»Vier Jahre harte Arbeit. Wir beide sind die Besten auf diesem Gebiet. Jetzt haben wir die Möglichkeit, es zu beweisen. Eine größere Herausforderung und Erfüllung für eine Wissenschaftlerin gibt es nicht. Du weißt, dass ich Recht habe. Und ich weiß, dass du es willst.«
Das markante Kinn als Zeichen seiner Willensstärke und das Gesicht mit den braunen Augen, das so viel Charisma ausstrahlt. Darin findet sie Ruhe und die Gewissheit, dass alles, was er entscheidet, richtig ist. Trotzdem ist sie noch nicht zufrieden.
»Da ist noch etwas, was mich beunruhigt.«
Der Genetiker hebt erstaunt die Augenbrauen.
»Der IQ von Zweihundertvierzig ist vielleicht doch etwas übertrieben. Ich fürchte, dass sie es damit schwer haben wird, einen Freund finden. Wir leben zwar in der Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts, aber manche Dinge ändern sich wohl nie.«
Marek zögert. »Sie soll als Künstlerin Karriere machen. Da ist ein fester Freund sowieso nur hinderlich«, meint er sachlich.
Ivanna antwortet mit einem Blick, der sich wie Dolche in seinen Kopf bohrt. Draußen treiben Windböen den Regen ans Fenster. Ein Feuer prasselt im Kamin vor sich hin. Im Hintergrund sorgt Klaviermusik für eine entspannte Stimmung. Eine zeit- und namenlose Komposition für abendfüllende Gespräche.
»Also gut«, lenkt er ein. »Wenn es Dir so wichtig ist, reduzieren wir den IQ eben auf einhundertachtzig. Das macht das Genom etwas stabiler und kann nie schaden.«
»Einhundertachtzig Punkte sind vielleicht immer noch ...«, überlegt Ivanna laut.
»Also weniger geht fast nicht«, unterbricht sie Marek. »Das wird sonst unglaubwürdig bei diesen Eltern.« Stolz reckt er dabei seine Brust heraus. »Außerdem, du willst doch nicht, dass unsere wunderhübsche Tochter ein doofes Blondchen wird.«
Ivanna rutscht auf ihrem Sitz hin und her und zupft an ihrem Kleid herum. Wie leichtfertig ihr Mann mit den Eigenschaften ihres Kindes umgeht. Ist es richtig, was wir tun?, fragt sie sich. Wir entscheiden über schicksalsbestimmende Attribute eines Menschen. Wie bei einer Ware aus dem Katalog.
Sie ist von ihren Gefühlen zerrissen. Einerseits der Konflikt mit Moral und Gesetz. Auf der anderen Seite der Stolz, als Wissenschaftlerin mit ihrem Mann ein perfektes Genom erschaffen zu haben. Sie ist eine Frau, die endlich Mutter werden möchte. Erst vor ein paar Wochen bekamen sie die Genehmigung. Bei elf Milliarden Menschen keine Selbstverständlichkeit. Schließlich siegt ihre Sehnsucht nach einem Kind.
1 Behördenkram
Deutschland. Das Land der Regeln, Vorschriften und Gebote. Sam hätte sich nie träumen lassen, welche Ausmaße eine gesetzliche Verkehrsstromoptimierung annehmen kann. Seit gefühlt Stunden versucht er dem freundlichen Herrn von AlpTourist klarzumachen, dass er dieses Wochenende einen Ausflug auf den höchsten Berg Deutschlands unternehmen möchte.
»Nein, Huber. Ich möchte keinen Trip auf die Zugspitze in vierzehn Monaten buchen. Samstag habe ich Zeit. Das ist übermorgen.«
Der Archetyp eines Bayern in krachlederner Trachtenuniform zeigt sein Mitgefühl. Sam analysiert die Mimik des Avatars in seiner Virtual Reality. Ob dahinter ein Mensch steckt? Vermutlich nicht. Der hätte mittlerweile aus Zeitgründen längst das Gespräch beenden müssen, schlussfolgert Sam.
Man sitzt sich gegenüber an einem rustikalen Holztisch in einem Holovers. Die virtuelle Welt gestaltet nach einem Klischee, auf das sich die norddeutsch-internationale Gemeinschaft einigte, wie bayerische Almhütten auszusehen haben.
Zu Hause wäre er einfach losgefahren. Zumindest in Kalifornien geht das problemlos. In Deutschland nicht. Das Land ist eines der am dichtest besiedelten weltweit. Das erzwingt strikte Kontrolle der Verkehrsströme. Besonders am Wochenende in Richtung Alpen, behauptet Huber.
