(Randnotiz: Das hier ist ein Ratgeber. Daher zeige ich manches und erkläre es zusätzlich. So bleibt es Ihnen besser im Gedächtnis. Ein Roman verfolgt ganz andere Ziele.)
Tipp 4: Keine zusätzliche Erklärung durch Adverbien
Auch Adverbien sind ein beliebtes Mittel, den Leser mit zu vielen Erklärungen zuzuschütten.
Beispiel:
»Ich frage mich manchmal, was der Sinn des Lebens ist«, sagte Daniel nachdenklich.
Dass Daniel nachdenklich ist, kommt durch das Gesagte zum Ausdruck. Die Wiederholung durch das Adverb ist eine überflüssige, sogar ärgerliche, Erklärung. Wer wird schon gerne für dumm gehalten? (Kleiner Hinweis: Ihre Leser vermutlich nicht.)
Fazit:
Erklärungen lauern in Ihrem Roman an jeder Ecke wie Prostituierte auf Freier – sie warten nur darauf, dass Sie schwach werden. Widerstehen Sie der Versuchung. Es ist zum Besten Ihres Romans.
Und jetzt lassen Sie endlich Ihren frierenden Besucher ins Haus.
Die zwei Gefahren der Ich-Form
Viele Erstlingswerke werden aus der ersten Person Einzahl erzählt, der Ich-Perspektive. In vielen Fällen, insbesondere autobiografisch eingefärbten Romanen, scheint diese Perspektive die natürliche Wahl.
Wenn Sie einen Roman aus der Ich-Perspektive schreiben, birgt das zwei Gefahren. Die kleinere ist die, dass die Leser Sie mit Ihrem Ich-Erzähler verwechseln. Die weit größere: Wenn Sie selbst sich mit dem Ich-Erzähler verwechseln.
Problematisch wird das, wenn Sie nicht mit dem Ich-Erzähler identisch sind oder sein wollen, also ein Dritter den Roman erzählt und dabei »ich« benutzt.
Warum ist es problematisch? Vor allem deshalb, weil Sie zu leicht Ihre eigenen Ansichten und Gefühle, Ihre Sprech- und Denkweisen, Ihre Handlungsmuster auf die des Ich-Erzählers übertragen. Selbst wenn Sie am Anfang noch das Ego des nicht mit Ihnen identischen Ich-Erzählers im Griff zu haben glauben, schleicht sich Ihr eigenes Ich immer wieder in den Text ein. Je weniger kontrolliert, sprich: je stärker aus dem Bauch heraus Sie schreiben, desto eher geschieht das.
Schuld daran ist nur dieses eine Wort: ich . Wann immer Sie es schreiben, neigen Sie dazu, auch ich zu meinen: sich selbst.
Obwohl die Ich-Perspektive stärker als alle aus dem Bauch zu kommen scheint, bedarf sie doch der größten Kontrolle. Wie ein Hund, dem Sie nicht zu viel Leine lassen dürfen. Sonst ist er auf und davon.
Und statt über einen erfundenen Charakter, einen von Ihnen erschaffenen Menschen, haben Sie doch nur wieder über sich selbst geschrieben.
Stellen Sie sich vor, Gott spräche in der Bibel ausschließlich über sich selbst. Ob das Buch dann die Grundlage der erfolgreichsten Religion der Welt gebildet hätte?
In diesem Kapitel:
Wie Sie Ihren Roman in Gang bringen
Wie Sie den perfekten Einstieg finden
Wie Sie sich vom Schauplatz inspirieren lassen
Warum Sie Ihren Lesern den Einstieg möglichst einfach machen sollten
Der beste Zeitpunkt für den Einstieg in Ihren Roman
Der Prolog im Roman – und was für ihn spricht
Der Prolog im Roman – und was gegen ihn spricht
Der Prolog im Roman – So schreiben Sie ihn und so lassen Sie ihn weg
Wie Sie Ihren Roman in Gang bringen
Gegen das Starren der leeren Seiten
Sie starren das weiße Blatt Papier an. Das weiße Blatt Papier starrt zurück. Sie starren weiter, das Papier starrt zurück. Ein Duell entbrennt. Sie verlieren. Papier ist, wie Sie wissen, geduldig.
Falls Sie Schwierigkeiten mit starrendem Papier oder glotzenden Bildschirmen haben, sprich: falls es Ihnen nicht gelingen will, Ihren Roman in Gang zu bringen und den Anfang zu schreiben, so hilft in manchen Fällen ein kleiner Trick.
