Auf einmal kam ihr in den Sinn, dass er sie vielleicht von einem gegenüberliegenden Hang sehen könnte. Er könnte doch mit dem Fernglas nach ihr Ausschau halten? Schließlich konnte sie nicht genau wissen, ob er seine Suche schon abgebrochen hatte.
Entsetzt und keines klaren Gedankens fähig stürzte Susanna in ein Gebüsch und kauerte sich zitternd und schluchzend an einen großen Stein.
O Gott, wie hatte sie nur so leichtsinnig sein können, den Rucksack mitzunehmen und den Schraubenschlüssel erneut mit Blut und Haar zu präparieren? Wohin führte dieser aberwitzige Anfall von Trotz? Susanna hatte ihre Rachepläne völlig vergessen und zitterte vor Angst. Jetzt wusste er sicherlich schon, dass sie vor ihm auf der Flucht war und setzte ihr nach! Und er würde alle anderen auch aufhetzen, sie zu suchen. Egal, wer sie fände, ob Wanderer oder Polizist - man würde sie an ihn ausliefern. An ihn, der freundlich und besorgt lächeln, sich bedanken und die Helfer höflich zur Tür geleiten würde - um sich dann mit der Fratze des Mörders zu ihr umzudrehen und sein Werk zu vollenden. Schon hob er die schwarz behandschuhten Hände und kam höhnisch grinsend auf sie zu...
Susanna schreckte schweißgebadet aus ihrem Albtraum hoch. Sie hockte immer noch in dem kargen Gebüsch und war vor Erschöpfung in einen leichten Schlummer gefallen. Viel Zeit konnte aber nicht vergangen sein, die Sonne stand höchstens bei Mittag.
Mühsam erhob sie sich mit steifen Gliedern. Ihr Kopf schmerzte und der Magen knurrte. Vielleicht sollte sie etwas essen? Susanna breitete die gelbe Decke auf einem sonnigen Plätzchen aus und packte ihre spärlichen Vorräte darauf. Der Saft würde bald aufgebraucht sein, sie musste sich unbedingt irgendwo Wasser beschaffen. War sie nicht vorhin an einer Quelle vorbeigekommen? Sollte sie zurückgehen und die Quelle suchen oder hoffen, erneut auf eine zu stoßen? Eigentlich war es egal, wohin sie ging, denn sie hatte ja kein Ziel. Trotzdem widerstrebte es ihr, denselben Weg zurückzugehen - zurück in Richtung Schlucht...
Susanna kaute an einem Stück Brötchen, aber es wurde nicht weniger in ihrem Mund. Sie konnte auch nur schwer schlucken. Nach einem Bissen packte sie das Brot wieder ein und schob es in den Rucksack zurück.
Ach, was sollte sie nur tun? Erneut schwappte eine Welle der Mutlosigkeit über sie hinweg und Susanna schnürte es die Kehle zu. Tränen kamen schon lange nicht mehr, die Augen waren trocken und brannten. Wahrscheinlich sah sie furchtbar aus - verschwollen, dreckverschmiert und blutverkrustet, mit zerzaustem Haar und zerrissenen Sachen.
Vorsichtig tastete Susanna nach der Wunde am Hinterkopf. Sie tat nicht mehr so schlimm weh, aber es würde eine ganze Weile dauern, ehe sie verheilt war. Es wäre schon besser, wenn ein Arzt die Wunde versorgen würde, auch das Knie sollte geröntgt werden. Könnte sie es wagen, zum Arzt zu gehen? Ihre Krankenkarte hatte sie dabei, aber galt die auch hier in Österreich? Susanna wusste es nicht.
„Gar nichts weiß ich! Ich kann nichts und ich weiß nichts. Ich bin blöd, ich bin dumm, ich bin eine blöde, dumme Kuh. Ein Nichts und ein Niemand!“
Das laute Schimpfen hatte gutgetan.
Susanna holte tief Luft und schaute sich ihre Umgebung an. Ein einzigartiges Panorama erstreckte sich vor ihren Augen. Die majestätischen Berggipfel ragten um sie herum in den klaren, blauen Himmel und Schneefelder glänzten zwischen schroffen Felsnasen. Waren das etwa Tiere, die sich dort drüben, klein wie Ameisen, über einen Gletscherausläufer bewegten? Nein, es waren Menschen, Wanderer. Nun sah Susanna auch eine Berghütte und eine Liftstation, aber alles sehr weit entfernt. Ein tiefes Tal trennte sie von den anderen Leuten, die dort unbeschwert ihre Urlaubstage genossen.
War sie denn nur wirklich so dumm? Sie blickte zu den Bergen empor.
