„Vielleicht hat er aber auch einen Anruf bekommen und musste dringend irgendwo hin.“ Sie schüttelte den Kopf, war den Tränen nahe und er ging an die Theke, um sich ein neues Bier und ihr einen weiteren weißen Hauswein zu bestellen. Zusätzlich kaufte er zwei Whiskys und kaum hatte er die vier Gläser auf dem Tisch abgestellt, da war sie ganz verändert und fragte ihn frivol:
„Willst du mit mir schlafen?“
Er runzelte die Stirn und lächelte verlegen, erwog sogar eine Sekunde lang zuzustimmen, was ihn selbst überraschte, aber dann entgegnete er:
„Äh, lieber nicht. Da setzt du auf den Falschen. Für derartige körperliche Aktivitäten bin ich zu müde. Ich würde sicherlich gleich einschlafen.“
„Aber als du gekommen bist, hast du mich begehrt“, empörte sie sich, „und nun bin ich dir zu betrunken. Aber ich bin in Wirklichkeit nicht betrunkener als du, aber du hast Angst vor dir selbst und alles ist nicht gerecht.“
„Mag sein“, sagte er abwehrend.
Sie legte ihre kalte Hand auf seine Wange und durchbohrte seine Augen, dann lächelte sie und fuhr fort:
„Ich will dich - wirklich.“ Dieser Situation fühlte Jannek sich nicht mehr gewachsen. Mühsam entwand er sich, stand auf und stammelte steif:
„Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber ich möchte jetzt wirklich gehen.“
Er torkelte an einer kleinen Stadtteilbücherei vorbei. Sie war geöffnet und er wunderte sich, dass es noch so früh war. Durch die Scheiben sah er, wie Teenager sich um Computer drängten. Gegenüber bei einer Bushaltestelle ging er hinter ein Stromhäuschen und pinkelte dort in den Schlamm. Es war weiterhin ein aggressiver Verkehr im Gange, Autos schlingerten durch den Schneeregen, streuten weit ihr Licht. Jannek machte einen unkontrollierten Schlenker, warf seine nass gewordene Kippe weg, die sowieso seinen Schwindel nur gesteigert hatte, und hob sein Gesicht nach oben. So lange er konnte, hielt er die Augen geöffnet, beobachtete die vom Straßenlicht graugelben Schneeklümpchen und wie sie in sein Gesicht fielen. Er dachte an den Saturn, der irgendwo hinter diesem dichten Berg aus Watte lag und bestimmt auch gelblich glomm.
Zu Hause kochte er Spagetti und wärmte eine Fertig-Tomatensoße auf. Sein Mitbewohner kam von der Arbeit. Jannek und er hatten sich in einer WG kennengelernt und als es dort unerträglich wurde, hatten sie sich zusammen diese kleine Wohnung genommen. Sie war gerade so bezahlbar, aber zu eng für zwei, die kein Paar waren. Es gab zu viele Reibungspunkte. Der Mitbewohner hatte einen Freund mitgebracht. Sie setzten sich im Wohnzimmer vor den Fernseher, zogen ihre nassen Sportschuhe aus und ein unangenehmer Gestank verbreitete sich bis in die Küche. Jannek aß schnell, wusch flüchtig das Geschirr ab und zog sich in sein Zimmer zurück, wo er sich auf das Bett legte und zur Ausnüchterung Pfefferminztee trank. Er fühlte sich unwohl, kam sich irgendwie zu alt vor für diese Art Leben und dachte darüber nach, ob es nicht an der Zeit wäre, Veränderungen vorzunehmen. Veränderungen, die die Lebensqualität erhöhten und die Ungewissheiten auf ein kalkulierbares Maß zurückschraubten.
In den frühen Morgenstunden erwachte er mit einem Kater, lief unruhig, barfuß und in Unterhose durch die Wohnung, trat im Wohnzimmer in ein ekliges, weißes Pulver, versuchte es wieder abzutreten, aber es war überall und bildete Klümpchen. Auf dem Fensterbrett entdeckte er eine leere Dose auf der stand: ‚Carpet Odour Destroyer - Improved Formula - Super Fresh‘. Auf der Straße beobachtete er den jamaikanischen Opa aus dem Haus nebenan, der von einer Sause, die offenbar ganze Nacht angedauert hatte, die Straße entlangtorkelte.
Da sich Jannek bei einem Wettbewerb für eine Gruppenausstellung beworben hatte, musste er einige seiner Bilder zu einer Sammelstelle bringen, wo sie begutachtet und angenommen oder abgelehnt werden sollten. Über tausend Künstler beteiligten sich daran. Er verließ am ‚Piccadilly Circus‘ die U-Bahn und rollte seinen Koffer, der kleinere Bilder enthielt, durch die ersten Touristenscharen. Seine Hoffnung, dass viele Künstler lieber ausschliefen, als sich früh morgens auf den Weg zu machen, bestätigte sich, denn bei der Abgabe musste er gar nicht lange warten. Er steckte den Bestätigungsabschnitt ein und während er den leeren Koffer zurück in Richtung U-Bahn schob, überlegte er, ob es nicht besser wäre, den angebrochenen Tag, mit Erledigungen zu vergeuden, statt müde im Atelier herumzuhängen.
