In der Theorie war dies Emma schon bewusst. Leider hatte sie es in der Vergangenheit nicht geschafft, sich an diese banale Regel zu halten. Natürlich wollte sie sich erkämpfen lassen, doch genau das ging ihr gewohnheitsgemäß zu langsam vonstatten. Letztlich endeten ihre frischen Beziehungen schnell damit, dass sie in einer Art Nacktschneckenmanier dem gelangweilten Kerl hinterherrutschte und kaum etwas anderes erntete als seine Schuhsohle, die sich auf ihren verletzlichen Leib presste.
Sie mochte schon gar nicht mehr darüber nachdenken, wie es ihr erginge, falls es diesmal wieder so enden würde. Tatsache war, dass es das nicht musste, solange sie sich nur beherrschte, nicht sofort in die Tastatur des Telefons zu hauen.
Emma schlug hämmernd mit dem Bleistift auf die Schreibtischplatte, sah letztlich auf den zweckentfremdeten Holzstängel und patschte mit der anderen Hand darauf. Ruhe kehrte ein und mit dieser drängte sich ein seltsames Rauschen in den Ohren in den Vordergrund.
Es war wie verhext, denn als sie weiter auf seinen Namen in der Kontaktliste schaute, konnte sie aus dem Augenwinkel heraus ihren Zeigefinger dabei beobachten, wie er kreuz und quer auf den Tasten ihres Telefons herumfuhrwerkte und letztlich, ohne Emmas willentliches Dazutun, löste dieser auch schon den Sendeknopf aus. Nur einen Moment später bereits, stahl sich gespiegelt die geschriebene Kurznachricht auf ihre schreckensgeweiteten Pupillen: »Hallo. Hier nun also meine Nummer. Gruß von Emma«
Sie schlug sich die flache Hand gegen die Stirn, verließ eilig das Programm, schaltete das Display aus und legte das Gerät vor sich auf dem Schreibtisch ab.
Minutenlang tat sich nichts, selbst wenn sie fast schon mit hypnotischem Blick den dunklen Bildschirm betrachtete und diesen in Gedanken beschwor, endlich aufzuleuchten.
Emma saß nur da, klemmte weiterhin die inzwischen blutleeren Hände auf dem Sitz unter den Po, wippte dazu nervös mit den Füßen und wartete ungeduldig auf das ersehnte Lebenszeichen.
***
Nach diesem mehr als bescheidenen Tag freute sich Isabelle darauf, endlich ihre neuen hochhackigen Pumps ausführen zu können, selbst wenn der Winter sich noch eisern am April festklammerte.
Emma wartete bereits am Eingang vor dem Taverna auf sie, als Isabelle in ihren dicken Wintermantel gehüllt, die schlanken, inzwischen tiefgefrorenen Beine stöckelnd die schneebedeckten Stufen hinaufjagte, darauf bedacht, nicht mit den glatten Sohlen auszurutschen und auf dem Po zu landen.
Sie lachte winkend, als sie die zierliche Gestalt mit der roten Strickmütze auf dem Kopf erkannte.
Emma hüpfte auf und ab und ihr braunes, schulterlanges Haar, das seitlich aus der Mütze hing, peitschte ihr dabei ins Gesicht.
Arm in Arm betraten sie die Bar, gingen zielstrebig an der Theke vorüber und nahmen an einem Zweiertisch Platz, abseits vom Gedrängel im vorderen Bereich. Es roch verlockend nach frischgebackenen Baguettes, nach Käse und gebratenem Schinken und auch wenn Isabelles Geruchs- und Geschmacksnerven ein bisschen verkorkst waren, raubte ihr dieser intensive Duft fast die Beherrschung. Sie schüttelte unmerklich den Kopf, redete gedanklich vehement auf sich ein, sich weiter an die knallharten Vorgaben der Proteindiät halten zu müssen und diese nicht mit diesem Teufelszeug zu versauen. Es gab kein Schwächeln, wo sie sich doch vorgenommen hatte, bald wieder in das 34-ger schwarze Knappe zu passen, das mit dem Rückenausschnitt bis zur Taille, einfach umwerfend sexy aussah.
Hier saßen sie nun also, fernab von all den Frauen, die in ihren Miniröcken und bauchfreien Tops oder in hautengen Jeans umher flanierten und sichtlich dabei froren. Jene, die mit auf toupiertem Haar und knallrot geschminkten Lippen die Männer an der Theke in Augenschein nahmen.
Die Kerle dagegen lutschten nichtsahnend allein oder auch zu zweit jeweils an einem Bierglas und wussten nicht, dass sie von beziehungshungrigen Damen bis auf die Nieren durchleuchtet wurden.
