Der PC enthält auch einige private Dateien, jede Menge Urlaubsfotos, Fotos von Malte in jedem Alter, Familienbilder, die ich mir jetzt nicht ansehen mag. Ich finde auch die Einladungen zu Maltes Geburtstagen, die Katharina jedes Jahr liebevoll und kreativ entworfen hat. Ich muss lächeln und weinen zugleich als ich sie sehe. Es sind Unmengen von Informationen, aber ich weiß nicht, wonach ich suchen soll, und ich bin frustriert und erschlagen. Ich hoffe, dass Paula sich bald meldet und mir etwas darüber erzählen kann, warum zwei seltsame Kriminalbeamte bei Thomas auftauchen und trotz schwerwiegender Zweifel an einem Suizid kein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. Aber heute Nacht werde ich nicht mehr schlauer werden. Ich schnappe mir die Hunde, um eine kleine Mitternachtsrunde zu drehen. Der Wald ist um diese Zeit wunderbar einsam und lebendig zugleich. Ich setze mir meine LED-Stirnlampe auf, ziehe meine alten Wanderschuhe an und nehme die Hunde ausnahmsweise an die Leine, da viel Wild um diese Zeit unterwegs ist und meine Hunde – auch wenn sie meistens gut hören – doch immer noch Beutegreifer sind. Nachts ist der Wald ein verzauberter Ort. Auch tagsüber bin ich immer wieder beeindruckt von seiner Schönheit und Veränderlichkeit. Zu jeder Jahreszeit und je nach Beschaffenheit hat er seine eigene Stimmung, manchmal ist er selbstbewusst und kühl, dann wieder lieblich und einladend. Ich liebe die dunklen moosbegrünten Nadelwaldtiefen und die Blätterkathedralen der Buchen, die Lichtflecken auf dem Boden bei Sonnenschein, die aufsteigenden Dunstschwaden am Morgen und nach dem Regen. Ich liebe den Wald. Und manchmal bin ich so vermessen zu glauben, dass er mich auch liebt, weil er mich immer wieder glücklich macht. Aber nachts... nachts ist er der Hüter unserer Urgedanken, er lässt uns Raum und Zeit vergessen und schrumpft uns auf das Wesentliche zurück. Er katapultiert uns in die Zeit, als wir noch nicht die Krone der Schöpfung waren und macht uns klein und ehrfürchtig.
Ich kenne diesen Teil des Waldes wie meine Westentasche. Seit ich in der Mühle wohne, bin ich im Umkreis von 30 Kilometern fast jeden Waldweg zu Fuß gelaufen oder auf dem Pferderücken entlanggeritten. Das Wort Heimat kommt dem, was ich für das Mühlental empfinde, beängstigend nahe. Wenn man eine Landschaft so gut kennt, wird sie ein Teil von einem selbst. Jetzt ist der Wald still und geräuschvoll zugleich. Ich höre das Tapsen und Atmen der Hunde und meine eigenen, leise knirschenden Schritte. Irgendwo knacken Äste im Unterholz, ein entferntes Käuzchen ruft, Mäuse quietschen empört und rascheln davon. Die Luft ist kühl und aromatisch, angereichert mit Waldmeister und Harz. Ich spüre, wie die Anspannung der letzten Stunden von mir abfällt.
Dann schlagen die Hunde plötzlich an und reißen mir fast die Leine aus der Hand. Um ein Haar haut es mich um, ich kann mich gerade noch abfangen. Ich gebe einen scharfen Befehl, und beide hören auf zu bellen und zu zerren, lassen aber ein tiefes Grollen von sich hören und beben vor Erregung. Ich zische ein paar mal und lausche angestrengt in den Wald hinein. Es ist das erste Mal, dass die Hunde bei einem unserer Mitternachtsspaziergänge auf diese Art anschlagen. Irgendetwas ist da draußen, was da sonst nicht ist, und ich hoffe, ihm ist jetzt das Herz in die Hose gerutscht, genauso wie mir. Vielleicht ist es ein eingewanderter Luchs oder ein Wolf hat es inzwischen bis in den Naturpark Nassau geschafft. Was auch immer, es muss ein fremder Geruch sein. Die Hunde schnüffeln noch etwas aufgeregt in den Wald hinein, mein Herz schlägt Purzelbäume, aber ich atme tief ein und aus und die Erregung fließt langsam ab, meine Hände zittern noch eine Weile nach. Wir gehen weiter, die Hunde haben sich entspannt und der Spuk ist vorbei. Als wir wieder in der Mühle sind, mache ich mir keine weiteren Gedanken über den Vorfall, beginne meine Abendmeditation und gehe dann ins Bett. Kurz vor dem Einschlafen fällt mir Lukas Berg wieder ein und ich frage mich, ob er wirklich noch einmal vorbeikommen wird. Ich bin skeptisch und nehme mir vor, es auch zu bleiben.
