DIE GUTEN EIGENSCHAFTEN DES GEHEIMEN MANTRA
Wir können die Natur, die Funktionen und die guten Eigenschaften des Geheimen Mantra verstehen, indem wir die verschiedenen Namen betrachten, die Buddha ihm gegeben hat: Geheimes Fahrzeug, Mantrafahrzeug, Auswirkungsfahrzeug, Vajrafahrzeug, Methodenfahrzeug und Tantrafahrzeug. Diese werden jetzt erklärt.
Je Tsongkhapa
GEHEIMES FAHRZEUG
Da Tantra die wirkliche Essenz der Lehren Buddhas ist, gleicht es einem seltenen und kostbaren Schatz. Im Allgemeinen verbergen Menschen ihren kostbarsten Besitz und zeigen ihn nur ihren engsten Verwandten und Freunden. Besäßen wir zum Beispiel einen Diamanten von unschätzbarem Wert, wäre es sehr unklug, ihn für jedermann sichtbar in ein Regal zu stellen, denn das würde nur Diebe anlocken. In gleicher Weise ist es unklug, denjenigen tantrische Lehren zu enthüllen, die keine Ermächtigungen oder kein tiefes Vertrauen in Buddhadharma haben, denn das würde viele Hindernisse hervorrufen. Deshalb sollten wir Tantra diskret praktizieren.
Das Geheime Mantra gibt es nur im Buddhismus. Obwohl es gewisse nichtbuddhistische Lehren gibt, die vordergründig dem Geheimen Mantra ähneln, sind sie in Wirklichkeit ganz anders. Außerdem ist das Geheime Mantra ausschließlich eine Mahayana Praxis und kann nur von Mahayana Praktizierenden geübt werden, die großes Vertrauen, Verdienste und Weisheit haben. Obwohl das Geheime Mantra außerordentlich kostbar und tiefgründig ist, ist es nicht für diejenigen geeignet, die diese Eigenschaften nicht haben. Vajradhara verglich das Geheime Mantra mit der Milch eines Schneelöwen. Wird diese Milch in einem goldenen Gefäß aufbewahrt, bleibt sie süß und stärkend. Wird sie aber in einem Gefäß aus einer minderwertigen Substanz aufbewahrt, wird die Milch sofort sauer. In gleicher Weise wird jemand mit geringem Vertrauen, der die tantrischen Lehren studiert und sich bemüht sie in die Praxis umzusetzen, ohne sich auf einen qualifizierten Vajrameister zu verlassen, wahrscheinlich Missverständnisse entwickeln, die zu seinem oder ihrem Schaden sind.
MANTRAFAHRZEUG
«Mantra» bedeutet «Schutz des Geistes». Durch die Kraft der Praxis des Geheimen Mantra wird unser Geist vor gewöhnlichen Erscheinungen und gewöhnlichen Vorstellungen geschützt. Dem Tantra zufolge sind gewöhnliche Erscheinungen und gewöhnliche Vorstellungen die Wurzel von Samsara und die Grundlage allen Leidens. Gewöhnliche Erscheinung ist jede Erscheinung eines unreinen Geistes und gewöhnliche Vorstellung ist jeder Geist, der sich aufgrund gewöhnlicher Erscheinung etwas vorstellt. Da Phänomene uns als gewöhnlich erscheinen und wir sie uns als gewöhnlich vorstellen, erschaffen wir verunreinigtes Karma und wandern weiterhin in Samsara. Gewöhnliche Vorstellungen sind Behinderungen zur Befreiung und gewöhnliche Erscheinungen sind Behinderungen zur Allwissenheit.
Klammern wir uns daran, eine gewöhnliche Person zu sein und denken: «Ich bin Peter», «Ich bin Sarah» und so weiter, dann entwickeln wir gewöhnliche Vorstellungen. Da wir uns an eine gewöhnliche Identität klammern, fürchten wir uns, wenn uns jemand angreift oder bekommen Angst, wenn wir kein Geld mehr haben. Würden wir jedoch gewöhnliche Vorstellungen überwinden, indem wir den göttlichen Stolz entwickeln, Heruka oder Vajrayogini zu sein, anstatt uns an eine gewöhnliche Identität zu klammern, hätten wir weder Furcht noch Angst oder irgendeinen anderen negativen Geisteszustand. Wie kann jemand Heruka schaden? Wie kann Vajrayogini kein Geld mehr haben?