Einige Minuten später bereits hatten Emma und Isabelle ihre Getränke bestellt. Ganz bewusst sahen sie nicht zum Nachbartisch, auf dem zwei prallgefüllte Teller mit herrlich duftenden Nudelgerichten bereitstanden. Natürlich nicht für sie. Vielmehr für die beiden üppigen Frauen, die sich enthusiastisch darüber hermachten, kaum dass die Speisen vor ihnen abgestellt worden waren.
»Hast du Jezna und Leni angerufen?« Emma fuhr mit der Fingerspitze am Rand ihres Glases entlang und griff beherzt nach dem Holzstäbchen darin, auf dem zwei Cocktailkirschen aufgespießt lagen.
Isabelle nickte derweil zur Antwort.
»Hascht du schie denn auch erreicht?« Genüsslich kaute Emma auf den süßen Früchten.
»Ja, Leni hat mir geschrieben, dass sie heute länger an einem Exposé arbeiten muss und Jezna ist krank. Magen-Darm-Grippe hat sie gemeint«, gab Isabelle zurück. Sie lenkte den Blick vom leeren Cocktailkirschenstäbchen ihrer Freundin auf das Eigene im Glas, und spielte damit, in dem sie es wie einen Kartoffelstampfer auf und ab bewegte, bevor sie ebenfalls eine der Früchte genüsslich mit den Schneidezähnen herunterzuziehen versuchte. Sie tat dies völlig ohne Reue, schließlich war an den Kirschen kein Gramm Fett.
Eine davon stürzte ab und landete platschend auf ihrem Schoß. Grimmig griff Isabelle mit den Fingerspitzen danach und stopfte sie sich kurzerhand in den Mund.
»Dieser Paul …«, Emma stockte kurz und sah ihrer Freundin direkt in die Augen. »Naja, er hat mich heute nach meiner Telefonnummer gefragt.« Blöd vor sich hin grinsend lenkte sie den Blick zurück auf den halbleergetrunkene Cocktail und überlegte, wie sie fortfahren konnte.
»Moment, dieser Kunde von dir? Ja und?« Isabelle legte die Handflächen auf die Tischplatte und lehnte sich nach vorn, als könnte sie sonst etwas verpassen.
»Ich habe ihm meine Nummer nicht sofort gegeben. Er gab mir aber seine.«
»Gut gemacht, Süße.« Zufrieden lächelte Isabelle, stutzte jedoch, als ihr Emma mit dem Blick auswich: »Hm!«
»Was bedeutet das jetzt, dieses Hm?« Die Freundin zog die Augenbrauen hoch.
»Ich konnte es mir nicht lange verkneifen, ihm zu schreiben, darum hab ich ihm dann doch irgendwie meine Nummer gegeben und ganz schnell kam seine Antwort. «
»Ach, irgendwie hast du ihm etwas geschrieben?« Verschmitzt musste Isabelle grinsen.
»Warte kurz …« Emma kramte ihr Mobiltelefon hervor, drückte mit dem Daumen einige Tasten und hielt das Display direkt vor die Augen der Freundin, die nun leise die bedeutungsvollen Worte las. Tonlos bewegte sie dazu die Lippen und lächelte. »Voll süß! Hast ihm darauf auch schon geantwortet?«
»Nein, noch nicht. Damit lass ich mir Zeit. Er soll nicht meinen, dass ich auf seine Anrufe und Nachrichten warte.«
»Na hör mal, wenn er so heiß darauf ist, deine sexy Stimme zu hören, wie er schreibt, dann darfst du schon nochmals reagieren und ihn vielleicht sogar anrufen.«
Eine junge Frau mit vollbeladenem Tablett trat an den Tisch, musterte kurz die Gläser und ging freundlich lächelnd weiter.
Isabelle sah ihr hinterher, betrachtete die langen, schlanken Beine, die sich unter der knöchellangen Schürze deutlich abzeichneten, und stöhnte leidend. Sie zwang sich den Blick abschweifen zu lassen, fuhr an den Gästen entlang, die sich an der Theke eingefunden hatten bis ganz nach vorn, wo gerade die Eingangstür aufgeschoben wurde. Ohne den Kopf abzuwenden, schoss ihre Hand über den Tisch, stieß mit ihr den Ständer der Speisen- und Getränkekarte um und schlug dann beherzt auf den Unterarm ihrer Freundin. In einer nickenden Bewegung wies sie mit Kinn auf drei Männer, die soeben das Lokal betraten.
»Hey, die kenne ich …«, Emma lehnte sich weiter vor, » … ja klar, kenne ich die. Naja, zumindest zwei davon. Beide sind Polizisten, Kollegen von meinem Exmann.«
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