Gerne hätte Karl erwidert, dass er das geplante Unternehmen nicht als kulturelles Vergnügen, sondern vielmehr als bloße Zeitverschwendung ansehe und weder heute noch an jedem anderen Tag nach Roskilde in dieses Museum fahren wolle. Nur traut er sich das natürlich nicht. Wobei, da offenbar auch Matthäus mit Cordulas Idee nicht allzu viel anzufangen weiß, würde er sich dies vielleicht doch trauen. Karls wahrer Grund, seiner Kollegin kein weiteres Mal zu widersprechen, ist ein ganz anderer: Er hat nämlich nach wie vor Hunger und Cordula hat auf ihrem Tablett noch zwei belegte Brötchen liegen. Vielleicht wird sie ihm ja noch eines oder sogar gleich beide abgeben, wenn er ihr jetzt beipflichtet. Also stimmt Karl Cordulas geplanter Unternehmung zu und fragt gleich im selben Satz, ob er wohl noch ein Brötchen haben könne. Da Cordula ohnehin das eine Brötchen, das sie selbst bereits gegessen hat, vollkommen genügt, überlässt sie Karl gleich beide. Dieser freut sich und fängt sofort mit dem Verzehr an. Er wird sich jetzt nicht mehr stören lassen, bis er alles aufgegessen hat.
„So Matthäus, du bist überstimmt. Karl und ich, wir wollen beide heute ins Wikingermuseum fahren. Da wirst du dich wohl oder übel der Mehrheit beugen müssen. So läuft das nun einmal. Also fahren wir dann gleich“, bestimmt Cordula in einem Ton, der keinen weiteren Widerspruch duldet.
Matthäus ist sprachlos. Er selbst hätte auch gerne noch ein Brötchen bekommen. Und natürlich hat er, Matthäus, im Gegensatz zu Cordula Karls wahre Motivation sofort erkannt. Argwöhnisch und auch etwas neidisch blickt er zu seinem Kollegen, der zufrieden und genüsslich die beiden Brötchen verspeist. Dennoch fallen Matthäus im Moment keine schlagenden Argumente mehr ein, das geplante Unternehmen zu vereiteln. Also fügt er sich seinem Schicksal und isst weiter von seinen Käsescheiben.
Es ist ohnehin auch aus ganz anderen Gründen gut, dass die drei heute fahren und sich den Ausflug nicht für morgen vorbehalten. Denn, wie sich noch zeigen wird, haben die drei, insbesondere aber Karl, für morgen ein ganz anderes Programm.
Nachdem Matthäus, Cordula und Karl aufgegessen haben, verlassen sie den Frühstücksraum, um sich für den geplanten Ausflug fertig zu machen. Cordula freut sich aufs Wikingermuseum, Karl freut sich, weil er wider den ersten Eindruck doch gut und reichlich gegessen hat, nur Matthäus ist sauer. So hatte er sich das alles nicht vorgestellt. Dann kommt den dreien auch noch der wie immer gut gelaunte Seppel, der gerade erst aufgestanden ist, entgegen.
„Servus, Madthäus, hosd du ned Lust, gleich mid an de Bar z' komma? I gib dia aa wos aus“, begrüßt er Matthäus freudig. Nur allzu gerne hätte Matthäus Seppel an die Bar begleitet, aber nun muss er ja heute mit seinen Kollegen ins Wikingermuseum. Eigentlich hatte auch Matthäus einen Besuch des Wikingermuseums fest eingeplant. Nur gerade heute an Weihnachten hat er dazu keine Lust. Und, dass sein Kollege Karl drei Brötchen bekommen hat, während er, Matthäus, sich überwiegend von wenig schmackhaftem Käse ernähren musste, passt ihm natürlich überhaupt nicht. Entsprechend ist Matthäus schlecht gelaunt. Um sich die Fahrt zumindest etwas angenehmer zu machen, fragt er Seppel, ob dieser nicht Lust habe, ihn und seine beiden Kollegen ins Wikingermuseum zu begleiten.
Aber Seppel antwortet nur: „Na, da hob i koa Lust drauf. Vui Gaudi, ihr drei!“, winkt nochmal freundlich und schlendert an den drei Kollegen vorbei in den Frühstücksraum.
Matthäus, Cordula und Karl gehen weiter, die Treppe nach unten und dann über den Gang zu ihren Zimmern. Als sie diese erreicht haben, stellt sich jedoch ein großes Problem: Schließlich hatte Matthäus vorhin seinen Schlüssel bei sich im Zimmer vergessen. Das hat zwar nicht etwa zur Folge, dass seine Zimmertür die ganze Zeit offen gestanden hätte und jeder nach Belieben hätte rein und raus gehen können, zumal die Tür von außen nur einen Knauf und keinen Türgriff hat. Jedoch kommt Matthäus auf diese Weise auch nicht mehr ohne Weiteres in sein Zimmer hinein. Karl und Cordula haben natürlich mitbekommen, dass Matthäus seine Zimmertür nicht geöffnet bekommt. Daher stehen die drei nun ratlos vor der Tür und wissen nicht, was jetzt zu tun ist. Vergeblich rüttelt Matthäus am Türknauf. Aber sein Ziel, die Tür zu öffnen, kann er auf diese Weise selbstverständlich nicht erreichen. Deshalb geht Matthäus zur Rezeption, um dort nach einem Zweitschlüssel zu fragen. Nur leider ist der Hostelbesitzer und Rezeptionist Jesper derzeit nicht hier. Er hat nämlich schon alle Hände voll zu tun mit der Vorbereitung der abendlichen Weihnachtsfeier.