Das ist er:
Schreiben Sie den Anfang aus Sicht Ihres Helden oder Ihrer Heldin, und zwar in der ersten Person Einzahl: ich. Aus welcher Perspektive Sie den Roman oder das erste Kapitel letztlich erzählen wollen, spielt keine Rolle. Die Ich-Perspektive fließt erfahrungsgemäß am einfachsten, und Sie lernen beim Schreiben zugleich Ihren Helden besser kennen. Nicht selten ist Unklarheit über die Hauptfigur, über ihren Charakter und ihre Ziele ein Grund für die Blockade am Anfang.
Ein Beispiel, einfach mal losgeschrieben:
So grün hatte ich das Gras noch nie gesehen, es sah aus wie die Essenz von Grünheit. Maries roter Hut wirkte dagegen, ich kann es nicht anders sagen, als die Essenz von allem, was Marie war. Sie saß auf der Picknickdecke, ihre Augen blinzelten trotz des Huts gegen die Sonne und sie sagte: »Pfirsiche oder zuerst den Fisch?« Ich hatte nie etwas Schöneres gehört.
Eine mögliche spätere Fassung, nachdem sich dann doch Marie als Heldin herauskristallisiert hat, könnte wie folgt lauten: (Aber ohne den Anfang aus der Sicht von Thomas wäre der Autor vielleicht nie zu Marie gekommen.)
Gras kitzelte den blauen Himmel, im Grün lag eine karierte Picknickdecke, darauf saß eine junge Frau in einem weißen Sommerkleid und arrangierte Teller und Gläser, Wiesenblumen. Die schönste davon würde sie Thomas ins Knopfloch stecken. Falls er nicht schon wieder eins seiner kindischen T-Shirts trug. Noch ein Projekt auf Ihrer Liste: Thomas behutsam zu Stil und Geschmack heranführen. Schritte ratschten durchs Gras. Wenn das mal nicht ihr ungeduldiger junger Hund war. Sie schob sich den Hut aus der Stirn, ein Geschenk von Alfons, lange, lange her.
»Pfirsiche oder zuerst den Fisch?«
Gehen Sie davon aus, dass Sie das spontan herausgekleckste Kapitel umschreiben müssen. Das sollte Sie nicht stören, zumal Sie kein Kapitel häufiger überarbeiten werden als den Romananfang. Hauptsache, Sie kommen erst einmal in den Roman hinein.
Der Rest findet sich, versprochen.
Wie Sie den perfekten Einstieg finden
Gut gegen den Mordswind der weißen ersten Seite
Viele Autoren setzen sich selbst zu sehr unter Druck mit dem Anfang einer Szene, eines Kapitels oder gar des Romans. Sollten Sie das nicht? Richtig, der Anfang ist der wichtigste Teil eines Romans. In der Textprobe kommt ihm die Aufgabe zu, einem Agenten oder einer Lektorin Ihr Manuskript zu verkaufen. Im Buchladen muss der Anfang die Leser überzeugen, das Buch zu kaufen.
(Habe ich den Druck jetzt noch erhöht? Sollten Sie übrigens auch immer, den Druck auf Ihre Charaktere erhöhen, aber das ist ein anderes Thema.)
Doch wie man nicht oft genug betonen kann: Schreiben ist vor allem – Umschreiben. Sie können – und Sie sollten – in Ihren Roman-Anfang sehr viel Mühe und Know-how und Zeit investieren, bevor Sie ihn einer Agentin oder einem Lektor anbieten.
Sie haben nur diese eine Chance. Kein Lektor liest einen Text, den er schon mal abgelehnt hat, nach drei Monaten erneut, der mit dem Vermerk »So, jetzt habe ich die Textprobe überarbeitet und sie ist jetzt wirklich klasse« zu ihm zurückkehrt.
Das heißt nicht, dass Sie beim Schreiben der ersten Fassung mit dem perfekten Anfang loslegen müssen, weil Sie sonst den Roman nie hinbekommen.
Eine Möglichkeit, dem Druck zu entkommen: Sie schreiben zuerst das Ende. Haben Sie einen guten, befriedigenden Schluss gefunden, sehen Sie den (bisherigen) Anfang in neuem Licht.
Was, wenn das Ende eine sich schließende Klammer bildet? Könnte der Beginn des Romans die Klammer öffnen? Finden beide am selben Schauplatz statt? Der aber hat sich, wie der Charakter, gewandelt? Was hat sich sichtbar, fühlbar geändert? Was müssen Sie in Ihren Anfang einbauen, damit das Ende emotional noch stärker wird?
Probieren Sie es aus.
Wir lieben Geschichten, die unsere Helden verändern. Denn Veränderungen sind ein Kennzeichen für eine starke Geschichte. Nur wer mächtige Gefühle durchlebt, wer Erschütterndes durchgemacht hat, wird sich ändern.
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