Es ist neun Uhr morgens und ich sitze gerade auf dem Wallach Fred, als mein Handy klingelt. Es ist Paula.
"Hallo Linh, Paula hier. Hast du ein bisschen Zeit für mich?"
Ich weiß, dass wir in etwa einer halben Stunde in ein Funkloch reiten werden, darum lehne ich mich zurück und gebe Fred mit einem „Hoh!“ zu verstehen, dass er stehen bleiben soll, was er auch brav tut. Ich brenne vor Neugierde.
"Ich reite gerade durch den Wald, also habe ich Zeit."
"Es wird nicht lange dauern. Ich will nicht zu viel am Telefon sagen. Ich habe ein paar Informationen bekommen, aber interessanter sind die Informationen, die ich nicht bekommen habe. Ich will nur soviel sagen: Das ganze stinkt zum Himmel und ich rate dir, die Finger davon zu lassen."
Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Ich sehe Maltes Gesicht vor mir und denke an mein Versprechen.
"Das kann ich nicht."
Paula seufzt hörbar am anderen Ende der Leitung.
"Das habe ich befürchtet. Darum bekommst du morgen Post. Gute alte Briefpost aus Papier. Und wir sollten mal wieder einen Kaffee trinken gehen. Vielleicht Ende nächster Woche. Ich komme vorbei. Was hältst du davon?"
Ich bin erfreut, verängstigt und verwirrt zugleich. Aber ich bin offensichtlich nicht allein in dieser Sache.
"Das wäre schön", sage ich.
"Dann pass' auf dich auf und fall' nicht vom Pferd."
"Als ob! Und Paula: Vielen Dank!"
"Da gibt es nichts zu danken. Ehrlich gesagt wünschte ich, du hättest mich nie um diesen Gefallen gebeten. Aber es ist wie mit dem Laufen: Hat man es einmal gelernt, kann man es nicht mehr vergessen. Einbahnstraße."
Ich weiß, was Paula mit dieser Bemerkung sagen will. Sie kann das, was sie erfahren hat, nicht ignorieren, selbst wenn sie es wollte.
"Pass' auch auf dich auf. Sag einfach Bescheid, wann du hier sein willst. Ich hole dich in Singhofen ab. Und ich freue mich darauf, dich zu sehen."
"Ich freue mich auch auf dich. Tschüss Linh."
"Tschüss Paula."
Ich bringe Fred wieder zu Ginger auf die Knabenkrautwiese, die etwa fünfhundert Meter entfernt von der Mühle ist und so heißt, weil dort das seltene Knabenkraut im Frühjahr in Massen wächst. Der weitere Tag vergeht mit Routinearbeiten. Ich stelle Kuchen und Holunderschorle raus und es kommen sechs Wanderer und eine Familie auf Fahrrädern vorbei, die sich alle bedienen und glücklich sind. Lukas Berg ist nicht dabei, aber das habe ich auch nicht erwartet. Zwischendurch telefoniere ich mit Thomas und Malte, wir reden über alles Mögliche und versuchen, uns eine Pause von Katharinas Tod zu geben. Ich putze die Fenster, räume auf, füttere die Hühner und Hunde, schreibe an meinem Buch weiter und koche mir etwas Leckeres. Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, mir jeden Tag etwas Warmes und Gutes zu kochen. Als alleinstehende Frau – wie unpassend und blöd ich dieses Wort finde, aber ich weiß nicht, wie ich meinen Sozialstatus sonst beschreiben sollte – also, als alleinstehende Frau könnte ich dazu neigen, unachtsam mit mir selbst umzugehen. Das möchte ich aber nicht. Und ein Zeichen der Wertschätzung für mich selbst ist zum Beispiel ein leckeres Essen. Heute habe ich mir Zwiebelkuchen mit Dinkelteig gebacken, dazu gibt es einen frischen Salat und sogar ein Gläschen Weißwein. Das gönne ich mir sehr selten. Bier trinke ich ausschließlich mit Jonas. Manche Lebensmittel schmecken nur an ganz bestimmten Orten oder mit ganz bestimmten Menschen gut.
Nachdem ich gegessen und gespült habe, nehme ich mir noch einmal Katharinas PC und den Laptop vor. Ich vertiefe mich in die Bilder der Rabenvögel, die Katharina in unterschiedlichen Ländern aufgenommen hat. Alle sind beschriftet mit Gattungsnamen, Datum, Uhrzeit und Ort der Beobachtung.
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