Er hätte sich nie mit diesem Agenten eingelassen, wenn nicht unbedingt nötig. Kein Transportmittel lässt sich ohne Genehmigung buchen. Huber ist das Nadelöhr, durch das man sich quetschen muss, um diese zu erlangen. Seine Mutter sagte nichts von solchen Schwierigkeiten, als sie ihm die Sehenswürdigkeiten Deutschlands anpries.
Hinter der Animation des Vertreters von AlpTourist steht ein Programm, dessen kognitive Fähigkeiten auf tieflernenden Algorithmen beruhen. Der Kalifornier gesteht ihm zu, dass es sich um besonders ausgetüftelte handelt. Trotzdem beschränk es sich auf die äußeren Rahmenbedingungen. Die wahre Leistung dieser Maschinenintelligenz ist es, die angebotenen Optionen ausgesprochen interessant erscheinen zu lassen.
Dafür arbeitet sie mit allen psychologischen Tricks. Sam hingegen will unbedingt dem Programm seinen Reisewunsch schmackhaft machen. Er beschließt, einen letzten Versuch zu starten. Falls das nicht fruchten sollte, plant er auf kreative Alternativen auszuweichen.
»Huber, ich gebe dir Zugriff auf meinen Studienplan. Daraus geht eindeutig hervor, dass es nur dieses Wochenende geht.«
Mit einer Geste gibt Sam die Daten frei. Hubers freundlicher Gesichtsausdruck erstarrt für einen Moment, während er die Informationen verarbeitet. Das Ergebnis entspricht nicht den Erwartungen des Studenten.
»Sam, ich danke dir für dein Vertrauen. Deine Daten werden selbstverständlich nur für diese Transaktion verwendet und danach gelöscht. Ich verstehe dein Problem, aber zu meinem allergrößten Bedauern sehe ich trotzdem keine Möglichkeit für einen Besuch der Zugspitze für diesen Samstag. Als Alternative schlage ich einen Besuch im Freilichtmuseum Glentleiten vor. Das liegt hoch über dem Kochelsee. Von dort hat man einen traumhaften Blick auf die Alpen inklusive der Zugspitze.«
Sam studiert die eingeblendete Karte. Immerhin wäre er dann schon in der Nähe. Vielleicht ergibt sich ja vor Ort eine Chance.
»Es tut mir leid. Der Zugspitzgipfel ist ausgebucht. Das gilt für alle. Egal ob man aus Berlin oder einem Ort in der Nähe anreisen möchte. Auch von Glentleiten aus kommst du nicht auf den Gipfel. Für begehrte Termine buchen manche schon auf Jahre im Voraus. Ich kann dich natürlich auf die Warteliste setzen, aber bei der Länge strebt die Wahrscheinlichkeit für dieses Wochenende gegen null.«
Sam reißt die Augenbrauen in die Höhe. Das Programm scheint Gedanken lesen zu können. Womöglich unterschätzte er die Algorithmen. Offenbar sind sie Meister darin, Körpersprache zu interpretieren. Er nimmt sich vor, bei Gelegenheit zu checken, wer den Code schrieb.
»Nehmen wir mal an, Geld spielt keine Rolle. Welche Optionen gäbe es dann?«, will Sam wissen.
Huber schüttelt so energisch mit dem Kopf, dass der rasierpinselartige Busch auf seinem Hut wackelt. Enola, Sams digitale Assistentin behauptet, das Teil heiße ‚Gamsbart'. Sam muss über die Bezeichnung schmunzeln. Seines Wissens haben Gämsen keinen Bart. Er persönlich akzeptiert den Brauch, sich Tiertrophäen anzustecken. Immerhin gehörten echte Adlerfedern zur Stammestracht seiner Vorfahren.
»Du hast nicht genügend Geld für andere Optionen«, belehrt ihn Huber.
Fasziniert registriert der Student, wie Huber gleichzeitig Bedauern und Sympathie ausdrückt.
»Egal, ich will es wissen.«
Huber zögert noch einen Moment. Sam versteift sich.
»Na gut«, seufzt Huber. »Aber auf deine Verantwortung. Mach' mir keine Vorwürfe, wenn du geschockt bist.«
Neben dem Agenten erscheint das Angebot. Säße Sam nicht bereits auf einem Stuhl, hätte es ihn umgehauen. Der Preis bewegt sich in astronomischen Größenordnungen. Nicht nur für seine Verhältnisse.
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