„Das ist sehr plötzlich! Wir kennen uns doch gar nicht.“ Brokat sah den Mann noch einmal genau an. Ihm schien es ernst.
„Wie wohnst du derzeit?“, wollte Peer wissen.
„Allein, schöne Wohnung. Ich habe sogar selbst sehr viel Geld verdient. Da bleibt mir auch ein schönes Leben von“, antwortete Brokat und fingerte am Rand des Weinglases herum. „Warum ich?“, fragte sie dann, denn es war eine naheliegende und ihrem analytischen Gehirn genügende Frage.
„Du bist schön, du bist nicht dumm – und ich glaube, ich kann dir vertrauen“, schoss es aus Peer heraus.
„Ich habe dir mehr als eintausend Euro für oberflächlichen, schlechten Sex abgenommen“, erwiderte Brokat und schaute Peer ungläubig an.
„Schon“, entgegnete Peer, „aber ich habe mich wohlgefühlt. Ich habe mich nicht leer gefühlt. Und es lag nicht daran, dass wir miteinander geschlafen haben. Dieses Zusammensitzen, das Reden. Dich anzusehen... Wenn auch das Ganze gekauft war, so war es doch irgendwie schön. Sogar jetzt, weit nüchterner, bin ich mir sehr sicher, dass ich lange kein so schönes Erlebnis hatte. Ich weiß, das klingt erbärmlich, aber ich danke dir dafür. Und ich würde dir gerne etwas geben. Mein Leben wurde ziemlich auf den Kopf gestellt durch diese Sache und ich habe niemanden, den ich da wirklich involvieren kann. Das ist ja auch alles sehr verwirrend für mich. Und ich bin froh, dass ich mich überhaupt für irgendetwas entscheiden kann.“ Peer unterbrach seinen Redefluss und schaute sich sein Glas an. „Ich habe ja ohnehin nichts zu verlieren“, dachte er sich dabei.
„Wir werden vermutlich niemals ein Paar sein“, fing Brokat nach einigen Sekunden an und beugte sich zu Peer hinüber. „Und wir werden vielleicht nicht viel Sex miteinander haben. Und nach grauenhaften Kunden werde ich schlecht gelaunt sein. Und immer am Monatsende versenke ich Dinge in mir, für deren Besitz ich im Gefängnis sitzen müsste. Das solltest du alles wissen.“ Sie wusste allerdings in diesem Moment auch nicht, warum sie ihm das alles anvertraute. Ihre Exzesse waren eigentlich ihr bestgehütetstes Geheimnis.
„Kein Problem. Ich will einfach nur in einem Haus mit dir leben. Eine Beziehung muss es ja nicht sein. Ich bin ja nicht ohne Grund Single. Ich will dich einfach um mich haben. Ich würde dich sogar dafür bezahlen.“
„Du musst mich doch nicht kaufen!“, entgegnete Brokat entrüstet.
„So war das nicht gemeint“, steuerte Peer am Konflikt vorbei. „Ich meinte, dass ich dir auch alles, was du brauchst, finanzieren würde.“
„Einfach so?“, fragte Brokat.
Peer nickte.
„Und was machst du? Du sagtest ja, du hättest gekündigt.“
„Weiß nicht“, sagte Peer nur und starrte ein Loch in die Luft.
„Wir sollten allmählich nachsehen, ob der Taxifahrer wirklich gewartet hat“, beschloss Brokat dann. Auch hoffte sie, mit diesem Einwand das weitere Gespräch zum Erliegen zu bringen.
„Wo willst du denn hin?“, fragte Peer und verlor den Blick für das imaginäre Loch über seinem Weinglas. Für einen kurzen Moment hörte ein Geräusch über dem Glas, gerade so, als ob die Fetzen einer geplatzten Seifenblase sich gerade wieder zusammensetzten – und wie auch immer es sich angehört haben wollte, war es doch nur seine Einbildung.
„Nach Hause. Nachdenken. Peer, glaubst du, dass ich das jetzt alles entscheiden kann?“, antwortete Brokat und suchte ebenfalls das Loch, dass Peer mit seinen Augen in den Raum gebrannt hatte.
„Weiß nicht“, sagte er wieder und hörte es ploppen. Die Seifenblase war weg und das Loch wieder da.
