Der Abstand zum Motorrad vor ihm verkürzt sich. Er kann seine Vorfreude kaum unterdrücken. Endlich eröffnet sich ihm eine Chance, es der ewigen Siegerin zu zeigen. Wenigstens einmal im Leben will er schneller sein als Sophie.
Monate intensiven Trainings liegen hinter ihm. Jetzt ist er im Flow. Alles ist eins. Die Straße, die Maschine, er selbst. Sein Vater lehrte ihn diese Meditationstechnik. Ein uraltes Ritual aus einer Geisterbeschwörungs- zeremonie. Seine schwarze Motorradkombi mit türkisen Navajosymbolen passt perfekt dazu.
Ein wunderbares Gefühl. Pures Adrenalin fließt durch seine Adern. Meter um Meter holt er auf. Schon ist er direkt hinter ihr. Gleich wird die Stelle kommen, an der er überholen kann. Es ist die einzige Stelle, die so kurz vor dem Ziel noch dafür in Frage kommt. Sam geht das Überholmanöver in Gedanken zum millionsten Mal durch. Soll er es wagen? Alles ist perfekt. Er muss es tun. Es gibt kein Zurück. So eine Chance bekommt er nie wieder. Im Grunde genommen ist es Wahnsinn, auf einer Passstraße in einer Kurve innen zu überholen. Aber es gibt keine Alternative. Er hatte sämtliche Varianten durchprobiert und verworfen.
Sophie legt ihr Motorrad in die Kurve. Ihr roter Schutzanzug glänzt in der Sonne. Sam folgt der Bewegung. Er muss nur die Geschwindigkeit halten und sein Motorrad flacher legen als sie. Der Rest ist angewandte Mathematik. Auf der Innenseite ist der Radius kleiner und demzufolge der Weg durch die Kurve kürzer. So würde er an ihr vorbeikommen und hätte gewonnen. Zum ersten Mal. Der Sieg ist zum Greifen nah. Es kann nichts schiefgehen. Sam hat es oft genug simuliert. Doch dieses Mal ist es real.
Noch nie spürte er das Leben so wie in diesem Moment. In seinen Adern fließt pures Adrenalin. Endlich bekommt er eine Ahnung, was seine Freundin an diesen Extremsituationen so liebt. Mittlerweile ist er auf Höhe ihres Hinterrades. Sein Knie schwebt nur Millimeter über der Straße.
Sam sieht das Unheil wie in Zeitlupe auf sich zukommen. Es gibt keine Möglichkeit, der Katastrophe auszuweichen. Er liegt so flach in der Kurve, dass seine Reifen auf dem Split sofort den Halt verlieren. Sein Motorrad rutscht seitlich in ihr Hinterrad.
Die Fahrerin bekommt keine Chance zu reagieren. Sophies Bike schleudert, sie verliert die Kontrolle, prallt gegen einen Felsbrocken am Straßenrand und wird im hohen Bogen durch die Luft gewirbelt. Das Geräusch des Aufpralls der Maschine brennt sich für immer in sein Gedächtnis ein.
Er rutscht zusammen mit seinem Motorrad über die Straße. Alles um ihn herum verschwimmt und ein Heulen martert seine Ohren. Sämtliche Airbags werden ausgelöst und dämpfen den Aufprall an der Felswand. Trotzdem verliert er das Bewusstsein.
***
Das Mädchen passt den Moment ab wie ein Krokodil, das im trüben Wasserloch auf seine Beute lauert. Den Augenblick nutzend, als ihr Vater zurück in den Stall geht, schwingt sie sich auf den Hengst.
Das Tier ist nicht mit Geduld gesegnet. Es wartet nicht, bis ihm die Reiterin die Sporen gibt. Es galoppiert sofort los. Auch verschwendet es keinen Gedanken daran, den Korral durch das Gatter zu verlassen. Stattdessen springt es über den Zaun.
»Yipppiiiieeeehhh« schreit die Kleine und spornt das Pferd an. »Schneller Wakanda, schneller!«, ruft sie ihm zu und legt sich flach über den Hals des Hengstes. Ihre Haare flatterten hinter ihr her wie ein Panther, der versucht sie einzuholen.
Sam überlegt nicht lange, sondern schwingt sich ebenso auf sein Pferd und galoppiert seiner Freundin hinterher. Wie immer die Augen fest auf die rote Bluse gerichtet.
Erst jetzt kommt ihr Vater aus dem Stall gerannt. Ihm bleibt nur noch, den Staubfahnen hinterher zu sehen.
Sophie genießt es, am Limit zu reiten. Sie spornt ihr Pferd zur Höchstleistung an. Sie weiß, dass es gefährlich ist, in dem Gelände so schnell zu reiten. Gerade das reizt sie. Für den Hengst ist sie eigentlich noch zu klein. Das spornt sie noch mehr an. Ihre Sinne sind aufs Schärfste gespannt. Neben ihr fliegt die Landschaft vorbei, alles verwischt. Vor sich nimmt sie jedes noch so kleine Detail wahr.
