So schritten sie still dahin. Wie Wächter ragten die schwarzen Äste und Gipfel toter Bäume aus der Nebeldecke empor. Alles war wie ein Traum - ein magisch schöner Traum, kein Monster nirgendwo, kein Alb. Also packten die Nebel weder Manfred noch die Rabin auf seiner Schulter. Also behielt er seine Führerin bei sich und ging mit ihr auf dem schmalen Pfad aus Licht durchs stille Moor, zu dem die Wiesen längst geworden waren.
„Schläfst du? Wach auf! Was siehst du?“, spricht irgendwer mit tiefer, donnernder Stimme tief in mir?
Ich schrecke auf. Schaue mich um.
Vor mir ragt ein gewaltiger Felsen aus den Nebeln auf, moosbewachsen, immer wieder zur Regenzeit von Bächen überströmt.
Nun gut - aber der redet ja!
„Fremder, du denkst, die Drachen wären vergangen, vor Zeiten gegangen, von Schwertern und Heiligen Lanzen der Ritter zerschlagen. Doch da irrst du gewaltig. Lausche meinen Worten und staune, wenn du denn hören kannst und willst!“
Also schließe ich meine Augen und lausche dem Sprechenden Fels:
„Einst zog ein Magier aus, der einen Menschenkörper trug, die Drachen zu suchen. Nach langer Zeit fand er sie endlich im Tal der Tausend Nebel.
‘Sei gegrüßt, Bruder!’, sprachen die Drachen in ihm.
‘Seid gegrüßt!’, antwortete er ihnen und wunderte sich nicht darüber, dass sie ihn ‘Bruder’ genannt hatten.
Sie führten ihn in das Zentrum des Steinernen Kreises. Dort sahen sie ihn mit ihren feurigen Augen an.
So schlief er ein und begann zu träumen, sah sich im All schweben und die dunkle Seite eines fernen Planeten betreten. Dort war es, wo ihn das Licht des roten Sonn so überraschend traf - denn die dunkle Seite blieb nicht finster, denn der Planet hatte begonnen, sich schneller zu drehen. Erstaunt sah er empor und schloss die Augen nicht, erhob sich von der Erde zu dem Lied, dem magischen Ton, den der Planet nun sang, hob seine Hände empor und sah sie staunend an. Denn seine Hände waren weder weiß noch gelb noch schwarz, sie waren nicht mehr nackt und doch ohne Fell und ohne Federn, sie waren von leuchtend grünen Schuppen bedeckt. Jetzt wusste er, dass er schon immer ein Drache gewesen war.“
Ich schrecke auf wie aus einem Traum und öffne meine Augen und - finde mich noch immer im Nebelland . Meine Hände sind Menschenhände: weiße, nackte Haut, wenig behaart. Keine Kleidung hüllt mich ein. Denn es ist warm geworden. Kein Sprechender Felsen - nirgendwo. Doch auch die Rabin auf meiner Schulter, die mir ihren wahren Namen nicht verraten wollte, hat mich unbemerkt verlassen. So bin ich wieder allein.
Welch seltsame Dinge ich doch träumte!? Ist alles wahr? War es, ist es oder wird es sein? Vielleicht aber bin ich gar nicht hier, sondern schlafe irgendwo in weiter Ferne, träume dort mehr, als manch einer sich erträumen mag, träume dort meinen Traum vom Nebelland , in dem ich träume zu erwachen und mir diese Fragen jetzt und hier zu stellen?
Traumfetzen hüllen mich noch immer ein, während ich mir verschlafen die Augen reibe. Bilder und Fragen, denke ich, Nebel hier und Nebel da, drei waren wir.
Drei.
Ich bin einer von denen, die sich einst trafen in einem anderem Nebeltal, irgendwo und irgendwann.
Drei in dunkle Mäntel gehüllte Gestalten sind wir - denn es ist klirrend kalt an diesem Morgen. Längst haben wir unsere Schwerter gezogen, erhoben. Dort oben berührten sich klirrend unsere Klingen. Dieses Klirren aber klingt und singt und hallt noch immer fort.
Ich sehe die anderen dicht vor mir und kann doch ihre Gesichter nicht erkennen. Denn dort, wo Augen, Nase und Mund sein sollten, ist nur Schwärze.
Dreimal Gevatter Tod wäre zweimal zu viel.
Sind wir alle drei Männer? Sind Frauen dabei? Ob die anderen überhaupt Menschen sind?
Erdenmutter bebt. Aufgehender Sonn, dessen erste Strahlen für einen Augenblick bis zur Erdoberfläche reichen und die Klingen zu rotem Feuer werden lässt.
Dann umhüllen uns wieder nur Nebel.
