Es schien etwas kleiner zu sein, als er es vermutet hatte. Sein Gesicht trug fast strenge Züge, die von einem entbehrungsreichen Leben zu zeugen schienen. Ihm fehlte jegliche unschuldige Reinheit, wie man es von einem so zarten Wesen erwarten würde. Auf seinem Kopf wuchs bereits dichtes, ebenschwarzes Haar und die grünen Augen blitzten hellwach. So hatte Alexander sich ein Baby nicht vorgestellt - aber was wusste ein Zwölfjähriger schon von solchen Dingen!
Lilu blickte das Baby an und sagte mit sanfter Stimme: »Piep, piep, wen haben wir da? Wir werden dich in Sicherheit bringen. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Alexander hat die bösen Vögel verjagt.«
»Schätze, ich habe sie bestanden«, sagte Alexander zuversichtlich. »Das war doch die zweite Prüfung, oder? War leichter, als ich dachte. Ein Schlag und zack bum – das war’s. Ich bin mal gespannt, was noch auf mich wartet.« Dann hielt er inne. »Äh, Lilu, warte mal kurz. Ich bin gleich wieder da.«
Einen Moment später kam er mit seinen Turnschuhen in den Händen zurück.
»Ah, deine Schuhe«, bemerkte Lilu.
»Der Storch hatte sie. Er hatte sogar einen an.«
»Das heißt, du hast Meister Adebar voll erwischt.«
»Ja.«
»Und was ist mit Mutter Storch?«
»Die ist abgehauen, aber sie hat viele Kügelchen gefressen …«
Endlich ließen die drei den Wald hinter sich und vor ihnen breitete sich eine grüne, hügelige Landschaft aus. In der Ferne konnten sie bereits die schemenhaften Umrisse der Berge erkennen und ihnen wurde bewusst, dass ihre Reise gerade erst begonnen hatte.
Kniehohe Heidekräuter mit weißen und lilafarbenen Blüten bewuchsen den sandigen Boden und kleine, kugelrunde Büsche raschelten leise im Wind. Diese Gegend schien freundlicher und die Wanderer gewannen neuen Mut. Nachdem sie eine Weile gegangen waren und einen der größeren Hügel passiert hatten, lag ein sanft abfallendes Tal mit beackerten Feldern vor ihnen, dessen Grenzen von einer Mauer aus kindskopfgroßen Feldsteinen umrahmt waren. Der Tag begann zu dämmern als sie das Feld erreichten.
»Wir sollten diesem Feld folgen. So werden wir zu den Bauern gelangen«, schlug Lilu vor und kletterte über die Steinmauer.
Alexander folgte ihr und fragte: »Warum machen die Leute so etwas?«
»Was denn?«
»Na, so eine unsinnige Mauer bauen. Ich meine, da kann doch jedes Kind rüber klettern.«
»Stimmt, aber es ging hierbei nicht um die Mauer, sondern um die Steine«, erklärte Lilu, doch Alexander verstand nicht. »Wie, die Steine?«
»Die Steine lagen früher im Boden und immer, wenn der Bauer mit dem Pflug gegen einen Stein krachte, grub er diesen aus und legte ihn an den Rand des Feldes, damit er nicht noch mal gegen diesen Stein stößt«, erklärte sie. »So wurden es mehr und mehr und wahrscheinlich hat irgendeiner die Steine aufeinander gestapelt, und zack, entstand die erste Mauer.«
Alexanders Blick fuhr die Steinmauer entlang und er schlussfolgerte: »Schätze, das war wohl nicht die beste Idee, gerade hier ein Feld anzulegen.«
Das Getreide stand hoch und so mussten sie ihren Weg durch das Feld bahnen. Da der Junge ein deutliches Stück größer war und Lilu immer noch das Baby trug, schritt er voraus und ebnete den Weg. Plötzlich stand er vor einer riesigen Gestalt und erschrak. Augenblicklich erhob er seinen Knüppel, um den Fremden abzuwehren, doch Lilu rief: »Halt ein! Das ist doch nur eine Vogelscheuche.« Er spürte den Schrecken noch in seinen Gliedern und fragte: »Eine Vogelscheuche? Bist du dir sicher? So eine gruselige Vogelscheuche habe ich ja noch nie gesehen. Wer denkt sich denn so etwas aus?«
Fest und fleischig hing diese Figur an ihrem Pfahl. Nirgends war Stroh zu erkennen und es schien so, als sollte sie nicht nur die gefräßigen Vögel fernhalten, denn sie sah aus wie ein gekreuzigter Mann, der der Verwesung nahe ist. Alexander beschlich ein ungutes Gefühl und in dem Moment, als sie an der Vogelscheuche vorüber gingen, lief ihm ein kalter Schauer den Rücken herunter. Er hätte schwören können, dass sie sie mit lauerndem Blick aus ihren dunklen, leeren Augenhöhlen verfolgt hatte.
