„Mistwetter, was?“, wagte Susanna einen Versöhnungsversuch. Rolf war bei ihren Worten zusammengezuckt, weil er sich voll auf den Weg konzentrierte. Jetzt lachte er.
„Das Wetter ändert sich schnell hier oben. In ein paar Minuten scheint vielleicht schon wieder die Sonne, wirst sehen!“
Susanna schwieg erleichtert. Er war nicht mit ihr böse. Nichts konnte Susanna so den Tag verderben wie ein unausgesprochener Konflikt, der zwischen ihnen stand. Jetzt müssten sie nur noch ankommen, dann wäre sie vollends zufrieden, Sonnenschein hin oder her.
Nach fünf Minuten hielten sie endlich. Aufatmend zog Rolf die Handbremse an. Er lächelte.
„Da wären wir!“
Susanna bemühte sich, durch den Nebel etwas zu erkennen. Aber die Suppe war so dick wie Milchreis. Das Auto stand leicht nach vorn geneigt auf einem Felsplateau, vor ihnen erahnte Susanna eine Schlucht. Eigentlich hatte sie überhaupt keine Lust, auszusteigen.
„Du brauchst nicht auszusteigen!“, sagte Rolf, als hätte er ihre Gedanken erraten. „Aber schau mal, da vorne!“, und er zeigte auf einen Punkt im Nebel, der für Susanna unsichtbar blieb. Sie beugte sich vor, kniff die Augen zusammen und stieß mit der Nase fast an die Frontscheibe, aber sie sah nichts.
„Was meinst du?“, fragte sie.
Was danach kam, daran erinnerte sie sich nicht mehr.
Susanna erwachte.
Blinzelnd öffnete sie die Augen und schloss sie sofort wieder, weil grelles Sonnenlicht sie blendete. Gleichzeitig schoss ein scharfer Schmerz durch ihren Kopf.
‚Schon wieder!‘, dachte sie und stöhnte. Doch dann merkte sie, dass der Kopfschmerz anders war als die übliche Migräne. Er kam nicht von der Schläfe, drückte nicht auf die Augen und schien vom Hinterkopf auszugehen. Vorsichtig bewegte sie den Kopf. Sofort wurde ihr schwindelig und übel.
‚Oh Gott, was ist mit mir? Ich muss Rolf rufen.‘ Doch sie konnte nicht rufen. Da blieb sie einfach still liegen und wartete, dass der Schmerz und die Übelkeit abnahmen. Wie sie so lag, merkte sie, dass das Bett ziemlich hart war. Außerdem lag sie irgendwie schief. Und warum fühlte sie Stein unter ihrer Hand? Wo war die andere Hand? Weshalb schien ihr die Sonne direkt ins Gesicht?
Während das Bewusstsein langsam in ihr Gehirn sickerte, merkte Susanna, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte.
Allmählich ebbte der Schmerz ab und sie öffnete die Augen. Ungläubig drehte sie den Kopf, jegliche Schmerzen vor Überraschung ignorierend. Als sie erkannte, wo sie war, fuhr ihr eisiger Schrecken in die Glieder und sie rückte näher an die Felswand. An die Felswand, an deren winzigen Vorsprung sich Susanna jetzt klammerte und die sowohl über ihr wie auch unter ihr steil und schroff aufstieg beziehungsweise abfiel.
Wie um alles in der Welt war sie hierhergekommen? Wo war Rolf, wo war das Auto?
Mit heftig klopfendem Herzen wagte es Susanna, sich aufzusetzen. Sie hatte auch Schmerzen in der linken Schulter und am linken Knie. Ihre Hose war zerrissen, Blut sickerte aus einer Schürfwunde. Als sie ihre Arme betrachtete, bekam sie einen Schreck. Die Jacke und der Pullover wiesen beide längsverlaufende Risse auf, auch die darunterliegende Haut war wie von Dornen zerkratzt - oder von Glasscherben.
Natürlich, es musste einen Unfall gegeben haben, und sie war durch die Frontscheibe geflogen. Aber wo war Rolf?
Vorsichtig beugte sich Susanna vor und lugte über den Rand des Vorsprunges. Vor Entsetzen setzte ihr Herz einen Schlag aus, denn mit einem Blick sah sie, dass ihre Vermutung richtig gewesen war. Der steile Hang war von kümmerlichen Kiefernbäumchen bewachsen, die sich nur mühsam am kargen Felsgestein halten konnten. Einige von ihnen waren abgerissen, hingen mit den Wipfeln nach unten. Eine helle Schleifspur zeigte, wo das Auto hinunter geschrammt war, auf seinem Weg in die Tiefe Steine und Bäume mit sich reißend. Unten verlor sich die Furche zwischen den Tannen, die dort dichter wuchsen. Vom Auto war keine Spur zu sehen.