Warum entwickeln wir den gewöhnlichen Gedanken, Peter oder Sarah zu sein und so weiter? Gewöhnliche Vorstellungen hängen von gewöhnlichen Erscheinungen ab. Wir sehen uns selbst aufgrund der gewöhnlichen Anhäufungen, die unserem Geist erscheinen, als gewöhnlich. Weil uns ein grober, unreiner Körper und grobe, unreine Geisteszustände erscheinen, entwickeln wir den Gedanken «Ich» und stellen uns vor, ein gewöhnliches Wesen zu sein. Handeln wir unter dem Einfluss dieser gewöhnlichen Vorstellungen, erschaffen wir verunreinigtes Karma und säen dadurch wieder die Samen für die Erscheinung eines gewöhnlichen Körpers, Geistes und einer gewöhnlichen Welt in der Zukunft. Stimmen wir diesen gewöhnlichen Erscheinungen zu und beziehen uns in einer gewöhnlichen Weise auf uns selbst und unsere Welt, werden wir diesen Kreislauf gewöhnlicher Erfahrung schlichtweg ewig fortsetzen. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, müssen wir gewöhnliche Erscheinungen überwinden, indem wir uns als eine Gottheit visualisieren, und gewöhnliche Vorstellungen überwinden, indem wir den göttlichen Stolz erzeugen, die Gottheit zu sein. Die meisten tantrischen Pfade sind Methoden, um gewöhnliche Erscheinungen und Vorstellungen zu überwinden.
Gewöhnliche Vorstellungen sind nicht notwendigerweise Verblendungen, weil sie nicht notwendigerweise falsche Gewahrseinsarten sind, doch sie sind Behinderungen zur Befreiung. Für tantrische Praktizierende sind deshalb nicht Verblendungen die Hauptobjekte, die aufgegeben werden müssen, sondern gewöhnliche Erscheinungen und gewöhnliche Vorstellungen, denn tantrische Praxis funktioniert nicht, wenn sich diese stark manifestieren. Qualifizierte tantrische Praktizierende fürchten sich nicht vor Verblendungen. Tatsächlich erlaubt Buddha in einigen Tantras tantrischen Praktizierenden begehrende Anhaftung zu entwickeln und in anderen Tantras erlaubt er ihnen Wut und Neid zu entwickeln. Allerdings wird darüber diskutiert, ob Buddha auch erlaubt Unwissenheit zu entwickeln. Einige Gelehrte sind der Meinung, dass er dies nicht tut, weil es niemals irgendeinen Nutzen haben kann, Unwissenheit zu entwickeln. Sie vertreten die Auffassung, dass zwar Anhaftung genutzt werden kann, um Glückseligkeit zu erzeugen und dass Wut in die Kraft umgewandelt werden kann, anderen zu helfen, dass aber Unwissenheit niemals zu etwas Gutem führen kann. Andere Gelehrte wenden ein, dass Buddha, indem er erlaubt Wut und Anhaftung zu entwickeln, indirekt auch die Entwicklung von Unwissenheit erlaubt, die die Wurzel aller Verblendungen ist. Es sollte jedoch beachtet werden, dass tantrische Praktizierende Verblendungen zwar nicht als ihre Hauptobjekte betrachten, die aufgegeben werden müssen, dennoch aber die Absicht haben, diese schließlich aufzugeben. Tatsächlich verringern oder überwinden Praktizierende ihre Verblendungen automatisch, wenn sie gewöhnliche Erscheinungen und gewöhnliche Vorstellungen verringern oder aufgeben.
AUSWIRKUNGSFAHRZEUG
Hier bezieht sich «Auswirkung» auf die vier endgültigen Auswirkungen der spirituellen Praxis: die reine Umgebung eines Buddha, den reinen Körper eines Buddha, die reinen Vergnügen eines Buddha und die reinen Taten eines Buddha. Sie werden auch «die vier vollkommenen Reinheiten» genannt. Das Geheime Mantra wird das «Auswirkungsfahrzeug» genannt, weil Praktizierende diese vier vollkommenen Reinheiten in den spirituellen Pfad bringen. Üben wir zum Beispiel das Vajrayogini Tantra, dann bringen wir die reine Umgebung eines Buddha in den spirituellen Pfad, indem wir unsere Umgebung als Vajrayoginis Mandala visualisieren. Wir bringen den reinen Körper eines Buddha in den Pfad, indem wir unseren Körper als Vajrayoginis Körper visualisieren. Wir bringen die reinen Vergnügen eines Buddha in den Pfad, indem wir uns vorstellen, dass unsere Nahrung, Getränke und so weiter Nektar sind, den wir uns selbst als Vajrayogini darbringen. Wir bringen die reinen Taten eines Buddha in den Pfad, indem wir Lebewesen helfen, während wir den göttlichen Stolz bewahren, Vajrayogini zu sein. Diese Übungen sind die schnelle Methode, die vier vollkommenen Reinheiten zu erlangen.
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