Lilu hatte Tee, der beruhigte oder der aufmunterte. Sie hatte Tee, der Schmerzen linderte und welchen, der gut schmeckte. Manche Kräuter und Pflanzen trug sie in ihrem Bündel bei sich und andere Zutaten suchte sie im Wald: Kamille, Minze, Lavendel oder Melisse und andere Kräuter, die Alexander nicht kannte.
»Was ist das für ein Tee?«, fragte Alexander, nachdem er einen Schluck probiert und einen leichten Lakritzgeschmack erkannt hatte.
»Das ist Kamillentee mit einem geheimen Zusatz«, antwortete Lilu rätselhaft.
Misstrauisch fragte er: »Und was ist das für ein Zusatz?«
»Wenn ich dir das sagen würde, wäre er ja nicht mehr geheim.« Doch eigentlich wollte er das mit den Zutaten auch gar nicht so genau wissen; bestimmt waren da Sachen drin wie Spinnenbeine, Froschlaich oder Salamanderaugen – auf jeden Fall etwas Ekliges. Alexander trank trotzdem. Dann bereitete er das Nachtlager vor, indem er etwas Laub zusammenschob. »Schau, ich mache uns ein Nest, wir werden es weich und gemütlich haben. Wenn mein Bauch nur nicht so wehtun würde!«
»Das ist beunruhigend.«
»Finde ich auch.« Alexander rieb sich über den dicken, geschwollenen Bauch. »Wann wird das wieder weg gehen?«
Lilu ergriff eine Handvoll Blätter und entgegnete: »Nicht dein Bauch. Schau dir die Blätter an. Sie sind vertrocknet und vom Baum gefallen.«
»Na und? Blätter fallen nun mal von Bäumen.«
»Ja, jedoch nicht im Sommer«, antwortete sie, ohne weiter darauf einzugehen. »Wenn ich mich nicht täusche - und ich täusche mich nie«, fuhr sie fort und schloss ihre Augen, »werden wir bald den dichten Wald hinter uns lassen und die Sonne wieder auf unserer Haut spüren dürfen.«
Und Lilu sollte Recht behalten. Am nächsten Morgen ging es Alexander bereits etwas besser. Das Unterholz wich nach und nach einem übersichtlichen, lichten Wald. Die Bäume standen nicht mehr so dicht bei einander, Farn und Dornengestrüpp wuchsen niedriger und wurzelten nur noch in kleinen Gruppen, nahe der Bäume.
Ein erfrischender Luftzug strich durch das rauschende Blätterdach. Obwohl die Bäume nun höher zu sein schienen, stellten sie sich ihnen nicht mehr in den Weg, sodass sie müheloser vorankamen. Verschiedenste Vögel sangen ihre Lieder oder jagten über ihren Köpfen ihrer Beute nach. Der Pfad wich einem Weg, der auch ohne Schuhsohlen gut zu meistern war und es war eine Wohltat, die wärmenden Strahlen der Sommersonne auf der Haut zu spüren.
Stattliche schwarze Eichhörnchen hockten auf Ästen und beobachteten die Wanderer aus sicherer Entfernung, doch als diese näher kamen, fingen sie an zu bellen wie junge Hunde. Die Tierchen huschten nun aufgeregt von Ast zu Ast und plötzlich segelten einige davon. »Lilu, hast du das gesehen?«, staunte Alexander. »Diese Eichhörnchen können ja fliegen.«
»Sie gleiten«, erklärte Lilu beiläufig. »Dipis können nicht fliegen. Sie gleiten nur sehr geschickt von Baum zu Baum.«
Nach einem langen, aber durchaus entspannten Marsch war es abermals Zeit, eine Pause einzulegen. Alexanders Bauchschmerzen waren deutlich gelindert und ihm entwichen nur noch von Zeit zu Zeit übel riechende Gase.
»Eine kleine Stärkung, mein Lieber?«
»Hast du noch welche von den Pilzen? Die haben echt lecker gerochen.«
»Ich werde mich um Brennholz bemühen und du …«
Alexander unterbrach sie und nickte. »Ja, ich weiß. Ich warte hier.«
»Du sagst es.«
Und dieses Mal tat Alexander, wie ihm gesagt wurde. Lilu kehrte mit einem Arm trockenen Brennholzes zurück, und so schmorten sie die Pilze. Hätte er früher gewusst, wie gut Pilze schmecken können – er hätte sicher schon eher welche probiert.
