1 ...7 8 9 11 12 13 ...28 »Doch ich kann das«, erklärt die Frau im Brustton tiefer Überzeugung. »Ich bin eine große Fee aus Fantasia. Wenn ich will, kann ich Einhörner herbeizaubern. In jeder Farbe. Welche würde dir denn gefallen?«
»Also Mama, manchmal bist du echt peinlich«, beschwert sich das Kind und verdreht die Augen. Ich bin kein Baby mehr, das sich mit deinen Märchengeschichten abspeisen lässt. Jetzt sag schon, was du da tust.«
Die Mutter seufzt. Die Erziehung eines hochbegabten Kindes hatte sie sich einfacher vorgestellt. Obwohl ihre Tochter erst viereinhalb Jahre alt ist, beschleicht sie immer öfter das Gefühl, eher mit einer Erwachsenen zu reden, als mit einem Kind.
»Na schön«, resigniert sie. »Ich designe Haustiere für andere Menschen.« Mit einer Geste öffnet sie für ihre Tochter einen Zugang in ihre Augmented Reality.
Das Nachwuchsgenie runzelt die Stirn und betrachtet nacheinander die zusätzlichen Diagramme, Grafiken und Tabellen, die mit dem Einhorn in Verbindung stehen. »Wie designst du sie?«, fragt sie schließlich.
Mit vorgerecktem Kinn fokussiert sie ihre Mutter. Diese schaut auf die Uhr und seufzt ein weiteres Mal. Später Vormittag. Eigentlich wollte sie bis Mittag mit dem Einhorn fertig sein. Sie hatte es dem Kunden versprochen. Andererseits will sie die Neugierde ihres Kindes nicht unbefriedigt lassen. Sie lehnt sich in dem weißen Ledersessel zurück und streckt die Arme aus.
»Komm auf meinen Schoß meine Große. Dann erkläre ich es dir in Ruhe.«
Warme Sonnenstrahlen fallen durch das offene Fenster. Die Mutter schließt die Augen, dreht ihr Gesicht zur Sonne. Frühlingsduft weht ins Zimmer.
Akustikmodulaturen wandeln den Berliner Lärm in angenehme Waldgeräusche um. Das System ist gut, aber nicht perfekt. Bei dem Versuch, extreme Geräusche zu kompensieren, entstehen manchmal die absurdesten Misstöne. Man meint dann, einen Geist durchs Zimmer fliegen zu hören. Ein anderes Mal das Brüllen eines Dinosauriers oder das Tschilpen eines exotischen Vogels.
Das Mädchen ist die Geräuschentgleisungen gewohnt. Bei dem Balzruf eines Pteranodons muss es regelmäßig kichern.
»Ich nehme die Gene eines Tieres und verändere sie so, wie der Kunde es haben möchte. Ich kann es größer oder kleiner machen, indem ich den Knochenbau verändere, ich kann die Muskulatur kräftiger oder schwächer machen, die Farbe des Fells verändern. Fast alles lässt sich anpassen.«
Während sie spricht, verändert sie Parameter an einem Bedienfeld. In Echtzeit wird angezeigt, wie die Veränderungen sich an dem Tier auswirken.
»Und wo hast du das Genom für das Einhorn her?«
Die Frau runzelt die Stirn und staunt über die präzise Frage ihrer Tochter. Sie kann kaum glauben, dass die das alles auf Anhieb verstand. Ohne sich etwas anmerken zu lassen fährt die Mutter mit der Lehrstunde fort.
»Ich habe als Ausgangsmaterial das Genom eines Pferdes genommen, das einem Einhorn ähnlichsieht. Dann habe ich gezielt einzelne Gene verändert, um einen zierlichen Knochenbau, gespaltene Hufe, ein geschraubtes Horn auf der Stirn und das schneeweiße Fell zu erzeugen.«
»Dann sieht es zwar aus wie ein Einhorn, aber es hat immer noch den Charakter eines Pferdes.«,
Das Mädchen spitzt die Lippen und legt den Kopf zur Seite. Demonstrativ nimmt es sein ViDa ab und legt das Kunststoffgestell auf den Tisch. Es ist eines der neuesten Modelle, bei denen die Netzhautdatenprojektoren kaum zu sehen sind.
Aufmerksam betrachtet die Kleine das Gesicht ihrer Mutter. Nicht die geringste Regung entgeht ihr. Ein schrilles Zirpen von draußen lässt Mutter und Tochter zusammenfahren. Die Frau ist sich der strengen Prüfung durch ihr Kind bewusst. Sie weiß, was das bedeutet.
»Das ist kein Problem für mich«, fährt sie unbekümmert fort. Ich weiß genau, welche Gene dafür zuständig sind und wie ich sie verändern muss, um die Charaktereigenschaften zu bekommen, die der Kunde haben will.«
Das Mädchen schließt die Augen und greift sich ans Kinn. Es lässt sich Zeit mit seiner Antwort.
