrscht, oder noch besser ein Spiel, bei dem man gut und unauffällig pfuschen kann, damit er, Matthäus, auch ja immer gewinnt. Denn Verlieren tut er wirklich nur äußerst ungern.
Leider lässt sich Skat weder in die eine noch in die andere Kategorie einordnen. Und deshalb lehnt Matthäus es vehement ab, sich an der Skatrunde zu beteiligen. Wenn Cordula und Konrad ein dritter Spieler fehlt, dann können die beiden eben kein Skat spielen. So einfach ist das. Und dann kann Matthäus das Spiel bestimmen. Und er kann sich ein Spiel aussuchen, das seinen eigenen Vorstellungen entspricht. Und dann kann er nach Belieben pfuschen. Und dann wird er immer gewinnen. Und dann hat er mal wieder die Anerkennung und Bewunderung seiner Kollegen sicher und kann sich im Ruhme seines Erfolges sonnen.
Denkt Matthäus. Aber da hat er die Rechnung ohne seinen Kollegen Karl gemacht. Denn anders als Matthäus hat Karl keine Angst davor, sich vor den anderen zu blamieren. Außerdem ist er wie immer gutmütig und möchte Cordula und Konrad nicht das Spiel verderben. Obendrein wollte Karl ohnehin immer schon mal Skat erlernen und dies scheint ihm eine günstige Gelegenheit dazu zu sein. Und nicht zuletzt kann Karl auf diese Weise mal seinem Kollegen Matthäus, der erkennbar nicht zum Mitspielen bereit ist, eins auswischen. Also willigt Karl ein, sich von Cordula und Konrad das Skatspielen beibringen zu lassen und damit die Skatrunde zu komplettieren.
Matthäus hingegen schaut blöd aus der Wäsche. Mit dieser Reaktion von Karl hat er nicht gerechnet. Zwar wäre es auch möglich, als vierter Spieler an der Skatrunde teilzunehmen, aber das traut sich Matthäus natürlich nicht. Und da Karl, Cordula und Konrad ihn so erwartungsvoll ansehen, stellt Matthäus den dreien notgedrungen sein Kartenspiel zur Verfügung. Das hatte er sich nun wirklich anders vorgestellt. Matthäus überlegt einen Moment, ob er trotzdem hier sitzen bleiben und heimlich Cordulas Erklärungen zuhören soll, entscheidet sich aber dagegen.
„Ich gehe mal lieber zur Bar rüber. Da ist bestimmt mehr Stimmung als hier bei euch“, sagt er entschuldigend, aber auch mit erkennbarem Vorwurf in der Stimme, nimmt sich sein halb volles Bierglas, steht auf und entfernt sich sehr schnell. An der Bar setzt sich Matthäus auf den freien Platz neben Seppel, der gerade – was er sehr gerne tut – genüsslich eine Brezel verspeist und dazu ein Glas Weißbier vor sich stehen hat. Seppel ist in dem kleinen, abgelegenen Ort Bad Sulzemoos in den Bergen in Südbayern beheimatet, hatte also eine sehr lange Anreise bis nach Kopenhagen.
„Servus, i bin da Seppl! Und wa bisd du?“, begrüßt er Matthäus freundlich in seinem bayrischen Dialekt. Dessen schlechte Laune verschwindet sofort, denn Seppel ist ein sehr lustiger Zeitgenosse und immer gut gelaunt. Und das ist ansteckend.
„Mein Name ist Matthäus!“, ruft Matthäus mit einem gewissen Stolz, vergisst sogleich den Ärger über das geplatzte Kartenspiel mit seinen Kollegen und freut sich, diesen Platz gewählt zu haben. Matthäus und Seppel verstehen sich auf Anhieb ganz hervorragend. Beide trinken sehr gerne und haben viel Spaß zusammen.
In der Zwischenzeit hat Cordula die Karten gemischt und an sich selbst, Konrad und Karl ausgeteilt.
„Also Karl, das läuft so“, beginnt sie mit der Erklärung und dann erläutern sie und Konrad Karl die Spielregeln. Dieser zeigt sich ausgesprochen gelehrig und begreift ziemlich schnell. Gerade vor dem Hintergrund, dass Skat bekanntlich ein sehr anspruchsvolles Kartenspiel ist, ist es sehr beeindruckend zu sehen, wie aus Karl innerhalb kürzester Zeit ein ernstzunehmender Mitspieler und Gegner wird. Und Karl hat auch sichtlich Spaß an dem Spiel, denn dieses ist genau nach seinem Geschmack. Längst hat ihn der Ehrgeiz gepackt und er wird von Runde zu Runde besser. Auch Cordula und Konrad sind sehr vergnügt, aber ebenso konzentriert bei der Sache. Besonders Konrad freut sich, endlich mal auf zwei reale Gegner zu stoßen. Cordula macht ein Foto von Konrad und Karl.
Und so spielen die drei viele, viele Runden und kurz vor Mitternacht geht Karl – allerdings mit etwas Glück – sogar knapp vor Konrad als Sieger hervor. Mittlerweile hat sich der Gemeinschaftsraum bereits ordentlich gelehrt. Als Erster hatte Aidin, der immer sehr zeitig ins Bett geht, dafür aber morgens ziemlich früh aufsteht, den Saal verlassen, um in sein Zimmer zu gehen. Cordula und Karl verabschieden sich von Konrad und verabreden, sich in den nächsten Tagen einmal wieder zu einer Skatpartie zusammenzufinden.
Während Konrad alleine an dem Tisch sitzen bleibt und seinen Laptop hochfährt, um nun wieder an seinem Computerprogramm zu arbeiten, gehen Cordula und Karl zur Bar, wo Matthäus und Seppel immer noch zusammensitzen und wild herumschunkeln.
„Servus, das is da Seppl!“, empfängt Matthäus seine Kollegen merklich angetrunken und versucht dabei, Seppels bayrischen Dialekt nachzuahmen. Cordula und Karl merken sofort, dass es wohl besser wäre, wenn Matthäus für heute mit dem Trinken aufhört. Daher zerren sie ihn von seinem Barhocker und geleiten ihren Kollegen nach unten ins Erdgeschoss.
Dort angekommen verschwinden Matthäus, Cordula und Karl in ihren Zimmern. Bald schon sind unsere drei Kollegen eingeschlafen, während Konrad noch einige Stunden an seinem Laptop arbeitet und Seppel ein Weißbier nach dem anderen trinkt.
Der nächste Tag beginnt. Es ist der 26. Dezember, der zweite Weihnachtstag. Karl wacht früh am Morgen auf. Er hat trotz der harten Matratze sehr gut geschlafen und von seiner Begegnung mit dem Dänischen Protestschwein geträumt. Er blickt auf seine Armbanduhr, die neben seinem Bett auf dem blauen Hocker liegt: Es ist kurz vor sieben Uhr früh. Karl setzt sich auf die Bettkante, streckt sich einmal ordentlich und gähnt herzhaft. Normalerweise wacht Karl so früh morgens noch nicht auf. Er genießt die Ruhe und Stille im Hostel.
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