"Der Kuchen ist toll", sagt er."Selbst gebacken?"
"Danke, und ja. Ich mag ihn auch." Es ist Rhabarbertarte, mein Lieblingskuchen.
Dann sage ich:
"Sie sind ein komischer Kerl."
Er untermauert meine Behauptung, indem er sich ungerührt zeigt und nur mit den Schultern zuckt.
"Ich weiß. Sie sind aber auch nicht gerade Durchschnitt, würde ich sagen. Leben abgeschieden in einer alten Mühle und servieren Wanderern Kuchen und Holunderschorle für lau. Haben Sie keine Angst hier so alleine?"
Diese Frage habe ich schon sehr oft gehört. Ich verzichte jedoch auf meine Standardantwort. Schließlich ist das hier keine Standardsituation. Ich sage, wie es ist.
"Ich habe Angst vor den Dingen, vor denen ich Angst haben sollte. Das sind nicht besonders viele. Und ich bin hier alles andere als alleine. Die Mühlen hier im Tal sind fast alle bewohnt und wir pflegen eine sehr gute Nachbarschaft. Aber zurück zu Ihnen. Was führt Sie in mein Tal?"
Jetzt mache ich mich schon zur Herrin des ganzen Tals. Ich muss aufpassen, nicht übermütig zu werden.
Er nimmt einen Schluck Holunderschorle und füllt sich noch ein Kuchenstück auf.
"Ich mache zwei Wochen Urlaub und fahre mit dem Mountainbike herum. Dieses Tal habe ich auf der Karte entdeckt und es hat mich neugierig gemacht."
"Wo kommen Sie denn her?"
Warum bist du plötzlich so neugierig, Linh?
"Aus Berlin."
"Und was verschlägt Sie ausgerechnet hier hin?"
"Ich wurde in Nassau geboren, bin aber als Kleinkind schon weggezogen. Ich wollte mir meinen Geburtsort einfach mal anschauen. Und es gibt hier fantastische Mountainbikestrecken. Aber jetzt bin ich wieder dran. Wie lange leben Sie schon in der Mühle?"
Oh, das ist ein Spiel. Na gut, dann spiele ich mit. Aber nach meinen Regeln.
"Seit drei Jahren."
"Und wo waren Sie vorher?"
"An verschiedenen Orten."
"Warum sehen Sie so asiatisch aus?"
Die meisten Menschen trauen sich nicht, so unverhohlen danach zu fragen. Aber mir ist das angenehmer als das Herumlavieren, das mir häufiger begegnet.
"Ich war mal blond und blauäugig. Das hier ist das Ergebnis einer Frühlingsrollenallergie."
Keine Ahnung, warum ich das jetzt sage und wo ich es hergeholt habe. Ich fühle mich offensichtlich zu wohl mit diesem Fremden.
Lukas Berg starrt mich zunächst an, gefühlte zehn Sekunden lang, dann beginnt er zu lachen, laut und haltlos. Und nach einer Weile kann ich nicht anders und stimme mit ein. Die Hunde kommen verunsichert herangetrabt und turnen schwanzwedelnd um uns herum. Es dauert eine Weile, bis wir uns beruhigt haben. Er muss sich die Nase schneuzen.
"Okay, ich habe schon verstanden. Es geht mich nichts an."
Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Meine Herkunft ist ja keine Schande, ich muss kein Geheimnis daraus machen.
"Ich wurde in Vietnam geboren. Als Baby haben mich meine Eltern adoptiert, so bin ich in Niedersachsen aufgewachsen."
"Okay. Eine typische Norddeutsche also", sagt er.
Jetzt grinse ich.
"Ja, unverkennbar."
"Wie lange haben Sie gebraucht, um die Mühle in diesen Zustand zu bringen?"
Das ist ein gutes Thema. Ich erzähle gern von meiner Mühle.
"Oh, sie ist immer noch nicht ganz fertig. Ich bastele jetzt eigentlich seit drei Jahren daran herum, aber die Pflicht ist erledigt, was jetzt noch kommt ist nur noch Kür."
"Sie haben Sie selbst renoviert?"
Er ist zu früh beeindruckt.
"Nein, vieles habe ich von Profis machen lassen, das Dach, die Böden, die neue Treppe, die Fenster. Ich habe lediglich zugearbeitet, hier und da verputzt, gestrichen und die Außenanlage gestaltet."
"Das kleine Wirtschaftsgebäude dort vorne ist auch ausgebaut?" Er deutet auf das Gästehaus am Bachlauf, in dem früher das Mahlwerk und das Mühlrad untergebracht waren. Im Zuge der Renovierung habe ich dort ein Getriebe einbauen lassen, über das ich sogar Strom erzeugen kann.