Am Ende des Feldes trafen sie auf einen schmalen Sandweg, der tiefe Huf- und Wagenspuren erkennen ließ.
»Rechts oder links?«, fragte Alexander. Lilu besah sich die Spuren und entschied: »Wir müssen da lang«, und zeigte nach rechts. Wenig später erreichten sie einen verwitterten Holzzaun. Eine schmale Pforte gewährte ihnen Einlass auf einen Hof. Als Lilu die quietschende Pforte öffnete, setze ein lautes, tiefes Bellen ein. Alexander zuckte zusammen, denn dem Ton nach musste es ein großer Hund sein, dem ihr Kommen nicht verborgen geblieben war. Ängstlich fragte er: »Bist du sicher, dass die Leute freundlich sind?« Wo er doch vor Hunden schon immer Angst gehabt hatte.
»Es sind einfache Leute. Sie werden uns willkommen heißen. Doch überlasse mir die Ansprache – das Landvolk ist misstrauisch.« Das hätte sie gar nicht zu erwähnen brauchen. Alexander hätte sowieso nicht gewusst, wie er Fremden ihr Erscheinen hätte erklären sollen.
Vor dem Haus saß die Bäuerin auf einem Schemel und rupfte einem Huhn die Federn, das scheinbar vor nicht allzu langer Zeit noch über den Hof gehuscht war. Den vielen anderen Hühnern schien das Schicksal des Verwandten einerlei. Die Frau war klein und kräftig, nicht mehr die Jüngste und ihre rötlichen Wangen zeugten vom Landleben. Sie trug eine grobe Schürze über ihrem braunen Kleid und ein Kopftuch bedeckte ihr ergrautes Haar. Nachdem die Bäuerin die Fremden erblickt hatte, erhob sie sich und rief: »Na, wen haben wir denn da?« Ihre Stimme klang verhalten aber freundlich.
Einige Schritte hinter ihr stand der Bauer, der deutlich weniger erfreut zu sein schien. In der Rechten hielt er die Kette, an der ein riesiger, schwarzer Hofhund zerrte und mit der Linken umklammerte er den schweren Stiel seiner Forke, immer bereit, unangemeldete Besucher vom Hof zu jagen. Der Mann war nicht wesentlich größer als sein Weib, doch von sehr kräftiger Statur und annähernd halslos.
Lilu ging unverdrossen näher, deutete eine Verbeugung an und sagte freundlich: »Seid gegrüßt. Drei müde Wanderer bitten um Eure Gastfreundschaft, liebe Bauern.« Die Frau hielt das gerupfte Huhn in beiden Händen und bewegte sich vorsichtig auf sie zu.
»Wo ist der Dritte? Er soll sich zeigen, oder habt Ihr etwas zu verbergen?«, hörte man den Bauern rufen. Seine Stimme klang weniger freundlich als energisch und entschlossen. Die Frau blieb wenige Schritte vor den Besuchern stehen und Lilu schob das Tuch ein wenig zur Seite, sodass die Bäuerin das schlafende Baby erblickten konnte.
Ein Moment des Schweigens verging, in dem sie sich die Frage zu stellen schien, wie das ungleiche Paar wohl zu einem Baby gekommen sei. Lilu schaute ihr in die Augen und erklärte mit ruhiger Stimme: »Wir haben es einem Storchenpaar entrissen. Im Wald nicht weit von hier.« Die Bäuerin schien erleichtert, drehte sich zu ihrem Gatten und rief: »Es ist ein Baby, Ewald.« Der Bauer schien dem Urteil seiner Gattin zu trauen. Er kam ebenfalls näher und brummte nun etwas freundlicher: »Entschuldigt unser Misstrauen, man kann in diesen Zeiten nicht vorsichtig genug sein. In letzter Zeit treibt sich eine Menge Gesindel in unserer Gegend herum.«
So standen sich die Bauern und die Reisenden gegenüber und keiner getraute sich etwas zu sagen. Scheinbar wollte Lilu den Bauern die Zeit lassen, über den unerwarteten Besuch sinnen zu können. Endlich ergriff die Frau das Wort: »Kommt herein und seid unsere Gäste. Das Essen ist bald fertig. Ihr müsst hungrig sein. Es gibt Gebratenes und frisches Gemüse.«
Das Bauernhaus war mit Reet gedeckt, das Dach reichte nahe an den Boden heran und aus dem Schornstein stieg Rauch in Wolken empor. Die Fenster waren klein gehalten, hatten Sprossen und hölzerne Fensterläden. Unterhalb der Fenster waren Wacholder- und Dornenzweige angebracht, wie man es in ländlichen Gegenden häufig sah. Manche behaupteten, es wäre eine einfache, aber wirkungsvolle Methode, um Tiere auszusperren, die durch die offenen Fernster stiegen und nach Fressbarem suchten. Andere waren der Meinung, dies sei eine List, um die bösen Geister fernzuhalten.
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