Kannte sie den Namen dieses Gletschers oder dieser Berggipfel? Wusste sie, wo sie überhaupt war? Nun ja, in Österreich, das Dorf hieß Söl... Sölnitz, Söldau oder so ähnlich. Der Name des Hotels war Gamshof. Aber schon der Name des Besitzerehepaares fiel ihr nicht mehr ein.
Rolf wusste ihn sicher. Er kannte die Straßen, die Orte und die Preise, er fand auf überfüllten Plätzen immer einen Parkplatz, redete ohne Scheu mit den Leuten und erkundigte sich zielsicher über das, was er wissen wollte. Er hatte vor nichts Angst und wusste über alles Bescheid.
Susanna hingegen konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, welches Datum heute war.
Sie stützte den Kopf in die Hände. Mein Gott, sie hatte zugelassen, dass er ihr ganzes Leben bestimmte, als wäre sie ein kleines Kind. Aus Bequemlichkeit und aus Vertrauensseligkeit. Und – ja, und aus Dummheit! Was war sie denn wert? Nicht mehr als ein Schoßhündchen, das seinem Herrchen auch noch die Hand in Liebe und Dankbarkeit leckte, wenn er es trat.
Niemand brauchte und vermisste eine Susanna Berger.
Die junge Frau weinte wieder und kam sich wie ein Häufchen Schmutz vor. Warum nicht Rolf seinen Willen lassen und einfach sterben? Dann war sie alle Sorgen los.
Susanna hob den Kopf und betrachtete die steilen Felshänge plötzlich mit anderen Augen. Ein Sprung, ein Fall, ein kurzer Schmerz...
Oder ein langer Schmerz, ein Leben im Rollstuhl oder ohne Augenlicht...
Susanna seufzte. Naja, sie war jetzt reich, sie würde einen schönen Sanatoriumsplatz bekommen. Aber wenn Rolf das nicht bezahlen wollte? Dann müsste er sich bei seinem nächsten Mordversuch mehr Mühe geben.
Rolf!
Erneut wallte Wut in Susanna auf und ließ die Selbstmordabsichten verpuffen. Nein, sie wollte nicht sterben, diese Genugtuung gönnte sie ihrem untreuen Mann nicht. Sie würde leben und sich rächen.
Aber wie? Sie war völlig hilflos, so auf sich allein gestellt. Sie würde nie und nimmer den Heimweg finden. Aber was sollte sie auch zu Hause? Dort konnte sie nicht mehr hin, wollte sie als tot gelten. Und bald schon hätten sicher alle Polizeistationen ihre Personenbeschreibung, so dass sie sicher nicht nach Deutschland zurückkäme, ohne entdeckt zu werden.
Ein Zuhause hatte sie nicht mehr, sie hatte gar nichts außer dem, was die Natur ihr geben konnte. Was könnte das sein? Nun, zumindest Schutz vor Verfolgung. Sie könnte sich im Wald verstecken. Aber hier war kein Wald, denn sie befand sich ziemlich weit oben auf dem Berg, dessen Namen sie nicht kannte. Die Vegetation war schon ziemlich dürftig geworden, die wenigen Bäume waren viel kleiner als ihre Vettern im Tal. Es wuchs Gras zwischen den Geröllfeldern und darin unbekannte Blumen. Weiter oben gab es außer Moos und Flechten nichts mehr. Unter ihr waberten Wolken und verdeckten die freie Sicht aufs Tal, die an einem wolkenlosen Tag sicherlich grandios wäre. Hier oben schien die Sonne von einem wolkenlosen Himmel und wärmte angenehm. Susanna legte sich hin und genoss die Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Fast konnte man sich wie im Urlaub fühlen... Naja, sie hatte ja Urlaub! Susanna lachte auf, es klang wie ein Krächzen.
Langsam musste sie sich wirklich überlegen, was sie nun anstellen sollte. Ihr Körper und ihr Geist waren kraftlos und schwach. Das einzige, was bei Susanna funktionierte, waren ihr Überlebensinstinkt und ihr Fluchtreflex. So etwas wie Kampfgeist hatte sie anscheinend nie gehabt - und nie gebraucht. Das wusste sie selber.
Langsam wurde ihr klar, dass sie sich eigentlich nur verstecken wollte, verstecken und abwarten. Kein Zusammentreffen mit Menschen, die sie fragen würden, was ihr zugestoßen sei, keine Begegnung mit Polizisten, die sie verhören und ihr dann doch nicht glauben würden und auch - oder besser vor allem anderen - keine Konfrontation mit Rolf. Denn sie wusste: Rolf war stärker als sie, er würde sie besiegen. Er würde sie unterdrücken, beherrschen, sich ihrer bedienen und sie dumm halten, wie er es immer schon getan hatte. Und wenn er beschloss, sie zu töten, dann würde er das eben tun, und niemand würde ihn daran hindern.
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