„Ich möchte meine geologischen Arbeiten intensiv weiterbetreiben“, meldete sich Gloria. „Grundsätzlich freue ich mich darüber, meine Forschungsarbeiten weiter ausdehnen zu können, denn etwas mehr Zeit kann ich gut gebrauchen.“
„Aha, schau an“, meldete sich Phillip leicht spöttelnd, „zuerst weinend sich im Bett verkriechen und dann froh sein, mehr Zeit zu bekommen.“
„Halt, Moment“, widersprach Gloria heftig. „Ich habe von etwas mehr Zeit gesprochen. Das sollte nicht heißen, dass ich ein ganzes Jahr mehr Zeit gutheißen würde.“ Phillip grinste.
Ron schaute auf Luke: „Ich denke, dass du ebenso deine Forschungsarbeiten intensiver vorantreiben kannst.“
„Es stehen noch spannende Experimente aus, in der Fotosynthese und auf dem Gebiet der Enzymreaktionen bei Zellen“, erklärte Luke. „Diese Arbeiten kann ich in Ruhe fortsetzen. Die nächsten Monate bin ich ausgelastet.“
„Und Phillip? Wie sieht es bei dir aus?“ „Tja, solange wir hier sind, seid ihr alle auf mich angewiesen. Bekanntlich bin ich zuständig für die Sauerstoff- und Stromerzeugung und zusätzlich für die Wassergewinnung durch gefrorenes Eis.
Im Rahmen der Vakuum-Pyrolyse muss ständig die Zufuhr von Regolith - also Mondstaub - überwacht werden, damit die Sauerstoffgewinnung nicht unterbrochen wird. Unser kleines Photovoltaik-Kraftwerk für die Stromgewinnung ist zwar fast wartungsfrei, aber nur fast. Es bedarf einer ständigen Überprüfung. Und dann wäre da noch zusätzlich die acht Kilometer weit entfernte Anlage zur Wassergewinnung aus den Olivin-Kristallen. Diese Anlage muss in kurzen Abständen überprüft werden. Außerdem ist ständig für den Nachschub des Rohmaterials zu sorgen. Einmal wöchentlich muss ein Tank mit dem gewonnenen Wasser mit unserem Mondfahrzeug herangeschafft werden. Eigentlich brauche ich euch das alles gar nicht zu erzählen. Ihr seid mit den Abläufen alle bestens vertraut. Passt also auf mich auf und pflegt mich gut. Ich bin eure Lebensversicherung.“
„Oh, Phillip, wir verneigen uns vor dir. Du bist unser Gott des Mondes“, lästerte Luke.
„Eine Verneigung ist das Mindeste, was ich von euch erwarte“, konterte Phillip augenzwinkernd.
Alle drei schauten auf Ron. „Warum starrt ihr mich jetzt so an? Ich habe alle Hände voll zu tun, um auf euch aufzupassen, bin zuständig für die Koordination mit denen da drüben“ - mit der ausgestreckten Hand zeigte er in Richtung Erde - „und habe den gesamten Verwaltungskram zu erledigen.“ „Ja, Papa“, konterte Gloria ironisch mit leicht geneigtem Kopf und einem wirkungsvollen Lächeln auf ihren Lippen.
Ron beendete die Besprechung.
„Ich möchte in einer Stunde mit der MC2 in die Sektion 7 fahren, Ron.“
„In Ordnung, Gloria. Brauchst du Begleitung?“
„Nein, danke. Die letzte Sprengung hat mir einige Aufgaben hinterlassen in skurrilen Gesteinsschichten. Es warten spannende Untersuchungen auf mich.“
„Viel Glück bei deinen Arbeiten. Gib mir Bescheid, bevor du startest, damit ich die Startzeit eintragen kann.“
„Okay.“
Nach einer Stunde rief Gloria Ron an: „Ich fahre jetzt los.“
„In Ordnung. Alle Systeme deines Anzugs habe ich bereits über meinen Rechner gecheckt. Pass auf dich auf.“
Bailong Wu, der Kommandant der chinesischen Mond-Crew betrachtete nachdenklich den vor ihm liegenden groben, etwa murmelgroßen Goldklumpen. Vorsichtig setzte sich Bailong auf einen Klappstuhl. Eine weitere bedeutende Etappe ihrer Mission war erreicht.
Die chinesische Führung hatte sehr viel gewagt, hohe finanzielle Aufwendungen in Anspruch genommen, wissenschaftliches und technisches Wissen auf Jahre hinaus für die Raumfahrt gebunden und umgesetzt, um die inzwischen heiß begehrten Edelmetallvorkommen auf dem Mond fördern zu können.
