»Das ... ist in der Tat beeindruckend«, gibt der Student zu.
Huber hebt die Schultern. »Du wolltest es unbedingt wissen.«
Aufgrund Sams Körpersprache fühlt sich das Programm genötigt eine Erklärung nachzuschieben.
»Es ist einfach eine Angelegenheit von Angebot und Nachfrage. Man leiht sich einen Oberklassewagen. Gegen einen Aufpreis bekommt man die Erlaubnis, am Samstagmorgen um zwei Uhr dreißig auf der Autobahn von Berlin nach Garmisch-Partenkirchen zu fahren. Mit zweihundertneunzig Kilometer pro Stunde ist man in zwei und einer halben Stunde da. Zu diesen Konditionen sind noch zwei Plätze frei.«
Deutschland, das Land der schnellen Autos. Auch darauf hatte ihn seine Mutter hingewiesen. Wo andere einen Schnellzug hin bauen, rast hier der Individualverkehr. Für den, der es sich leisten kann.
Dem Studenten reicht's. Mit einem trockenen »Danke« und einer eindeutigen Geste beendet er das Gespräch. Während er noch über den tieferen Sinn der deutschen Verkehrsstromoptimierung grübelt, kommt sein Zimmergenosse heim.
Obwohl er ihn bereits ein paar Wochen kennt, staunt Sam immer noch, wie der Bodybuilder es schafft, durch die Tür zu kommen, ohne steckenzubleiben.
»Hallo Urs«, begrüßt er ihn.
Mit einem »Tag Sam« und Bikerstiefelgepolter baut sich der Besitzer der Muskelberge vor ihm auf. Keine Kleidergröße scheint ihm gerecht zu werden. Normaler Stoff auch nicht. Der Kalifornier vermutet, dass sein Zimmergenosse aus diesem Grund irgendwann auf Ganzlederoutfit umstieg.
Der Berliner besitzt ein feines Gespür für die Gemütslage seiner Mitmenschen.
»Was ist los? Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?«
Urs lässt sich mit Schwung in seinen Ledersessel fallen. Obwohl XXX-L dimensioniert, protestiert das Sitzmöbel knarzend gegen die Belastung.
In kurzen Worten erläutert der verhinderte Zugspitztourist die Situation.
»Ah, ich sehe, du hast dich mit AlpTourist angelegt«, erwidert sein Kommilitone mit breitem Grinsen. »Das ist ein typischer Anfängerfehler.«
»Was meinst du damit?«
Der Bodybuilder zwinkert mit einem Auge und deutet auf sein ViDA. Sam versteht die Geste als Andeutung, dass er ein vertrauliches Gespräch wünscht. Urs malt mit den Händen Zeichen in die Luft. Nachdem er damit fertig ist, wendet er sich Sam zu.
»So, jetzt können wir ungestört sprechen.«
»Moment mal«, unterbricht ihn Sam. »Du befürchtest, dass uns hier jemand belauscht?«
Der Gedanke bereitet ihm Unbehagen. Unwillkürlich nimmt er die Einrichtung ihrer Studentenbude in Augenschein. Auf den ersten Blick wirkt sie spartanisch. Ein Bett, ein Schrank und ein Schreibtisch. Für jeden. Küche und Bad separat; Meisterwerke multifunktioneller Zweckraumgestaltung. Die Wände in neutralem Weiß gehalten.
Auf den zweiten Blick - visuell erweitert über sein ViDA - sieht das Ganze bereits viel gemütlicher aus. Die Projektion von Bildern und Daten direkt auf die Netzhaut verändert die physikalische Realität. Obwohl es sich dabei um einen optischen Trick handelt, lässt sich das Gehirn leicht täuschen. In Sams künstlicher Welt lebt er an einer Flussbiegung unter freiem Himmel. Dort, wo in seinem Paradies ein Tipi steht, ist die Küche, das Bad direkt am Wasser und ihre Server stehen hinter der Couch.