Lilu spürte, dass ihrem Freund etwas auf der Seele lag. »Alexander, ich habe das Gefühl, dich bedrückt etwas …«
Er schaute sie einen Moment an, verdrehte die Augen und es schien fast so, als ob er die vergangenen Tage in seinem Inneren noch einmal durchlebte. Dann schüttelte er die Gedanken fort und sagte: »Du meinst, abgesehen von Drachen, Riesenkäfern und fleischfressenden Pflanzen?«
»Ja, ungeachtet dessen.«
»Eigentlich habe ich tausend Fragen.«
Sie schaute ihn an. »Dann fang doch am besten mit der ersten an. Was möchtest du wissen?«
»Äh, zum Beispiel …«, Alexander überlegte, »Gibt es denn hier nur bösartige Wesen, die nichts Besseres im Sinn haben als Turnschuhe zu klauen oder Menschen zu fressen?«
»Nein, natürlich nicht. Wo denkst du hin? Es gibt den Brötchenmeister, die Heberlinge und noch viele andere wundervolle Geschöpfe. Im Süden des Waldes wachsen Honigbäume von denen der goldene Saft nur so heruntertropft. Und es gibt hier viele bunte Regenbogen. Wenn sie besonders kräftig sind, kann man von ihnen herunterrutschen und du sollst wissen: Am Ende eines jeden Regenbogens wartet eine Schatztruhe voller Gold und Edelsteine. Man braucht sie nur auszugraben.«
Verunsichert sah Alexander sie an. »Ehrlich?«
Lilu lächelte und antwortete: »Nein, nicht wirklich. Aber es wäre doch schön, oder?«
Nun war es für Alexander endgültig an der Zeit, beleidigt zu sein. Schließlich hatte er diese Frage durchaus ernst gemeint und erwartete eine ebenso ernsthafte Antwort. Es mag an seiner hilflosen Grimasse mit den fragend auf und ab tänzelnden Augenbrauen gelegen haben, jedenfalls überkam Lilu ein herzhaftes Lachen, das durchaus ansteckend war. So konnte Alexander gar nicht anders als lauthals mitzulachen.
Doch wenige Augenblicke später verstummte sein Lachen zu einem milden, fast verlegenen Lächeln. Seine Stimme wurde ernster. »Ich weiß nicht wie ich es sagen soll aber ich habe so gar keine Erinnerung an meine Vergangenheit. Alles, was ich weiß ist, dass ich mich hier nicht wohl fühle. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich auf die Lichtung gekommen bin und was ich vorher gemacht habe. Ist das nicht eigenartig?«
Lilu rieb sich die Tränen aus den Augenwinkeln. »Ja, schon ein wenig.« Sie räusperte sich und gab sich nun alle Mühe, respektvoll zu erscheinen. »Ich glaube immer noch, dass du verschleppt wurdest und aus irgendeinem Grunde dein Gedächtnis verloren hast.«
»Passiert das hier öfter? Ich meine, werden öfter Leute verschleppt und in Wäldern ausgesetzt?«
»Nun ja – es ist nicht gerade an der Tagesordnung, aber in diesem Wald treiben sich eine Menge seltsamer Geschöpfe herum. Da könnte es durchaus möglich sein …«
»Mit anderen Worten: Du hast also auch keine Ahnung, wie ich dort hingekommen bin?«
»Leider nicht.«
»Manchmal erinnere ich mich an Dinge, für die ich keine Erklärung habe. Und dann denke ich, dass ich mir das vielleicht auch nur einbilde.«
»Irgendwie unheimlich, was?«, nickte Lilu.
»Ja, seltsam. Auf jeden Fall muss ich herausfinden, wo ich herkomme und wo ich hin will«, entschied Alexander entschlossen.
»Wo du hin willst, wissen wir ja schon«, lächelte Lilu zufrieden und zeigte mit ihrem Finger in eine unbestimmte Himmelsrichtung. »Zum Drachenberg.«
»Drachenberg … wer will da schon hin? Und außerdem kann das doch nicht der Sinn meines Lebens sein.«
»Wer weiß, vielleicht schon. Es könnte doch sein, dass es dein vorbestimmtes Schicksal ist, und seinem Schicksal kann man nicht entfliehen, soviel ist gewiss.«
»Ich kann mir einiges vorstellen aber das ist das dämlichste Schicksal, das man haben kann.« Er schüttelte vehement den Kopf. »Nein, das kann nicht meine Bestimmung sein. Nie und nimmer. Ich bin erst zwölf.«
»Alexander, du wirst sehen, eines Tages wirst du dich erinnern können und dann wird alles einen Sinn ergeben. Wir sind nicht zufällig auf der Welt, weißt du? Jeder von uns hat seine Aufgaben und das ihm vorbestimmte Schicksal zu erfüllen.«
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