»Mich täuscht man nicht so leicht. Du hast natürlich Recht. Die Avatare im Cyberspace sind eine Wundertüte. Was drin ist, weiß man erst nach dem Öffnen. Deshalb habe ich mit ihr beim letzten WoC Spiel gewettet. Wenn ich gewinne, muss sie mir ein unmanipuliertes Selfie schicken. Rate mal, wer gewonnen hat.«
Sams Augenbrauen schießen nach oben.
»Hoppla, das sind aber keine legalen Methoden.«
Urs schaut seinen Zimmergenossen verwundert an.
»Aber Hallo. Natürlich ist das legal. Ich habe ihr ein Angebot gemacht und sie hat zugestimmt. Sie hätte auch nein sagen können.«
»Sicher ist es das«, erwidert der Kalifornier beiläufig ohne den Blick von den Daten abzuwenden. Seine Augen springen zwischen Codesegmenten und Symbolen hin und her. »Doch bei deiner App ist das definitiv nicht der Fall.«
Der Bodybuilder richtet sich in seinem Stuhl auf und lässt seinen Blick auf dem Kalifornier ruhen.
»Sag mal, bist du wirklich so naiv oder tust du nur so? Natürlich ist das Tool illegal. Anders geht das doch nicht. Auf jeden Fall war ich schon mal auf der Zugspitze. Aber du wirst nie dahin kommen, wenn du weiter so moralisierst.«
Urs hat Recht, pflichtet ihm Sam in Gedanken bei. Legal ist so einem Regelwächter wie Huber nicht beizukommen. Um da was zu bewirken, muss man direkt in dessen Datenstruktur eingreifen. Dazu muss man erst mal zu dem Speicherort vordringen. Behördendaten werden von ausgeklügelten Sicherheitsprogrammen geschützt. Diese zu umgehen ist kein Kavaliersdelikt. Deren Daten zu manipulieren noch weniger.
Sams digitaler Assistent meldet sich zu Wort. Aus dem Nichts materialisiert sich ein Androide mit angedeuteten weiblichen Zügen und metallischer Oberfläche in einem warmen Goldton. Ihre Augen schimmern blau. Mit einem Nicken erteilt er der Roboterfrau das Wort. Kritisch verfolgt Urs den Vorgang.
»Darf ich daran erinnern, dass das technische Vermögen, Regeln und Gesetzte zu umgehen, jemanden noch lange nicht das recht dazu gibt, es zu tun.« Die Stimme der Droidin klingt weich mit einem synthetischen Akzent.
»Ha, dass ich nicht lache.« Urs klatscht mit den Händen auf die Lehnen. »Genau darum geht es ja. Die Gesetze sind nicht fair.«
Die Assistentin wendet sich ihm zu. »Doch. Der Platz auf dem Gipfel ist nun mal begrenzt. Es können nicht alle Leute gleichzeitig da rauf. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.«
»Sam, wo hat dein Homunkulus seine Daten her? Das stimmt doch hinten und vorne nicht.«
Der Kalifornier hebt die Augenbrauen und schaut Enola an. Die Frage bleibt unausgesprochen im Raum.
»Es stimmt. Die Behörden vergeben die Plätze nach einem Bewertungsschema«, gibt sie zu. »Darin gehen verschiedene Faktoren ein. Unter anderem, wie oft man schon da war und zeitliche Alternativen. Die Reihenfolge der Anmeldung ist nur ein Kriterium von vielen. Das ist so ähnlich wie mit der Kreditvergabe. Ein Algorithmus entscheidet, was man zu welchen Konditionen bekommt oder nicht. Niemand kommt auf die Idee, dieses Verfahren in Frage zu stellen.«
»Pfff«, macht Urs, »das ist doch nur offizielles Behördenblabla. Das hat nichts mit der Realität zu tun. Jeder weiß doch, dass da noch ganz andere Parameter mit einfließen.«
Der Berliner wendet sich seinem Zimmergenossen zu. »Hey, du lässt dich doch von so etwas nicht beeinflussen. Falls ja, habe ich dich völlig falsch eingeschätzt. Enttäusch mich jetzt bloß nicht.«
Diesmal ist es die Droidin, die einen fragenden Blick auf Sam wirft.
»Schon gut, Enola. Wir können ihm vertrauen. Du kannst offen sprechen.«
»Was ...?«, schießt Urs hoch.