Beim Anblick des Sitzmöbels stutzt er. Auf ein Zeichen hin wird es durchsichtig und gibt den Blick auf die Internetschnittstelle frei. Alle elektrischen Geräte sind darüber mit dem Cyberspace verbunden, Symbole und Graphiken visualisieren die Datenströme. Nichts Auffälliges. Die Überwachungs- und Schutzprogramme hatte er natürlich sofort nach dem Einzug installiert. Sollte er etwas übersehen haben? Der Berliner bemerkt seine Besorgnis.
»Offiziell natürlich nicht. Aber sicher ist sicher. Mit WLAN kann man durch Wände sehen und aus den Vibrationen einer Fensterscheibe Sprache extrahieren. Es gibt immer und überall einen Datenjäger auf der Suche nach verwertbarem Material.«
Na, wenn's weiter nichts ist , denkt Sam.
»Und was hast du unternommen, um das zu unterbinden?«
Urs wirft ihm einen abschätzenden Blick zu. Schließlich zuckt er mit den Achseln. Er greift in die Luft, als pflücke er einen Apfel und wirft ihn Richtung seines Mitbewohners.
»Warum nicht? Ich denke, ich kann dir vertrauen«, begründet er seine Handlung.
Geschickt fängt Sam das zugeworfene Objekt auf. Es handelt sich um einen Schlüssel. Der Kalifornier befestigt ihn an seinem virtuellen Schlüsselring. Mit dieser Aktion erscheinen die Programme und Maßnahmen, die sein Zimmergenosse zum Schutz ihrer Privatsphäre getroffen hat in Sams Augmented Reality. Gleichzeitig lässt er ihn seine Version ihres Studentenapartments sehen.
Durchschnitt, verrät ihm sein Expertenblick bezüglich der Schutzprogramme innerhalb weniger Sekunden. Mehr sollte für eine normale Studentenbude auch nicht notwendig sein. Viel interessanter findet er Urs' Wohnwelt. Seiner nicht unähnlich. Nur, dass der Berliner in einer Blockhütte haust, die jeden erdenklichen Luxus bietet.
Sam zieht die Augenbrauen hoch.
»Ich bin beeindruckt, was du aus unserem schlichten Appartement gemacht hast«, wendet er sich an den Bodybuilder.«
Dieser fasst das als Kompliment auf.
»Nicht wahr? Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, das zu arrangieren. Deine ist aber auch nicht schlecht. Ich liebe virtuelle Welten und Spiele. Vor allem World of Cyberdreams. Wollen wir zusammen mal einen Level spielen?«
»Ein anderes Mal gerne«, lehnt Sam das Angebot ab. »Jetzt muss ich mich erst mal um den Huber von AlpTourist kümmern. Sonst wird das nichts mit dem Wochenende.«
Urs nickt.
»Genau. Was du brauchst, ist das hier.«
Wieder greift er ein Objekt aus seiner Augmented Reality und wirft es Sam zu.
»Fährst du eigentlich alleine oder nimmst du jemanden mit?«, will Urs wissen, während Sam die App startet.
Interessiert schaut sich der Kalifornier nacheinander die verfügbaren Optionen an. Dann hebt er den Kopf. Urs‘ Ledersessel steht in Sams digital angereicherten Welt mitten auf einer Wiese. Ein Schmetterling mit blauen Flügeln sitzt auf der Lehne.
»Alleine. Es sei denn du hast Lust und kommst mit.«
»Tut mir leid, mein Freund, aber ich habe dieses Wochenende schon was Besseres vor. Da kannst du nicht mithalten.« Ein geheimnisvolles Lächeln spielt um seine Lippen.
»Verstehe. Ein echtes Date oder eines im Holoversum?«
Urs druckst etwas herum. Dann entschließt er sich, mehr zu erzählen.
»Ich habe in World of Cyberdreams ein Mädchen kennengelernt. Sie ist echt gut und ihr Avatar sieht voll krass aus.«
Sam schüttelt belustigt den Kopf. Nebenbei untersucht er Urs‘ App auf seine Fähigkeiten.
»Jeder kann sich in der virtuellen Realität einen geilen Avatar schnitzen. Das heißt gar nichts. Nicht mal, dass da wirklich ein Mensch dahintersteckt.«
Der Bodybuilder beugt sich mit einem selbstbewussten Grinsen im Gesicht vor. Der Schmetterling flattert verschreckt davon.
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