Stumm stehen wir unbewegt den ganzen Tag, den Abend und die Nacht.
Um Mitternacht geschieht es, schlägt der Blitz ein, wirft Feuer in die Dreiheit/Einheit unserer Schwerter.
Sie brennen in weißem Licht.
Weiter frisst sich die Glut - z e i t l u p e n h a f t - von der Spitze zur Basis der Klinge, zum Griff, zur Hand, zum Arm, zum Rumpf.
Drei glühende Fackeln in der Nacht sehe ich nun.
Und eine davon war ich?
Erinnere ich mich?
Ja.
Wenig später trennten wir uns.
So geschah es irgendwo und irgendwann. Doch dies ist alles längst vergangen, auch wenn es bis in alle Ewigkeit weiterwirkt, ganz wie der Flügelschlag eines Schmetterlings auf Erden einen Sturm zur Folge haben kann.
Vielleicht werde ich eines Tages mehr sehen und - verstehen.
„Kroar kroar (Nebel, Nebel)!“, ruft eine Rabin irgendwo aus der Ferne.
Aha, das war der Weckruf, denke ich, ein Zeichen, Zeit für den Aufbruch.
Also stehe ich auf und gehe weiter, taste mich durch die kühlen Nebelschleier, die sich verwandeln, sobald sie mich berühren: Wasser und Kälte gehen und mit ihnen Menschenhaut und Menschenhaar. So entkleiden sie mich Nackten weiter. Und sind sie nur ein Hauch, so wirken sie doch wie Säurerauch: hüllen mich ein, legen mich frei.
Nein, ich schreie nicht. Keine Schmerzen. Jetzt erst verstehe ich, weiß ich, was vor mir liegt - wer dort liegt. Es sind die Drachen! Es gibt sie wirklich. Dort warten sie auf mich seit „Ewigkeiten“. Sie warten und wachen. Sie werden erwachen und mir die eine Frage stellen. Wer sie weiß, darf weiterleben. Wer nicht ... Aber das weiß ja jedes Kind, das Märchen hörte, las oder sah. Also auch ich, der ich einst in einer anderen Welt mit Namen Stadt geboren wurde, aufwuchs, den alten Geschichten lauschte und schließlich selbst Märchen, Mythen und Legenden las.
Überall kann mein Pfad erlöschen, jederzeit kann alles zu Ende sein. Noch aber leuchtet er, strahlt mein Geist, der sich nun immer mehr leert. Stille wächst, Gedankenströme hören auf zu fließen.
Schau: Manfred schreitet, nein, jetzt schwebt er ja wieder im Lotossitz, folgt so einem schmalen Pfad aus Licht durch ein Land, das dir fremd scheinen mag und es doch nicht ist, weder Menschen, Tieren, noch Pflanzen.
Denn alle Körper hier unten sind aus ihrem Stoff gewoben, alle Welten, die er bisher durchwanderte: Stadt , Wald und Nebelland sind Teil der einen großen Welt, unserer aller Mutter ERDE.
Keine Gedanken. Leere.
Aus dem Zentrum seiner Stirn bricht ein weißes Licht, leuchtet Manfred den Weg, der die Augen längst bis auf einen Spalt geschlossen hat.
Jenseits des Leuchtenden Pfades wallen die Nebel wie schon seit Urzeiten. Stille ist allüberall. Nirgendwo ist das Quaken eines Frosches oder Vogelgesang, also auch keine Rabenrufe.
Ist dies die Ruhe vor dem Sturm?
Warten wir also gespannt auf die Dinge, die da kommen. Oder aber auf Godot? Doch wer oder was war denn das noch mal? Also warten wir auf das Erscheinen der Herren des Nebellandes - wenn es sie denn gibt. Bei all der Düsterheit und dem Nebel könnten es Zombies sein. Oder Dracula, der Vampir, Nosferatu gar. Ja, wenn dies eine von Menschen erdachte Welt - Traum, Erzählung, Theater, Buch, Film - wäre. Aber so ist es ja nicht.
Wenn da aber Drachen leben, wie Manfred meint, sind nicht auch sie nur Wesen aus Menschenträumen, nicht mehr als Märchengestalten? Warum sollten echte Drachen Menschenschätze rauben und bewachen? Weshalb sollten sie zu welchem Zweck auch immer Menschenprinzessinnen entführen? Oder wer hörte je davon, dass Menschenmänner Krokodilfrauen raubten, weil sie sie begehrten? Drachen könnten ganz anders sein, als Menschen meinen. Gab es sie denn einst einmal irgendwo? Haben die alten Geschichten einen wahren Kern? Was ist Wahrheit, Fantasie, was Lüge?
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