Knarzend geht der Stuhl in seine Ausganglage zurück. Die Droidin geht ein paar Schritte, begleitet vom leisen Surren virtueller Elektromotoren. Vor dem Bodybuilder bleibt sie stehen. Ihre Blicke verhaken sich.
»Sie haben vollkommen recht Herr Schweizer. In Europa ist es wie überall auf der Welt. Der wichtigste Faktor in dem Algorithmus ist der Citizen Score. Je höher der ist, desto schneller bekommt man, was man möchte.«
»Ha, ich wusste es«, triumphiert der Berliner. »Je angepasster man lebt, desto mehr wird man vom System bevorzugt. Deine - wie heißt sie noch? - Enola ist die schlauste Cyberassistentin, die mir je begegnet ist. Alle Achtung Sam, die hast du gut ausgebildet.«
Enola bedankt sich mit einem Flirtblick und streicht ihm über die Wange, während sie sich Sam zuwendet.
»Soll ich dir helfen?«
»Programmanalyse«, nickt ihr Meister.
Innerhalb weniger Sekunden füllt sie die friedliche Flusslandschaft mit Codefenstern, Diagrammen und Symbolen für Hilfsprogramme. Sam geht herum und schaut sich die Anmerkungen seiner Assistentin zu den verschiedenen Befehlszeilen an. An einer Stelle bleibt sein Blick hängen.
Er winkt Urs heran und deutet mit dem Finger darauf. »Dein Programm stammt aus der Kodierfeder eines Profis. So viel ist sicher. Schau mal hier. So programmiert einer, der weiß, was er tut.«
Der Bodybuilder geht los, um sich die Passage genauer anzusehen. Dabei macht er einen Bogen um Enola und wirft ihr einen abschätzenden Blick zu. Sie lächelt mehrdeutig.
»Eine wirklich interessante Assistentin hast du da. Das ist definitiv nicht Standard. Schade, dass sie nur virtuell existiert.«
Da Sam nicht antwortet, schaut er sich den Abschnitt an. Stirnrunzelnd hebt er den Kopf.
»Ich verstehe von solchen Sachen nicht viel. Ich bin kein Programmierer, sondern Anwender. Wieso probierst du die App nicht einfach aus? Dann siehst du schon was sie kann. Vom Anschauen alleine wirst du jedenfalls nie herausfinden, ob sie was taugt oder nicht.«
»Du hast recht. Aber bei einem Eingriff in Behördendaten kann man nie vorsichtig genug sein. Um so ein Programm beurteilen zu können, braucht es jahrelange Erfahrung und ausgefeilte Analysewerkzeuge. So wie meine.«
Urs lehnt sich zurück und schaut seinen Zimmergenossen von oben herab an.
»Aha.«
»Ja«, erwidert Sam trocken, Urs presst die Lippen zusammen. Der Kalifornier sieht darüber hinweg.
»Programmstart vorbereiten«, kommandiert er seine Assistentin. Hier und da greift er mit Befehlen und Gesten korrigierend ein. Als sich eine Hand schwer auf seine Schulter legt, hält er inne. Urs dreht ihn zu sich herum. Sam versucht sich dem Druck zu widersetzten, aber gegen diese Kraft ist er chancenlos. Hinter Urs scheint sich ein Unwetter zusammenzubrauen.
»Jetzt hör mal gut zu Häuptling staubiger Windhund. Du ziehst hier eine imposante Show ab«, knurrt er. »Aber mich führt man nicht so leicht hinters Licht. Wir reden hier von der besten App, die man in Europa kriegen kann. Ich habe eine Menge Geld dafür bezahlt und sie bestimmt schon dutzende Male eingesetzt. Ohne die geringsten Probleme. Und da kommst du mit deinem großspurigen Getöse daher und spielst dich als Fachmann auf. Für wen hältst du dich?«
Sam hebt beschwichtigend die Hände: »Schon gut, beruhige dich. Ich bin nur vorsichtig.«
Er schüttelt Urs' Hand ab und startet die App. Gespannt schaut er auf seine Wächterprogramme. Seine Stirn wirft Sorgenfalten. Nichts rührt sich. Schließlich konfiguriert er die Behördendatenbank um und verwischt seine Spuren mit Enolas Hilfe. Zu guter Letzt erscheint die Genehmigung als digitales Zertifikat in ihrer Augmented Reality.
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