Genau das sollte Ihr Roman zeigen: wie sich der Held und die Welt um ihn verändern.
(Randnotiz: Nicht jeder Romanheld muss eine Veränderung durchlaufen. Aber etwas im Roman sollte sich verändern – Menschen, Umstände, die Welt –, damit der Leser das Gefühl hat, in der Geschichte passiert etwas. Selbst wenn am Ende alles wieder so ist wie am Anfang, kann ein Auf und Ab während des Romans dennoch für ein befriedigendes Lese-Erlebnis sorgen.)
Wenn Sie von einem bestimmten Ende ausgehen, so fragen Sie sich, welcher Anfang möglichst stark von diesem Ende abweicht.
Beispiel:
Ist Ihre Heldin am Ende eine müde, eine verletzte, aber selbstbewusste und siegreiche Frau, die durch die Hölle gehen musste, um dieses Selbstbewusstsein zu erwerben? Ach ja: und um den Helden zu erobern. Dann schildern Sie sie am Anfang als Mauerblümchen.
Sie finden den Einstieg weder am Anfang noch am Ende?
Auch Ihnen kann geholfen werden. Fangen Sie mit dem Erzählen eben mittendrin in Ihrer Geschichte an! Wenn es Ihnen leichter fällt, schreiben Sie eine Szene, die für Sie irgendwo in der ersten Hälfte des Romans liegt. Womöglich entdecken Sie dabei, dass diese Szene gar keine Zwischendrin-Szene ist, sondern tatsächlich der perfekte Beginn. Denn wieso sonst kommt die Szene Ihnen sofort als erstes in den Sinn? Weil sie so mitreißend und intensiv ist?
Klingt für mich nach einer super Anfangsszene.
Was nicht heißt, diese neue erste Szene braucht eine Menge Rückblenden. Womöglich gehört all das, was sich davor abspielt, gar nicht in Ihren Roman hinein.
Die meisten Erstlingswerke fangen lange vor der eigentlichen Geschichte an. Und ich meine lange, ich meine nicht eine halbe Seite oder drei, sondern oft zwanzig, dreißig und mehr Seiten.
Das hat mehrere Ursachen.
Oft weiß ein Autor einfach nicht, wo sein Roman beginnt. Aus Betriebsblindheit oder mangelnder Erfahrung. Oder die Autorin glaubt, sie müsste dem Leser erst die ganzen Umstände erklären, bevor sie so richtig loslegen kann. Sie hat sich eine solche Menge wichtiger Hintergrundinformationen ausgedacht, die alle unbedingt in den Roman hinein müssen. Schließlich muss man den vieldeutigen Blick erklären, den Alain seiner Romy über ihr neues Fahrrad hinweg zuwirft: Denn Alain erinnert sich in dem Moment daran, wie seine Lehrerin ihm einst das Radfahren beibrachte, eine Frau, in die er als Sechsjähriger wahnsinnig verliebt war.
Und es ist absolut unverzichtbar, den Leser darüber aufzuklären, wie Alains Mutter damals Romys Vater küsste, in dem kleinen Ferienhaus in Wales, kurz nach der Renovierung.
Oder kann man die Lehrerin einfach weglassen? Und den Kuss auch?
In den meisten Fällen kann man das tatsächlich. Den Roman mit zu viel Hintergrundinformationen zu beschweren, ist einer der verbreitetsten und größten Fehler beim Romanschreiben. Und das, was den Amateur vom Profi unterscheidet.
Der Profi erklärt am Anfang – überhaupt nichts.
Nada.
Nicht mal, wer die Person ist, die da ihren Mann erschießt? Nein. Nicht mal, dass der Roman im Jahr 2901 auf dem Planeten Awuhweifwbfe spielt? Nicht mal das. Aber, aber, aber ich muss doch meinen Helden vorstellen, damit die Leser ihn kennen und mit ihm mitfühlen.
Sorry, nein.
Fangen Sie mit der Geschichte an. Schreiben Sie einfach, was passiert. Handlung und Dialog sind gute Romananfänge. Backstory sollten Sie dann einflechten, wenn es unbedingt nötig ist oder wenn es den Plot verkompliziert und den Konflikt verschärft. Die Leser haben ein weit besseres Vorstellungsvermögen und eine weit größere Geduld, als das viele Autoren glauben wollen.
Eine Voraussetzung jedoch müssen Sie erfüllen, um sich die Geduld der Leser zu verdienen:
Sie müssen ihnen eine Geschichte erzählen. Vom ersten Satz an.
