Ich öffne meinen Mund, so als wolle ich etwas sagen. Doch schließlich lächle ich nur. Sie lächelt zurück. Es ist das Einzige, was mir in diesen Tagen noch Kraft gibt. Es ist beinahe etwas, an das ich mich in meinen letzten Stunden klammern kann. Nichts Materielles, bloß ein Lächeln.
Ihr Gesicht sieht so erwachsen aus. Ich bin erleichtert und froh zugleich, dass es so ist. Ich weiß, dass ich mit dem Gefühl gehen möchte, dass es ihr gut geht. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich an ihrer Stelle gehandelt hätte. Ist es nicht vielleicht sogar furchtbarer einen Menschen, den man liebt, leiden zu sehen, als selbst der Leidende zu sein? Unsere Schmerzen unterscheiden sich grundlegend. Die Krankheit ist meine Pein und sie plagt das Leid des Verlustes.
Sie beginnt zu erzählen. Eigentlich erzählt sie mir nichts, was von Bedeutung wäre. Es sind bloß alltägliche Dinge und doch bringen mir genau diese ein kleines bisschen Normalität zurück.
Ihre Stimme ist so unglaublich vertraut. In den Momenten meines Endes sind es so häufig Gedanken, die mich plagen. Gedanken und Erkenntnisse. Sie und mich verbindet eine gemeinsame Geschichte, die doch so unterschiedlich begann. Mein Lächeln wird wie von selbst breiter. Es erscheint plötzlich so absurd, denn auch sie stammt aus einem kleinen Dorf, das zu den Ländereien meines Vaters gehört. Sie gehört dem Stand an, den ich verspotte, den ich verspottet habe. Sie war immer die Ausnahme gewesen. Dafür hatte es keinen Grund gegeben. Sie war schon immer da. Seit meiner Kindheit, seitdem ich das erste Mal einen klaren Gedanken fassen konnte war sie da und wird es auch sein – bis zum Ende.
Vielleicht hätte ich etwas Dankbarer für diese Freundschaft sein sollen. Da sind sie wieder, die Zweifel, die niederschmetternden Einsichten meiner Gedanken. Wie selbstverständlich ist es, dass sie hier bei mir sitzt, während mich alle anderen schon verlassen haben?
Ich fühle Trauer. Trauer darüber, dass ich nicht sehen werde, wie sie vollständig erwachsen wird. Wir haben uns immer vorgestellt, wie unsere Zukunft aussehen wird. Eine Zukunft, die so nicht mehr existieren wird. Wir haben uns ausgemalt, wie unsere Hochzeiten aussehen könnten. Sie hat immer so glücklich ausgesehen, wenn wir davon gesprochen haben und ich wünsche ihr von ganzem Herzen, dass sie diesen Freudentag wirklich eines Tages erleben darf, mit einem Mann, der ihrer würdig ist. Es ist herzzerreißend, dass ich nicht dabei sein werde. In diesem Augenblick wünsche ich mir, dass ich ein paar Worte hätte sagen können. Ich hätte den Hochzeitsgästen von ihr erzählt, von dem Menschen, der mein Leben prägte, wie kaum ein anderer. Doch unsere gemeinsame Geschichte nimmt ihr Ende. Ich friere leicht. Die Traurigkeit breitet sich mit jedem Augenblick weiter in meinem Körper aus, verbündet sich mit meiner Krankheit. Doch ich halte meine Tränen zurück. Wenn sie stark sein kann, wenn sie mit allen Mitteln versucht, mich noch immer zum Lachen zu bringen, dann kann auch ich stark sein. Meine Gedanken sind vielfältig und verwirrend gewesen in den letzten Tagen. Sie haben mir die Augen geöffnet und mich zurückblicken lassen. Doch der Gedanke daran, dass jeder Augenblick mit meiner besten Freundin der letzte sein kann, versetzt meinem Herzen einen schmerhaften Stich. Dieser Schmerz ist anders als der, den mir die Pest täglich bereit und doch ist er genauso grausam. Ich bin traurig und doch gleichzeitig so unfassbar glücklich, dass ich sie all die Jahre an meiner Seite wissen durfte.
Mit ihr sind so viele Erinnerungen verbunden. So viel Schönes, was wir seit unserer Kindheit gemeinsam erleben durften. Sie erzählt von den Sommertagen vergangener Jahre, in denen wir im Fluss gebadet haben. Als wir jünger waren gab es den Tod nicht. In meinen Gedanken klingt es verrückt, geradezu absurd, aber die Worte aus ihrem Mund sind so hoffnungsvoll, dass ich wünschte sie wären wahr. Der Tod war unser Freund. Er war ein Freund, den wir nicht zu fürchten brauchten. In unseren Köpfen war die Wahrheit ein Traum und der Tod eine Brücke. In unseren Köpfen bettete er uns wie die Eltern ihre Kinder und wartete darauf, dass sie endlich schliefen, um diese Welt zu verlassen. Das war der Moment, in dem wir bereit waren für ein neues Abenteuer. Der Tod als unser Freund hätte uns an die Hand genommen und uns in eine andere Welt begleitet. Vielleicht wäre diese Welt das gewesen, was uns die Pfarrer immer aus der Bibel vorgelesen hatten. Es war ein ewiger Schlaf, ein Ende auf Erden und doch ein Neuanfang des Wiedererwachens.
Ich bin mir dessen bewusst, dass es Fantasien in den kindischen Köpfen unserer vergangenen Tage waren und doch beruhigt es mich auf eine seltsame Art und Weise, diese Geschichte wieder aus ihrem Mund zu hören. Das ist ihre Absicht. Sie nimmt mir die Angst vor dem Unbekannten, indem sie das Bekannte eines neuen Abenteurers darzustellen versucht. Sie ist die Einzige, die mich nicht verlassen hat. Die Menschen lernen das zu meiden, was sie als Gefahr betrachten und die schmerzhaften Beulen an meinem Körper sind ihr Signal zur Flucht. Doch sie, die an meiner Seite sitzt, hat nie daran gedacht, mich im Stich zu lassen. Sie ist genau dann da, wenn ich sie brauche und begleitet mich in meinen letzten Stunden. Ich wünsche mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als sie auf diese Reise mitnehmen zu können und doch hasse ich mich gleichzeitig für diese Gedanken. Ich werde allein gehen müssen, denn das Einzige, was ich mir für sie wünschen sollte, ist zu leben.
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