Susanna lehnte sich zurück. Nach einem krampfartigen Schluchzen, das sie fast eine Minute lang schüttelte, kamen endlich die Tränen. Sie ließ sie laufen. Langsam beruhigte sie sich, wischte sich die Tränen ab und begann nachzudenken.
Es hatte einen Unfall gegeben. Rolf und sie hatten im Nebel an der Schlucht gehalten, dann waren sie hinuntergestürzt. Sie war herausgeschleudert worden und am Leben – mit einigen kleinen Blessuren zwar, aber am Leben. Es war möglich, dass es Rolf genauso ergangen war, dass er irgendwo auf einem Felsvorsprung bewusstlos dalag. Es konnte aber auch sein, dass er noch im Wagen war.
Susanna schloss die Augen und stellte sich Rolfs zerschlagenen Körper vor, das viele Blut...
Sie beugte sich zur Seite und erbrach sich heftig. Dabei schmerzte ihr Kopf höllisch. Wahrscheinlich hatte sie eine Gehirnerschütterung.
Oh Gott, wenn Rolf noch am Leben war, wenn er da unten zwischen den Trümmern lag, eingeklemmt und mit Schmerzen. Er würde verbluten, wenn ihm keiner half!
Vorsichtig kroch sie wieder zum Rand ihres Gefängnisses. Diesmal schaute sie nach oben. Der obere Rand der Schlucht war nicht zu sehen, dafür aber etliche Felsvorsprünge ähnlich diesem, auf dem sie saß. Neue Hoffnung durchströmte Susanna.
„Rolf? ROLF!“ Ihre Stimme klang zitterig und dünn und ihre Kehle brannte. Sie räusperte sich und rief noch einmal. Als Antwort auf ihr Rufen strich eine Elster mit lautem Schimpfen über die Bäume. Susanna legte die Hände wie einen Trichter an den Mund und rief laut ins Tal:
„H I L F E! H I I I L F E!”
Aber es kam keine Antwort, so sehr sie auch lauschte. Es kam noch nicht einmal ein Echo. Sie versuchte es wieder und wieder, rief nach Rolf und verzweifelt um Hilfe, bis ihre Stimme heiser wurde.
Erschöpft ließ sich Susanna zurücksinken. Das Schreien hatte sie so angestrengt, dass sie sich ermattet und verzagt an die Felswand lehnte. Ihr Hals war trocken und schmerzte, im Mund hatte sie einen ekligen Geschmack. Wenn sie nur eine Schluck Wasser hätte! Was sollte sie jetzt tun? Das Rufen hatte keinen Sinn, anscheinend war das hier keine vielbesuchte Gegend. Es konnte Tage dauern, bevor sie gefunden wurden. Derweil war Rolf sicherlich verblutet, sie selbst erfroren. Der Herbst rückte näher, die Nächte waren schon empfindlich kalt. Dazu kam der Durst, der sie schon jetzt quälte. Nein, sie musste etwas unternehmen. Zuerst einmal hier wegkommen, dann Hilfe holen.
Zögernd betrachtete die junge Frau abermals die Felswände über sich. Der nächste Vorsprung war weit über ihrem Kopf, nicht zu erreichen. Nach unten hin wurden die Vorsprünge seltener, dafür konnte sie aber springen oder rutschen. Sie suchte mit den Augen einen geeigneten Weg. Da unten links wurde es mächtig steil! Wenn sie da einen Vorsprung verpassen würde, bliebe ihr nur der freie Fall in die Baumkronen. Nach der anderen Seite hin war der Hang nicht so steil, dafür aber mit losem Geröll übersät, auf dem man auch keinen Halt fände. Aber darunter lief der Berg etwas sanfter aus. Wenn es nur bis nach unten nicht so furchtbar weit wäre!
Susanna überlegte hin und her. Sie traute sich den einen wie den anderen Weg nicht zu. Besonders sportlich war sie noch nie gewesen, außerdem hatte sie Übergewicht. Dazu kam die Angst. Vielleicht wäre es besser, noch etwas zu warten, schließlich konnte jeden Moment jemand kommen. Ein Wanderer, oder eine Gruppe Kletterer mit Ausrüstung. Für die wäre dieser Hang ein Kinderspiel. Es würde bestimmt jemand kommen.
Susanna wartete. Mit dem Rücken an die Felswand gelehnt, saß sie da und spürte, wie der Schmerz in ihrem Kopf abebbte und die Schmerzen in Knie und Schulter zu einem dumpfen Pochen wurden. Eigentlich war es ganz gut so, wie es jetzt war. Keine Schmerzen. Kein Nachdenken. Die Apathie, in welche die junge Frau fiel, ging in einen tiefen Schlaf über.
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