"Ja, das dient als Gästehaus."
"Sie nehmen Gäste auf?"
"Nur Freunde und Familie."
Er widmet sich jetzt eine Weile schweigend ganz dem Rhabarberkuchen. Als er fertig gegessen hat, lässt er seinen Blick noch einmal über den Garten schweifen.
"So einen großen Garten hätte ich auch immer gern gehabt. Aber ich hatte nie wirklich die Zeit dazu."
"Und, hätten Sie sie jetzt?"
Er lächelt etwas traurig.
"Ich weiß nicht, ob ich jetzt noch die Ruhe dafür habe. Aber es war nett, dass ich ein bisschen mit Ihnen in der Erde wühlen durfte."
"Gern geschehen."
Ich stehe auf und stelle die benutzten Teller zusammen. Ich habe heute einiges zu erledigen. Die Pferde müssen auf eine andere Weide gebracht, die Hühner müssen gefüttert und an meinem Buch muss weiter geschrieben werden. Meine Tage verlaufen in der Regel nach einem Zeitplan, den ich zwar nicht sklavisch befolge, an den ich mich jedoch zu halten versuche und der zu einem erheblichen Teil durch die Bedürfnisse meiner Tiere bestimmt wird. Das ist für mich gut. Es gibt mir Ruhe und vereinfacht die Disziplin, die man benötigt wenn man allein lebt, das heißt, nicht in einer menschlichen Wohngemeinschaft, denn allein bin ich nicht.
Lukas Berg versteht das Signal und steht auch auf, holt 10 Euro aus der kleinen Tasche hinten in seiner Radlerhose und legt sie auf den Tisch.
"Das kostet nichts", sage ich. "Aber wenn Sie sich wohler damit fühlen: Das Geld geht als Spende ans Nassauer Tierheim."
Er erwidert nichts, nickt nur kurz.
Dann schaut er mich an und irgendetwas passiert in meinem Magen. Vielleicht vertrage ich den Rhabarberkuchen nicht mehr so gut.
"Darf ich wiederkommen?", fragt er.
Ich atme tief ein und wieder aus.
"Wann?"
Als ob ich viele Termine hätte.
"Kann ich noch nicht genau sagen. Vielleicht übermorgen?"
"Naja, das Tal wir nicht abgesperrt. Sie können jederzeit wieder hier durchfahren."
Er lächelt nachsichtig.
"Darf ich Sie wieder besuchen?"
"Kuchen gibt es nur am Wochenende. Aber wenn ich hier bin, bekommen Sie gerne etwas zu trinken."
Er nickt wieder, setzt seinen Helm auf und geht zu seinem Mountainbike. Wie ein Welpe folge ich ihm. Ich bin keine Fahrradexpertin, aber sein Fahrrad sieht teuer aus.
Dann schwingt er seine langen Beine über die Mittelstange, befestigt den Helmgurt und zwinkert mir zu. Er zwinkert mir zu!
"Dann sehen wir uns demnächst!"
Fünf Sekunden später höre ich nur noch das Surren der Fahrradkette und sehe seinen breiten Rücken zwischen den Bäumen verschwinden. Ich bleibe noch eine Weile ratlos auf dem Waldweg stehen. Sherlock und Zita sind zu mir gekommen und schauen ebenfalls dem entschwindenden Radfahrer nach.
"Was war das denn gerade?", frage ich sie und bekomme zur Antwort nur zwei schiefe Hundeblicke.
Ich möchte Katharina anrufen und ihr von dieser seltsamen Begegnung erzählen, aber dann fällt es mir wieder ein. Sie ist tot. Ermordet. Lukas Berg hat mich das für eine kurze Zeit vergessen lassen.
Es ist kurz nach Mitternacht und ich komme nicht weiter. Seit drei Stunden sitze ich an Katharinas PC und durchforste die Dateien. Dabei komme ich mir vor wie ein Voyeur. Die meisten Dateien beinhalten Artikel zu Katharinas Forschungsarbeiten, Korrespondenz mit zoologischen Instituten und Naturschutzverbänden sowie dem Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, für den Katharina beratend tätig war. Ich lasse meinen Laptop, an den das externe Laufwerk angeschlossen ist, und Katharinas Laptop gleichzeitig laufen und vergleiche akribisch Datei für Datei, um zu überprüfen, ob irgendwelche Dateien gelöscht wurden. Bisher konnte ich das nicht feststellen. Auf dem Laptop befinden sich fast ausschließlich Präsentationen für Vorträge und Bildmaterial. Unzählige Bilder von Rabenvögeln, aber auch von anderen Tieren, Wölfen, Fröschen, Füchsen, Mardern...
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