Die Angst hielt die junge Frau fest umklammert und es verging noch eine Viertelstunde, ehe sie wagte, sich zu erheben.
Steifbeinig und mit feuchten Hosen kroch Susanna aus der mulmigen Grube. Ihr Rücken und die Schultern waren steif und schmerzten. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie sehr sie sich verkrampft hatte. Gottlob war er verschwunden, sodass sie sich bewegen und Arme und Beine strecken konnte. Vorerst hielt sie sich lieber noch hinter dem Baum versteckt, während sie sich das Ungeziefer und den Schmutz von der Kleidung sammelte. Die Hose war nass und dreckig. Sie hätte ihr Regencape oder wenigstens die Decke unter sich legen können. Aber dafür war ja gar keine Zeit gewesen. Wenn sie daran dachte, dass sie seelenruhig seine Brieftasche durchsucht hatte, während er schon beim Abstieg war, standen ihr jetzt noch die Nackenhaare zu Berge.
Da fiel ihr ein, dass sie jetzt ihren Rucksack und die restlichen Vorräte holen könnte. Oder würde er noch einmal wiederkommen? Was wäre, wenn er herausfände, dass sie noch lebte, was täte er dann? Er hätte sicherlich Angst, dass sie ihn anzeigte. Aber würde man ihr glauben? Ihr - die schon wegen Depressionen beim Nervenarzt gewesen war? Wohl kaum.
Rolf dagegen konnte sehr überzeugend auftreten, dem glaubte man alles. Er würde einfach alles abstreiten und behaupten, sie würde spinnen. Alle würden ihm glauben, sogar ihre Eltern.
Sie könnte auch so tun, als ahnte sie nichts von seinen Mordabsichten und einfach in ihr altes Leben zurückkehren. Würde er einen weiteren Mordanschlag aushecken?
Würde, würde, würde. Es war doch alles Quatsch, was sie sich hier ausdachte, denn nie und nimmer, niemals könnte sie ihm jemals wieder unbefangen und ohne Angst und Wut gegenübertreten - niemals!
„Es wird Zeit, dass du dich auf dich selbst besinnst, du blöde Kuh!“, dachte sie laut, Rolfs Beschimpfung noch im Ohr. „Ich bin wirklich eine blöde Kuh, schlafe noch mit ihm, während er schon meinen Tod plant. Ich heule rum wegen so einem Schwein! Soll er doch merken, dass ich noch lebe, soll er doch was unternehmen, wenn er mich nicht findet!“
Das musste sie in Ruhe überdenken. Er würde sie sicherlich irgendwann als vermisst melden. Man würde sie suchen, aber nicht finden. Ob er dann unter Mordverdacht käme?
Susanna kramte in ihrem Gedächtnis, ob in einem ihrer unzähligen Krimis, die sie so liebte und stapelweise aus der Bibliothek heimschleppte, so ein Fall schon vorgekommen war. Sie konnte sich nicht erinnern. Aber nun war ihr Geist hellwach, denn sie hatte einen Plan. Er sollte unter Verdacht geraten und verurteilt werden für einen Mord, den er geplant, aber nicht vollendet hatte. Wegen dem er nicht in Verdacht geraten würde, wenn er gelungen wäre und ihre Leiche gefunden würde, denn dann könnte es ja Selbstmord gewesen sein. Doch eine Leiche verschwindet nicht von alleine. Es sollte so aussehen, als habe er sie getötet und verscharrt.
In grimmiger Entschlossenheit kehrte Susanna zum Auto zurück. Sie hatte erwartet, dass sowohl die Jacke als auch der Schraubenschlüssel verschwunden waren, doch zu ihrer Verwunderung lag der Schraubenschlüssel noch da. Rolf hatte sich damit begnügt, ihn am feuchten Gras abzuwischen. Es waren nun weder Blut noch blondes Haar daran zu sehen.
Aber das - Susanna lächelte - konnte sie leicht ändern!
Rolf fluchte.
Wo war sie? Sie hätte als blutiger Klumpen im Auto liegen müssen, höchstens noch daneben! Aber nirgends war eine Spur von ihr! Hatte sie vielleicht ein Raubtier weggeschleppt? Gab es hier so große Raubtiere? Könnte sie noch am Leben sein und irgendwo umherirren? Die Schlucht war schließlich nicht so tief, ein Überleben theoretisch möglich.