„Also“, sagte sie und stand auf. „Ich gehe schon vor die Tür. Bezahl doch einfach und triff mich draußen.“
Peer tat wie geheißen, gab zu viel Trinkgeld und fand auf der Straße das Taxi. Der bärtige Mann paffte genüsslich seine Pfeife und las dabei, angelehnt an den Wagen, ein Buch im Laternenlicht.
„Ihre Begleitung ist gerade an mir vorbei, Sir“, sagte er und blickte auf. „Soll mitteilen, dass es ein schöner Abend war. Sie würde sich melden. Wollen Sie wo hin?“
Peer schaute ihn nur ausdruckslos an. Er war nicht wenig überrascht davon, dass Brokat einfach gegangen war, hielt er doch den Abend für sehr gut verlaufen.
„Wie heißen Sie eigentlich?“, fragte er den Fahrer dann schließlich und betrachtete ihn genauer. Der Mann lächelte mit den Augen. Er war von ausgebeulter, aber durchaus sportlicher Statur.
„Glott. Archibald Glott“, stellte er sich vor.
In der Dunkelheit sah er aus wie ein Kapitän, der schon viele Unwetter überstanden hatte. Sein Alter konnte Peer nicht schätzen, da der Bart zu viel versteckte. Aber unter seinen lachenden Augen befanden sich Fältchen, die in Fältchen übergingen, die wiederum in Barthaare übergingen. Auch seine Mütze musste schon einige Jahre hinter sich haben.
„Archibald, wollen Sie für mich arbeiten? Ich kann einen Fahrer gebrauchen“, bot Peer ihm dann an. Es war definitiv die Zeit für spontane Unsinnseinfälle und der Taxifahrer, so dachte Peer, würde schon nicht zusagen.
„Dreitausend brutto plus Spesen und Benzin. Und einen neuen Wagen brauche ich irgendwann auch“, schoss es aus Archibald heraus. Dann paffte er ein Wölkchen in die Luft und hielt Peer, der verdutzt dreinschaute, die Hand hin. Sie war schwielig und kräftig.
Peer nickte nach einigem Zögern und erwiderte den Handschlag. „Es macht ja doch keinen Unterschied“, sagte er sich und konnte sich nicht so recht überzeugen.
Zumindest aber machte es einen großen für Archibald Glott. Der bärtige Mann hatte sein Leben als Taxifahrer bestritten und dachte die letzten Jahre öfter über eine Änderung nach. Er mochte seine Tätigkeit, denn er war ein Mensch, der schnell vertraute und dem auch nie Schlimmes widerfuhr. Einer von jenem Typus, mit dem man schnell in eine Plauderei verfällt und von dessen Wissen und Weisheiten man zehren konnte. Und deshalb, denn Archibald wusste, was für ein Typ Mensch er selbst war, war er gut in dem, was er tat. Er dankte in Gedanken dem rothaarigen jungen Mann, der ihm sagte, er solle möglichst darauf achten, Aufträge vom Molkereipfad 64 anzunehmen. Das war zwar sonst nie sein Revier gewesen, aber er hatte es irgendwie hinbekommen.
„Archibald?“, fragte Peer dann probehalber.
„Ja, Sir?“
„Bringen Sie mich bitte nach Hause“, orderte Peer und stieg hinten ein. Archibald legte sein Exemplar von Harry Potter und die Kammer des Schreckens auf den Beifahrersitz und fuhr los. Warum dieser Mann ausgerechnet dieses Buch las, konnte sich Peer nicht erklären. Er fragte allerdings auch nicht nach.
Zuhause rief Peer nicht mehr bei Brokat oder der Agentur an. Stattdessen steckte er den Katalog für Wintergärten in eine Tasche und legte sich auf das Bett.
„Ich habe einen Chauffeur“, sagte er zu sich selbst. Es kam ihm seltsam vor. Aber ein kleiner Teil in ihm fand es sehr aufregend. Dann versank er einsam in seinem Bett. Ein kräftiger Rülpser roch nach gutem Wein und jungfräulichem Olivenöl. Das Glas, aus dem Brokat und Peer Wasser tranken, stand auf dem Nachttisch. Ein Hauch von Lippenstift, kaum zu erkennen, war daran. Peer hatte es noch nicht wegräumen wollen. Wenig erschöpft, aber geistig ausgelaugt, schlief er und ein träumte Dinge, die ihm beim Aufwachen wieder entfallen sollten.
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