Keine Abhandlung über die Schusswaffen des siebzehnten Jahrhunderts. Keine Expertise darüber, unter welchen Umständen Röhrenfernseher explodieren. Keinen Reiseführer über den Schauplatz und kein medizinisches Gutachten über den Charakter.
Erzählen Sie. Lassen Sie Menschen etwas tun. Lassen Sie sie reden.
Die Umstände erklären Sie den Lesern zwischendurch.
Sie glauben mir nicht?
Nehmen Sie einen x-beliebigen zeitgenössischen Bestseller aus Ihrem Regal und lesen Sie die erste Seite. Was wird dort erklärt? Welche Figuren werden dort erst umständlich eingeführt, bevor die Handlung losgeht? Manche Erklärungen sind wichtig, wichtig ist, dass uns die Figuren kümmern, ein Gefühl für den Schauplatz mag wichtig sein – aber all das können Sie unterwegs einbringen.
Beispiel:
Daniel Glattauers wunderbarer E-Mail-Roman » Gut gegen Nordwind « (Deuticke, Wien 2006). Er beginnt so:
15. Jänner
Betreff: Abbestellung
Ich möchte bitte mein Abonnement kündigen. Geht das auf diesem Wege? Freundliche Grüße, E. Rothner.
Danach entspinnt sich eine hin- und mitreißende Konversation zwischen einem Mann und einer Frau. Per Mail. Es wird nichts erklärt. Die Charaktere gewinnen erst nach und nach Konturen, erst nach und nach erfährt man etwas, ein wenig, über ihre Hintergründe.
In dem Roman fehlt nichts. Das Buch wurde ein Bestseller. Es verkaufte sich so gut, dass Glattauer eine vorher nicht geplante Fortsetzung schrieb – so sehr bedrängten ihn die Leser, oder besser gesagt: Fans. Keine Fans von ihm, wohlgemerkt, sondern von seinen beiden Charakteren Emmi und Leo. Glattauer hat Emmi und Leo lebendig werden lassen. Ohne Beschreibungen, ohne Backstory, nur mit Dialogen.
Sie sehen, es geht. Wieso sollten Sie das nicht auch schaffen?
Wie Sie sich vom Schauplatz inspirieren lassen
Wyoming brennt nicht für jeden gleich
Für die amerikanische Autorin Annie Proulx (» Schiffsmeldungen « und » Wyoming Stories « – lesen!) steht, so sagt sie selbst, am Anfang ihrer Geschichten immer der Schauplatz. Aus ihm entwickelt sie alles weitere: die Charaktere, die Handlung, die Stimme.
Wer in eine der überwältigenden Wyoming Storys (drei Bücher mit Kurzgeschichten) eintaucht, schmeckt das Land und seine Menschen.
Anders Lorrie Moore, eine wie Proulx in Wyoming lebende Schriftstellerin (sie schrieb unter anderem » A gate at the stairs «). Bei ihr kommt, wie sie selber sagt, der Schauplatz, das Setting, erst an zweiter Stelle: » nicht unbedingt nur als nachträglichen Einfall, aber auch nicht als brennende Inspiration « (so Moore in einem Interview mit » The Paris Review « / eigene Übersetzung).
Wovon lassen Sie sich beim Schreiben in die Geschichte ziehen, was inspiriert Sie? Bei den meisten Autoren steht entweder ein Charakter am Anfang oder die Idee für eine Geschichte. Interessanterweise scheinen Frauen eher die Charakter-Typen zu sein, Männer eher auf Geschichten und Plot fixiert.
Werden Sie sich bewusst, was Sie am schnellsten und intensivsten in den eigenen Roman hineinzieht. Der Anblick des weißen Blattes oder der des blinkenden Cursors auf einer leeren Seite muss Sie so nicht mehr schrecken.
Ein zweischneidiges Schwert sind Gewohnheiten beim Schreiben. Zum einen hilft die Routine, Disziplin zu wahren und mehr Text in die Tasten zu hacken. Zum anderen ist Routine gefährlich, zu leicht fallen Sie in bestimmte Muster, trampeln sich einen Pfad, der zunächst wunderbar leicht erscheint, bequeme Abkürzung und Richtungsgeber in einem. Mit der Zeit aber trampeln Sie den Pfad zu einem Hohlweg und sehen bald nicht mehr, was links und rechts davon auf Sie und Ihre Geschichten wartet. Dementsprechend droht auch den Impulsen für eine Geschichte und ihren Anfang Gefahr durch (zu viel) Routine.
Gleiches gilt für Szenen. Auch hier neigen Sie womöglich dazu, immer auf die gleiche Weise einzusteigen, etwa mit einer Beschreibung des Schauplatzes.
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