Er hätte sie lieber eine von diesen steilen, schroffen Felswänden hinunterstürzen lassen, wo der Wagen hundert Meter im freien Fall zurückgelegt hätte, ehe er unten in einem Feuerball explodiert wäre. Ja, das hätte ihm Spaß gemacht und er hatte es auch schon ein paar Mal in seiner Phantasie durchgespielt. Aber er musste dann doch eine Schlucht aussuchen, die abseits der begangenen Wanderwege lag und davon gab es gar nicht so viele. Diese hier war perfekt – abgelegen in einem unbewohnten Teil des Gebirges, wo es schattig und klamm war, die Touristen nichts Sehenswertes fanden und deshalb die Einheimischen auch keine Pensionen, Ferienhäuser, Skilifte und Gaststätten bauten. Es war menschenleer hier, die Schlucht war gut ausgewählt. Nur etwas tiefer hätte sie sein können.
Ob sie überlebt hatte? Ach nein, das war unwahrscheinlich.
Verdammt, er hätte gründlicher suchen müssen, aber die Zeit lief ihm davon. Wenn er sie nicht bald als vermisst melden würde - er, der verzweifelte Ehemann, dessen Frau nach einem Streit im Leihwagen davongefahren war, im dichten Nebel und ohne Ortskenntnis - würde er vielleicht noch unter Verdacht geraten. Und das wollte er auf gar keinen Fall, er hatte sowieso schon zu viele Fehler gemacht.
Er hatte doch alles so perfekt geplant! Die Idee mit den Tabletten war doch genial gewesen! Der Audi, hellgrau wie der Nebel, der glücklicherweise wie bestellt kam, als er gerade mit den Vorbereitungen fertig war. Die Show, die er Susanna vorspielte, so dass sie bis zum Schluss völlig ahnungslos blieb!
Und dann machte er so blöde Fehler. Wie hatte er nur die Jacke im Auto vergessen können? Der erste Patzer war ihm schon passiert, als er mit dem Schraubenschlüssel an die Decke des Wagens gestoßen war, weil er in der Aufregung zu weit ausgeholt hatte. Dadurch hatte er sie nicht so stark erwischt, dass sie sofort tot war. Zwar ohnmächtig, aber noch am Leben, wie er an ihrem Atem merkte. Naja, der Absturz würde ihr den Rest geben. Er hatte sie auf den Fahrersitz gehievt, damit es so aussah, als sei sie gefahren. Dabei war er ins Schwitzen geraten, hatte die Jacke ausgezogen und neben sich gelegt. Dann hatte er die Handbremse gelöst und den Wagen einfach rollen lassen.
Lautlos verschwand er im Nebel, mit ihm seine Frau, die ohnmächtig über dem Lenkrad hing. Kurz darauf krachte, splitterte und polterte es von unten, wollte gar nicht wieder aufhören. Ein bisschen hatte er ja auf eine Explosion gehofft, aber so was gab es wahrscheinlich nur im Film. Als endlich Stille war, hatte er sich auf den Heimweg gemacht. Er musste nicht weit laufen, in etwa dreihundert Meter Entfernung parkte der andere Wagen. Am Vortag, nachdem er sich für diesen einsamen Platz entschieden hatte - schön zerklüftet und schwer zugänglich - hatte er den Subaru hierher gefahren, den Zündschlüssel in einer Astgabel versteckt und sich zu Fuß auf den langen Rückweg gemacht.
Beim Einsteigen war ihm das Fehlen der Jacke aufgefallen. Den Schraubenschlüssel hatte er auch vergessen! Verdammt nochmal, so was Blödes! Ärgerlich schlug er mit der flachen Hand aufs Lenkrad und dachte fieberhaft nach.
Sollte er gleich hinunterklettern und die Sachen holen? Seine Ausrüstung hatte er ja dabei, wie immer. Aber es war zu neblig, man sah ja die Hand vor den Augen nicht. Das war einerseits gut, denn so wurde man bestimmt nicht gesehen, aber eine Suche gestaltete sich sicher schwierig, deshalb hatte er beschlossen, am nächsten Tag nochmal herzukommen.
Vielleicht hinderte ihn auch der Gedanke an das, was jetzt in dem Auto lag, an einer sofortigen Suche. Es war genug Aufregung für einen Tag, morgen wäre zumindest das Blut schon getrocknet.
So war Rolf denn heute noch einmal hergefahren und hatte den Abstieg unternommen. Mit Ekel dachte er daran, womöglich ihre Leiche berühren zu müssen, hatte befürchtet, seine Jacke könnte mit ihrem Blut besudelt sein.
Jetzt wünschte er fast, sie wäre es. Ihr Verschwinden gab ihm Rätsel auf. Nun ja, er hatte nicht gründlich und weiträumig genug gesucht. Sie lag vielleicht mehrere Hundert Meter von der Absturzstelle entfernt. Er musste sie auch nicht finden, das konnten die anderen erledigen. Hauptsache, seine Jacke war wieder da und alle Spuren waren beseitigt.
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