Sie fühlt sich eins mit ihrem Pferd. Es reagiert auf die geringste Bewegung von ihr. Mit sicherem Instinkt lenkt Sophie den Hengst. Größeren Hindernissen weicht sie aus, über kleinere springt sie hinweg. Schon taucht der Fluss vor ihr auf. Zu dieser Jahreszeit führt er wenig Wasser. Sie überquert ihn im vollen Galopp. Nur in Momenten wie diesen lebt sie wirklich. Der Rest ist grau und eintönig. Erst am anderen Ufer angekommen, verlangsamt sie das Tempo und dreht sich nach Sam um.
Sophie ist enttäuscht. Sam ließ sich auf der kurzen Strecke eine halbe Meile abnehmen. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis er endlich ankommt.
»Wie schaffst du es nur, so viel aus Wakanda herauszuholen?«, fragt er atemlos. »Ich bin so schnell geritten, wie ich konnte. Trotzdem habt ihr mich abgehängt.«
Das Mädchen wirft den Kopf in den Nacken und schaut ihn von oben herab an.
»Das sieht aber nicht danach aus«, erwidert Sophie scharf. »Vielleicht liegt es daran, dass du die Peitsche benutzt. Wakanda braucht das nicht. Ich bitte ihn, über die Weide zu fliegen und er tut das für mich. Vielleicht solltest Du das auch mal probieren.«
Bevor Sam Gelegenheit bekommt etwas zu erwidern, blitzt es in ihren braunen Augen auf. Sie gibt Wakanda die Sporen und galoppiert an ihm vorbei, wieder zurück zu der kleinen Ranch. Er sieht ihr nach. Das Bild verblasst und er ist wieder auf der Straße. Er wundert sich, warum ihm alle Knochen wehtun. Wieso er auf dem Boden liegt. Er erinnert sich.
Trotz seiner Schmerzen erhebt er sich und macht sich auf die Suche nach Sophie. So wie sie durch die Luft geflogen ist, befürchtet er das Schlimmste. Ihr Motorrad ist Schrott. Über ihm schrillt ein Adler.
Der Geruch von heißem Öl und Benzin wabert über den Trümmern. Es ist ihm egal, ob sie explodieren werden oder nicht. Zum ersten Mal verspürt er Angst um seine Freundin. Hat er einen Fehler gemacht? Sein Herz rast. Wo ist sie? Er schaut sich um und sieht sie etwa zwanzig Meter unterhalb der Straße auf einem Felsen liegen.
Es dauert, bis er hinuntergeklettert ist. Dabei muss er an frühere Wettrennen denken. Sophie liebt das Risiko. Nichts kann ihr extrem genug sein. Noch nie ist ihr etwas dabei passiert. Noch nie kam Sam so nahe an sie heran wie heute.
Jetzt liegt sie regungslos vor ihm. Die Airbags Ihrer Kombi zerfetzt von den scharfen Kanten der Felsen, Arme und Beine unnatürlich verdreht. Sams Herz setzt aus. Sie ist tot.
Trotz der Schmerzen in den Beinen kniet er sich neben sie und checkt den Health-State-Monitor. Doch sie lebt noch. Sams Puls beruhigt sich etwas. Ein Notfallteam ist alarmiert, wird aber achtundvierzig Minuten bis hierher brauchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sophie überlebt, liegt bei fünfundsechzig Prozent.
Fünfundsechzig Prozent! Sam rauft sich die Haare. Er legt den Kopf in den Nacken und schreit seinen Seelenschmerz heraus. Felswände werfen den Schall zurück. Das kalte Echo erschüttert ihn.
Der Health-State-Monitor warnt ausdrücklich davor, sie zu bewegen. Sam weiß, dass die Verletzungen sehr schlimm sein müssen. Niemand hört seine Schreie.
Da er sonst nichts für sie tun kann, streicht er ihr die Haare aus dem Gesicht. Die Zeit steht still. Sam weiß, dass er sich schuldig fühlen sollte. Er kann es nicht. Stattdessen denkt er daran, wie oft er Sophie von solchen Stunts abbringen wollte, doch sie überredete ihn immer wieder zum Mitmachen.
Dabei war sie wenig zimperlich. Wenn er nicht wollte, setzte sie ihre weiblichen Reize ein oder die Drohung, ihn zu verlassen. Das wirkte jedes Mal. Oft fragte er sich, warum sie so ist.
Was hätte er tun können, den Unfall zu vermeiden? Hatte er nicht alles versucht? Sam hatte sogar ein spezielles Interface entwickelt, in der Hoffnung, dass sie sich Ihren Kick hin und wieder in einer virtuellen Umgebung holen würde. Aber Sophie hatte das von Anfang an abgelehnt.
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