Also marschiert Matthäus unverrichteter Dinge enttäuscht zurück zu seiner Zimmertür, wo Cordula und Karl auf ihn gewartet haben. Letzterer hat sich etwas heruntergebeugt und begutachtet, soweit er dazu in der Lage ist, fachmännisch das Türschloss. Aber mehr als angestrengt durch das große Schlüsselloch zu starren, kann Karl nicht leisten. Energisch schiebt Matthäus ihn zur Seite.
„Lass mich mal gucken!“, fordert er, stellt sich seinerseits gebückt vor die Tür und blickt durch das Schlüsselloch. Auf dem kleinen blauen Hocker liegt der Schlüssel. Aber wie soll er an diesen bloß wieder rankommen?
Da hat Matthäus einen eher wenig Erfolg versprechenden Einfall: Er nimmt seinen Regenschirm, den er unsinnigerweise mit zum Frühstück genommen hat und der oben eine lange, dünne Spitze aus Metall hat, zur Hand und stochert damit unbeholfen im Türschloss herum. Mit angestrengter und verbissener Miene manövriert er den Schirm hin und her und auf und ab, weil er glaubt, auf diese Weise das Schloss knacken zu können. Das sieht zum einen ziemlich dämlich aus, ist im Übrigen wenig zielführend und deshalb müssen Cordula und Karl nun laut loslachen. Dies passt Matthäus natürlich überhaupt nicht.
„Wollt ihr es mal versuchen?“, fragt er deshalb gereizt und hält den beiden seinen Regenschirm hin. Aber seine Kollegen schütteln nur mit dem Kopf. Cordula hat jedoch eine andere Idee:
„Wie wäre es, wenn wir jetzt erst einmal nach Roskilde fahren und das mit dem Zimmerschlüssel später regeln, wenn wir wieder hier sind? Dann ist bestimmt auch die Rezeption wieder besetzt“, empfiehlt Cordula, doch Matthäus weist diesen Vorschlag entschieden zurück:
„Das kommt überhaupt nicht infrage“, entgegnet er bestimmt. „Zum einen habe ich im Zimmer noch meinen schwarzen Wollmantel, den ich jetzt gerne anziehen möchte, und zum anderen muss ich mir dringend eine frische Hose anziehen. Ich habe eben beim Frühstück in etwas ziemlich Ekligem gesessen. Das sah aus, als wäre jemandem der Tee ausgelaufen. So kann ich unmöglich nach Roskilde fahren.“
„Du kannst Sachen von mir haben“, schlägt der freundliche Karl hilfsbereit vor. Matthäus schluckt. Von diesem Angebot möchte er unter keinen Umständen Gebrauch machen. Zwar haben er und Karl – trotz dessen hohen Nahrungsmittelkonsums – in etwa die gleiche Figur, aber in Karls ollen Sachen will er, Matthäus, unter keinen Umständen herumlaufen. Doch das kann er seinem Kollegen natürlich nicht offenbaren und deshalb braucht er nun schnell eine Ausrede. Glücklicherweise hat Matthäus sogleich eine gute Idee:
„Das geht leider auch nicht. Ich brauche nämlich noch mein dänisches Wörterbuch und das liegt ebenfalls bei mir im Zimmer. Wäre einer von euch ebenfalls auf die glorreiche Idee gekommen, ein Wörterbuch mit auf die Reise zu nehmen, sähe die Sache jetzt ganz anders aus. Dann könnte mein Wörterbuch getrost in meinem Zimmer verbleiben. Aber nein, daran habt ihr ja nicht gedacht. Also führt kein Weg daran vorbei, dass ich vor dem Ausflug noch in mein Zimmer gelange. Da es aber gewiss noch ewig dauern wird, bis hier jemand kommt und hilft, können wir heute leider doch nicht nach Roskilde fahren, sondern müssen hier in Kopenhagen bleiben. Anders geht es eben nicht“, erklärt Matthäus gebildet. Innerlich triumphiert er. Schließlich hatte er sowieso keine Lust, heute ins Wikingermuseum zu fahren, und auf diese Weise hat er sich geschickt aus der Affäre gezogen. Noch mehr würde er triumphieren, hätte er Cordulas Vorschlag, heute nach Roskilde zu fahren, bereits vor dem Frühstück antizipiert und wäre dann auch noch selbst auf die brillante Idee gekommen, nicht versehentlich, sondern in vollem Bewusstsein seinen Schlüssel absichtlich in seinem Zimmer zu vergessen. Das wäre absolut genial gewesen. Trotzdem freut er sich und meint, mit seinen Argumenten auch seine beiden Kollegen überzeugt haben zu müssen.
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