»So ein Tier möchte ich nicht«, erklärt es schließlich. Draußen schiebt sich eine Wolke vor die Sonne. Doch es ist der kühle Blick ihrer Tochter, der die Frau frösteln lässt.
»Wieso denn nicht?«, fragt sie und runzelt die Stirn.
»Wenn du alles bestimmst, wie es aussieht und welche Eigenschaften es hat, dann ist es kein Tier mehr. Dann ist es nichts weiter als eine Biomaschine, die deinen Befehlen gehorcht.«
Man sieht es dem Mädchen an, wie ernst es ihm mit dieser Feststellung ist.
»Nein, mein Kind. So ist es nicht«, verteidigt die Mutter ihre Arbeit. »Es ist nach wie vor ein Tier, das einzig und allein seinen Instinkten gehorcht. Alles was ich mache, kann früher oder später auch in der Natur vorkommen. Nur dauert es dort viel länger. Ich helfe nur der Natur auf die Sprünge.«
»Das Einhorn tut mir leid.«
Tränen glitzern in den Augen des Kindes.
»Wieso tut es dir leid? Es ist ein Tier wie jedes andere auch.«
»Nein Mama. In der Natur haben alle Tiere Eltern. Dieses Einhorn hat keine.« Entschlossen wischt das Kind die Tränen weg. »Ein Glück, dass ich euch habe«, sagt das Mädchen plötzlich und umarmt seine Mutter so fest es kann.
1 Nur ein neuer Tanzpartner?
Einige Wochen später ist Vilca keinen Schritt weitergekommen. Die Sache mit diesem Amerikaner lässt sie nicht los. Sie stand ein paar Mal kurz davor, ihn anzusprechen. Jedes Mal kam etwas dazwischen.
Einmal hatte sie sogar absichtlich ihre Tasche neben ihm vergessen. Anstelle es zu bemerken und sie zu ihr bringen, blieb er einfach sitzen und spielte weiter mit seinen virtuellen Daten. Noch immer fragt sie sich, was er da treibt.
Zu seiner Ehrenrettung muss sie zugeben, dass er nicht viel Zeit hatte, zu reagieren. Miriam hatte die alleinstehende Tasche kurz darauf bemerkt und ihr gebracht. Als Folge ihres frustrierten Blicks hatte ihr Miriam Hilfe angeboten. Sie hatte dankend abgelehnt.
Mittlerweile erwägt sie ernsthaft, das Angebot ihrer Freundin in Anspruch zu nehmen. Wo ist sie überhaupt? Und diesen Sam hat sie heute auch noch nicht gesehen. Donnerstags sollte er eigentlich hier sein. Schlecht gelaunt verbringt sie fast den ganzen Tag an der Uni. Später lässt sich dann von einem selbstfahrenden Elektrotaxi zu ihrer Tanzschule fahren.
Dort wartet eine Überraschung auf sie. Ihre Laune bessert sich schlagartig, als ihr die Tanzlehrerin Samuel Lee vorstellt.
Das Arrangement sieht vor, dass die Schule einen Tanzpartner für Vilca stellt. Alle Versuche, einen dauerhaften Tanzpartner zu finden, sind bisher gescheitert. Trotz des Überangebots an Jungs um sie herum brachte bisher keiner die Disziplin auf, ihr professionelles Training über längere Zeit durchzuziehen. Dass die Tanzschule Sam engagierte, bedeutet, dass er wirklich gut sein muss. Das hofft sie zumindest.
»Was ist denn mit Miguel?«, fragt sie ihre Tanzlehrerin.
»Miguel hat sich heute Morgen krankgemeldet. Ich fürchte, es ist etwas Ernstes. Zum Glück bewarb sich vor ein paar Wochen Sam als Hospitant bei uns. Sonst hätten wir heute ein Problem gehabt, einen geeigneten Partner für dich zu finden.«
Ja, was für ein Glück , stimmt Vilca in Gedanken zu. Das verspricht eine aufregende Stunde zu werden.
»Das tut mir leid für ihn. Bitte richte ihm aus, dass ich ihm gute Besserung wünsche«.
Es tut ihr tatsächlich leid um Miguel, trotzdem kann sie ihre Vorfreude auf das Tanzen mit Sam kaum verhehlen. Ein Gefühl wie Schmetterlinge im Bauch breitet sich in ihr aus.
Auch Sam wundert sich über seine neue Tanzpartnerin. Als leidenschaftlicher Tänzer wollte er in Deutschland nicht aus der Übung kommen. Normalerweise hätte er das auch als eine gute Gelegenheit betrachtet, Mädchen kennenzulernen, aber im Moment steht ihm nicht der Sinn danach. Ihm geht es nur ums Tanzen.
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