Der finanzielle Status Chinas erlebte seit Anfang der 30er Jahre des 21. Jahrhunderts ein Desaster. Kontinuierlich bewegte sich die Konjunktur nach unten. Mehr und mehr internationale Unternehmen gaben es auf, in die chinesische Wirtschaft zu investieren. Viele ausländische Konzerne in China hatten ihre Managements zurückgezogen und die Firmen vorübergehend stillgelegt.
China brauchte dringend frisches Geld von den weltweiten Finanzmärkten. Dieses Geld wurde den Chinesen seit einiger Zeit verweigert. Die Spirale nach unten drehte sich unaufhörlich und bedrohlich weiter.
Das Milliardenvolk der Chinesen verhielt sich zunehmend unruhig. Lange konnte der Zustand nicht mehr gehalten werden. In einigen Provinzen hatten die Regierungstruppen Mühe, das Volk von Aufständen abzuhalten. Es musste schnell etwas geschehen.
Mit erhöhter Aufmerksamkeit verfolgten die Chinesen seit einigen Jahren die Pläne der Amerikaner, Edelmetallvorkommen auf dem Mond abzubauen, um diese anschließend zur Erde zu transportieren. Eine äußerst geniale Idee, um die eigene Währung zu stärken und zu festigen. Dieser Import möglichst großer Mengen von Gold, Silber und Platin bot die Möglichkeit die chinesische Wirtschaft vor dem Ruin retten.
Die Regierung beorderte anerkannte, chinesische Wirtschaftswissenschaftler in die Hauptstadt. Ihre Aufgaben umfassten Wirtschaftlichkeitsberechnungen, die sie in geheimen Gremien ausarbeiteten. Von den USA veröffentlichte Schätzungen mit Angaben von Edelmetallvorkommen, die vorausichtlich auf dem Mond schlummerten, wurden hinzugezogen.
Nach monatelangen Diskussionen, Berechnungen und Auswertungen legten die Wirtschaftswissenschaftler der Regierung einen umfangreichen Bericht vor - mit einem vielversprechenden Ergebnis. Es blieb nur die eine entscheidende Frage offen: Wie kommen wir an die Edelmetalle auf dem Mond?
Die Regierung bildete weitere Gremien mit hochrangigen Geheimdienstleuten, Politologen, Ingenieuren und Wissenschaftlern. Zielsetzung: Ausarbeitung eines Plans zur schnellstmöglichen Beschaffung der Edelmetallreserven vom Mond zur Erde, ohne Rücksichtnahme auf nationale oder internationale Interessen.
Das Ergebnis erwies sich im höchsten Maße als spektakulär, verwegen, abenteuerlich, ja tolldreist und äußerst gewagt. Der chinesischen Regierung blieben nur wenige Alternativen. Den erarbeiteten Plan erfolgreich in die Tat umzusetzen, bedeutete zumindest eine Linderung des finanziellen Debakels. Der Bericht forderte eine seit dem Bau der Chinesischen Mauer noch nie da gewesene, gewaltige, monetäre, technische und wissenschaftliche Herausforderung.
Eine Kooperation mit den Amerikanern konnte auf keinen Fall erwartet werden. Sie hüteten das Geheimnis der Goldfunde und des Goldabbaus auf dem Mond wie Coca-Cola seine Rezeptur.
So wurde im Jahre 2021 beschlossen, eine Mondfähre zu entwickeln, die in fünfzehn Jahren drei chinesische Raumfahrer auf den Mond befördern und wieder zurückbringen sollte. Der Mondaufenthalt der chinesischen Taikonauten sollte parallel zum bereits fest geplanten Aufenthalt der Amerikaner erfolgen.
Ziel dieses riesigen und streng geheimen Projekts sollte es sein, den amerikanischen Astronauten auf dem Mond die Edelmetall-Fundstellen, die geeigneten Abbaumethoden und zukünftige Abbauvorhaben zu entlocken. Außerdem sollte auf der Basis der erworbenen Erkenntnisse möglichst viel Gold und möglicherweise sogar andere Edelmetalle abgebaut und zur Erde transportiert werden.
Die chinesischen Experten sahen sich einer exorbitanten Aufgabe gegenübergestellt. Viele Wissenschaftler erklärten das Vorhaben als absurd, grotesk oder gar lächerlich. Daher stellten die Behörden sie vor die Wahl, das Projekt mit voller Kraft zu unterstützen oder ihre Karriere als beendet anzusehen.
Um die Geheimhaltung aufrechtzuerhalten, deklarierte man Teile des Projekts unter anderen Namen und falschen Voraussetzungen. So erklärten die Auftraggeber den Zuliefererfirmen und den Arbeitern, es würde der Prototyp eines neuartigen Flugzeugs gebaut und getestet.
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