Er kam an einem japanischen Geschäft vorbei und trat ein, um grünen Tee zu kaufen. Geduldig studierte er die Regale, wendete Teepäckchen hin und her, stellte die teuren gleich wieder zurück, andere behielt er in der Hand, ohne aus den Schriftzeichen richtig schlau zu werden, als eine schlanke Frau mit glattem schwarzem Haar und einem Pony, die neben ihm etwas suchte, sagte:
„Dies ist grüner Tee mit Reis.“ Ihr kugelrundes, ebenes Gesicht strahlte und sie zeigte auf eines der Pakete. „Und dies ist ein einfacher Sencha Tee.“
„Vielen Dank, das ist sehr hilfreich“, sagte Jannek verlegen und stellte den Tee mit Reis schnell wieder ins Regal zurück. Sie zögerte noch einen Moment, als müsse sie sich erst besinnen, was sie eigentlich wollte, nahm dann auch ein Teepäckchen aus dem Regal und lief, den Einkaufskorb vor sich hin haltend, durch die Reihe. Jannek bugsierte umständlich seinen schäbigen Koffer und seinen Korb zur Kasse. Dort traf er wieder auf die Frau und sein Herz schlug plötzlich auf Heftigste, bis hoch in seinen Hals.
„Ich hatte nur etwas zu transportieren“, sagte er zu ihr, weil sie argwöhnisch den Koffer musterte, „für die U-Bahn war der Koffer am praktischsten. Wohnst du auch in London?“
„Ja, in Islington.“
„Es mag vielleicht etwas ungelenk wirken, aber ich weiß nicht, wie man es anders macht: Wollen wir vielleicht irgendwann mal zusammen Essen gehen?“ Es hatte ihn große Überwindung gekostet zu fragen und er war froh, dass er nun auch an der Reihe war zu bezahlen. Sie senkte ihren Kopf und errötete, was er bezaubernd fand. Als sie an der Kasse nebenan auch bezahlt hatte, nickte sie ihm zu. Vor der Tür tauschten sie rasch ihre Namen und Telefonnummern aus. Jannek war froh, als er sich aus dieser Situation befreit hatte. In der U-Bahn überprüfte er, ob er ihr Geschriebenes lesen konnte. Sie hieß Toshiko. Überglücklich fuhr er nach Hause.
Schon zwei Tage später trafen sie sich in einem japanischen Restaurant. Toshiko erzählte viel von ihrer Tochter Maud, die gerade mal ein halbes Jahr alt war. Der Vater, ein älterer Engländer, hatte sich, als sie schwanger geworden war, von ihr getrennt, und auch nach der Geburt nicht für das Kind interessiert. Da er mittellos war, bezahlte er auch keinen Unterhalt. Deshalb war Toshiko mit dem Baby nach Japan gefahren und hatte es bei ihren Eltern gelassen. Nun wollte sie es so schnell wie möglich, wieder zu sich holen. Deshalb arbeitete sie morgens in einem Blumengeschäft und kombinierte Sträuße, nachmittags bereitete sie in einem japanischen Restaurant Sushi und Sashimi für den Abendbetrieb vor und abends studierte sie Betriebswirtschaft. Beim Nachtisch legte Jannek ganz selbstverständlich seine Hand auf die ihre und sie sahen sich lange in die Augen. Es war völlig klar, dass sie von nun an ein Paar waren.
Wie jedes Jahr nutzte Jannek Heiligabend um zu malen, denn an diesem Tag, waren alle beschäftigt und in den Ateliers war es sehr ruhig. Er durchkreuzte Stephens Atelier, der Weihnachten am Bodensee bei seinen Eltern verbrachte. Bevor er abgefahren war, hatte er seine Wände weiß getüncht und wegen der bitteren Kälte, wie er es bei Jannek gesehen hatte, alle Fenster und den oberen Teil mit Bergen von Luftpolsterfolie abgeklebt, die der Wind, jedes Mal, wenn man eintrat, aufblähte. Außerdem hatte er große Mengen Papierblöcke, Kohlestäbchen, Kreiden, Pastellkreiden, Aquarellkästen und Farbstifte angeschafft. Geld schien bei ihm, nur eine nebensächliche Rolle zu spielen. Er hatte einen Zeichentisch aufgestellt und grundierte Leinwände an die Wände gehängt, hatte Papiere aufgezogen und etwas gezeichnet. Diese ersten Malversuche sahen dilettantisch und hölzern aus: Monster wie aus Superhelden-Cartoons, aber mit speckiger Ölfarbe zentimeterdick aufgespachtelt.
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